Das Leben ist zurück auf der Madrider Goya-Straße. Nur Ángel fehlt. Die rote Markise flattert müde im Wind nach dem langen heißen Sommer. Aber die Metalltüren des Kiosks öffnen sich nicht wie sonst Anfang September. Vor 100 Jahren hat seine Großmutter an der belebten Kreuzung im Herzen von Madrid ihre ersten Zeitungen verkauft. Nach 51 Jahren ist ihr Enkel Ángel an der Goya-Straße in Rente gegangen. Wie so viele „Quiosqueros“ hat der 65 Jahre alte Madrilene keinen Nachfolger.
Mit ihm verschwindet ein kleines Stück Madrid und für das Barrio de Salamanca eine Institution. Als Ángel 14 Jahre alt war, half er nach der Schule schon seinen Eltern am Zeitungsstand, nach seinem Militärdienst stieg er dann ganz ein. „Aus einigen Familien hier kenne ich drei Generationen, zuletzt kamen die Enkel“, sagt er. Seine Stammkunden begrüßte er mit dem Vornamen. Ungefragt gab er ihnen „El País“, „El Mundo“ oder „Hola“ – manchen auch „Le Figaro“. Ein kurzer Plausch über die Schlagzeilen, über Fußball oder das Wetter gehörte immer dazu. Für sie hieß Ángel Manuel Ruiz Mazario immer nur Ángel, so wie Fausti, der katalanische Friseur um die Ecke, für alle nur Fausti heißt.
Der Job im Kiosk war fast ein öffentliches Amt
Seine älteste Kundin war 100 Jahre alt und stolzes Mitglied von Real Madrid. Sie holte sich jeden Morgen ein Exemplar von „ABC“. Der Abstecher zum Kiosk an der Calle de Goya 63 war für viele so selbstverständlich wie der morgendliche Kaffee. Auch für die Mitglieder der berühmten Torero-Dynastie Bienvenida, die einen Block entfernt wohnten und jeden Tag bei ihm vorbeikamen. Nach der Schule folgten die Kinder wegen der Sammelbilder der Fußballstars. Lose für die Weihnachtslotterie mit seiner Glückszahl gab es schon im Sommer.

Quiosqueros wie Ángel sind mit ihrer Stadt verwachsen. Sie waren immer da. Für sie ist ihr Knochenjob fast ein öffentliches Amt: Ángels Großmutter öffnete während des Bürgerkriegs, ihr Enkel während der Corona-Pandemie. Kurz nach sechs Uhr schnürte er die dicken Zeitungsbündel auf und drapierte sie nach einer strengen Ordnung auf der übervollen Auslage, die weit auf den Bürgersteig reichte: „Le Monde Diplomatique“, „American“, „Economist“, „Vogue“ waren so selbstverständlich wie alle Illustrierten und Sportzeitungen. Auch „Bild“ und F.A.Z. vom Tag lagen aus – ein Traum für Zeitungsleser, für ihn viel Arbeit.
„Ich bin immer um fünf Uhr aufgestanden und hatte gegen 16 Uhr Feierabend. Früher ging es oft noch viel länger.“ Sieben Tage pro Woche in der kleinen Bude ohne Klimaanlage und Heizung. Bis zur Pandemie half ihm seine Frau Mari, deren Name neben seinem noch auf der roten Markise prangt. Seitdem kam er allein. Der Portier eines Nachbarhauses passte auf, wenn er einmal kurz austreten oder etwas erledigen musste.
Urlaub nur im August
Nur im August, wenn ohnehin kaum jemand in der Stadt ist, gönnte er sich einen Monat Urlaub. Sonst war nur am 25. Dezember, am Neujahrestag und an Dreikönig geschlossen sowie das Wochenende am Ende der Semana Santa. Ein einziges Mal in einem halben Jahrhundert fiel er länger aus. Aber er besiegte den Krebs und machte weiter. Auf dem Zettel, auf dem wochenlang „geschlossen wegen Krankheit“ stand, schrieben Kunden Genesungswünsche.
„Es ist, wie es ist. Auch wenn es schön gewesen wäre, eines meiner beiden Kinder hätte den Kiosk übernommen“, sagt Ángel trocken. Aber die Tochter sei Radiologin, der Sohn Berufssoldat. „Eine Epoche geht zu Ende. Das hier hat keine Zukunft mehr“, meint er und lässt die Zahlen sprechen: Nach der Jahrtausendwende verkaufte er noch 900 Exemplare am Tag, zuletzt waren es nur noch knapp 100.
Er und seine Kollegen lebten von der Geschichte: Die meisten Zeitungen rissen ihm die Kunden am 20. November 1975 aus den Händen, als der Diktator Francisco Franco starb. Die zweitmeisten im Februar 1981, nach dem gescheiterten Militärputsch im Parlament.

