„Wie war das alles möglich?“, bringt ein junger Mann das ungläubige Staunen auf den Punkt, wenn man die Antwort auf eine Frage erhält, die plötzlich so offensichtlich und drängend im Raum steht, dass kaum zu fassen ist, wieso sie sich noch nie zuvor stellte. „Mein Freund“, antwortet ihm ein pensionierter Geheimdienstmitarbeiter, „das war 1949. Acht von zehn Personen hatten gefälschte Papiere oder gravierende Korrekturen in ihrem Lebenslauf. Das Leben zählte nichts.“
Diese Entfremdung zwischen den Generationen ist eines der bestimmenden Grundgefühle in „Katharsis“; wie wenn in einem Gespräch mit den eigenen Eltern oder Großeltern über das Vergangene die Erkenntnis einsetzt, dass sich innerhalb nur weniger Jahre der Maßstab für Normalität, für das augenscheinlich Mögliche und Unmögliche fundamental verschieben kann.
Noch heute gibt es eine griechische Minderheit im Land
Auf mehr als sechshundert Seiten und über fünf mitreißende Kapitel, die vom Zweiten Weltkrieg bis in die Zeit unmittelbar nach dem Fall des Eisernen Vorhangs reichen und aus den Leben auf die ein oder andere Weise miteinander verbundener Figuren erzählen, breitet der polnische Schriftsteller und Doktor der Politikwissenschaften Maciej Siembieda in „Katharsis“ einen Stoff aus, der sich wie eine wild fabulierende Legende liest, tatsächlich aber von den weniger beachteten Nebenschauplätzen der Geschichte des 20. Jahrhunderts inspiriert ist.
Im heutigen Polen lebt eine Minderheit von etwa 5000 bis 6000 Griechen, zumeist Nachfahren kommunistischer Flüchtlinge, die im Zuge des Griechischen Bürgerkriegs Ende der Vierzigerjahre ins Land kamen und in den wiedergewonnenen Gebieten angesiedelt wurden. Einer von ihnen ist Kostas Tosidos aus Saloniki, der gern Chemie studiert hätte, stattdessen aber vom antifaschistischen Widerstand rekrutiert, zum Sprengmeister ausgebildet und im Laufe der Jahre von verschiedenen Armeen zwangsrekrutiert wird. Polen erreicht er gemeinsam mit Frau und Kindern versteckt im Frachtraum eines Handelsschiffes, doch das ist noch lange nicht das Ende seiner Odyssee.

Die meisten Protagonisten in „Katharsis“ sind so: durchschnittliche junge Männer, die aufgrund einer besonderen Eigenschaft oder eines Talents in den Strudel der Geschichte hineingezogen werden. Zum Beispiel Zygmunt, der seiner Kreativität beim Süßstoffschmuggel über die Grenzen der Freien Stadt Danzig eine beachtliche Karriere und den Spitznamen Sacharin verdankt, irgendwann aber im Gefängnis und schließlich an der Front landet. Oder Kostas’ Sohn Janis, der seine jugendliche Wut in einer Boxkarriere kanalisiert, es so in die Bürgermiliz des sowjetischen Satellitenstaats und sogar zum Geheimagenten des militärischen Abschirmdienstes bringt.
Politik und Kriminalität sind in „Katharsis“ stets auf dem kurzen Dienstweg miteinander verbunden, beide Systeme leben von der Austauschbarkeit ihrer Amtsträger. Siembieda beschreibt mit pointiertem Humor, wie schnell der Wind sich drehen, wie über Jahre gepflegte Allianzen plötzlich zum Nachteil gereichen können und sich bei der Suche nach neuen Sicherheiten jeder selbst der Nächste ist. Das „allpolnische Programm für die Rettung des eigenen Arsches“, nennt es eine Figur.
Quälende Fragen nach Zugehörigkeit
So schnell hier die Staatsform und der Fokus zwischen den Figuren wechseln, so schnell ändert sich in „Katharsis“ auch das Genre, ist mal epischer Abenteuerroman, mal Spionagethriller oder Gangsterposse im Schmugglermilieu, immer aber die Saga der Familie Tosidos – beziehungsweise Tosidowski. Maciej Siembieda wurde in Polen mehrfach für seine historischen Reportagen ausgezeichnet, und seinem reportagig lebhaften, im besten Sinne niedrigschwelligen Stil ist es auch zu verdanken, dass man in „Katharsis“ nicht von der Fülle an Personal, Handlungsbögen und exzellent recherchiertem Geschichtswissen erschlagen wird.
Schnelle Szenenwechsel gehen dem Autor leicht von der Hand, befördern Leser und Protagonisten immer wieder unmittelbar in neue Gefahrensituationen, an die Kriegsfront oder in streng geheime schlesische Uranbergwerke. Neben politischen Bruchlinien spielen auch die persönlichen Verwerfungen innerhalb einer von ihrer Migrationsgeschichte geprägten Familie in „Katharsis“ eine zentrale Rolle: Während es nach Kostas’ Ankunft in Polen in erster Linie um das nackte Überleben geht, quält sich sein Sohn zwei Jahrzehnte später mit Fragen nach Identität und Zugehörigkeit, leidet unter dem eisernen Schweigen seiner Eltern, die sich weigern, in den Wunden der Vergangenheit zu stochern.
Man könnte sich das alles, die charismatischen jungen Männer, den Partisanenkampf in griechischen Berglandschaften, den Grenzverkehr um Danzig und die Minen in Kowary, leicht auch als aufwändig europäisch koproduzierte Serie vorstellen. Fürs Erste wäre es aber schon ein großer Gewinn, ließe der Polente Verlag auf „Katharsis“ noch zeitnah die beiden Fortsetzungen von Maciej Siembiedas Griechischer Trilogie in der deutschen Übersetzung von Ewa Krauss folgen.
Maciej Siembieda: „Katharsis“. Roman. Aus dem Polnischen von Ewa Krauss. Polente Verlag, Wien 2026. 632 S., br., 24,– €.