Er sah mehr Blätter und Illustrierten als Regierungschefs kommen und gehen. Trotz der Zensur wurde während der Diktatur viel gelesen. Es gab nicht nur Morgen-, sondern auch Abendzeitungen wie „La Voz“ und „Pueblo“, die Arbeiter und Angestellte auf dem Heimweg kauften. Heute lesen die meisten Spanier, wenn überhaupt, immer mehr digital. Am Ende war es nicht die verheerende Finanzkrise, die den Quiosqueros den Rest gab. 2008 dachte auch er, die Finanzkrise würde ihm wirtschaftlich das Genick brechen. Ángel und seine Kollegen erweiterten nun ihr Angebot um Spielzeug, Getränke und kleine Souvenirs.
Das Homeoffice setzt den Kiosken zu
Härter setzte ihnen die Corona-Pandemie zu. Mit dem Lockdown, der in Spanien so lang und streng wie in kaum einem anderen europäischen Land war, kamen sie noch klar. Die Bürger hatten das Recht, sich an Kiosken mit Zeitungen und Zigaretten zu versorgen. Die Kioske blieben geöffnet wie Apotheken und Supermärkte. Doch danach kehrten viele Spanier nicht mehr aus dem Homeoffice zurück. Früher tranken sie auf dem Weg ins Büro in einer Bar einen Kaffee und holten sich dazu eine Zeitung. Danach gaben sie die alte Gewohnheit auf.
Anders als in Deutschland bekommen in Spanien nur wenige Abonnenten ihre Zeitung nach Hause zugestellt. Die alten Quiosqueros verstanden sich als die Hüter der gedruckten Nachrichten. Doch mit den Kiosken verschwinden langsam die Zeitungen. In dem großbürgerlichen Viertel ist im Umkreis von einem halben Kilometer nur noch ein Kiosk übrig geblieben, der es mit Ángels Zeitungsangebot aufnehmen kann. Der Kollege neben dem Metroausgang – ein überzeugter Atlético-Fan, der seinen Stand entsprechend dekoriert hat – hat das Rentenalter schon überschritten. Er will aufhören, wenn er keine Lust mehr hat.
Printausgaben wirken wie ein Alibi
Die Zahlen des Madrider Kioskbetreiber-Verbands AVPPM sprechen für sich. Er zählt nach eigenen Angaben noch etwa 260 aktive Mitglieder. Vor zehn Jahren waren es mehr als doppelt so viele. Mit der Stadtverwaltung laufen bereits Krisengespräche, denn im Jahr 2029 laufen 200 Lizenzen aus, die das Rathaus vergibt. Kioske sind eine Investition, ihre Betreiber brauchen eine längere Perspektive und neue Verdienstmöglichkeiten. So erlaubte die Stadt schon, Geldautomaten einzubauen und Gepäckaufbewahrung anzubieten. Der Verband zeigt dafür Verständnis, pocht aber darauf, die „Essenz“ zu bewahren. Ohne Zeitungen gehe es nicht, glaubt auch Ángel.
Vor allem in der Innenstadt wirken die wenigen Printausgaben nur noch wie ein Alibi. Barcelona renoviert gerade seinen Rambla-Boulevard und führt die Kioske nicht nur baulich auf ihre klassische Form zurück: mit weniger Verkaufsfläche und weit ausladenden Vordächern, die Passanten Schutz vor Sonne und Regen bieten. Zugleich soll Presse wieder Vorrang haben.
Wie in Barcelona wurden in Madrid traditionelle Zeitungsläden zu Souvenirshops. Sie verkaufen Tickets für Stadtrundfahrten und Flamenco-Shows, dazu SIM-Karten für Handys. Andere bieten frischen Kaffee an, ein Stand im benachbarten Ibiza-Viertel probierte es ein paar Jahre lang vergeblich mit Horchata, der traditionellen Erdmandelmilch aus Valencia. An der Ortega-y-Gasset-Straße hält sich ein Literaturkiosk mit regelmäßigen Signierstunden von Autoren.
Es sind immer mehr Einwanderer, die sich in diesen Überlebenskampf wagen. Obwohl die Ablösesummen hoch sind, wollen sie sich selbständig machen und fürchten lange Arbeitstage nicht. Die neuen Quiosqueros kommen laut dem AVPPM-Verband aus fernen Ländern wie Venezuela, Argentinien, Iran und Afghanistan.
Ángel machte seine internationale Kundschaft im Salamanca-Viertel Spaß. Er begrüßte sie mit „Bonjour“ und „Guten Morgen“. Die wenigen Deutschen bat er, ihm dabei zu helfen, seinen Wortschatz zu erweitern. Das hat mit einem großen Traum zu tun. Er will sich nicht nur in sein Haus am Stadtrand zu den Enkeln und in seine Krippenlandschaft zurückziehen, die jedes Weihnachten weiterwächst. Bisher war er im heißen Sommer zu müde, um weiter zu verreisen. Nun will er endlich in den kühlen Schwarzwald fahren, von dem er schon seit Jahren schwärmt.
