
Herr Straub, wenn ein Verwandter auf einer Familienfeier fragt, was Sie eigentlich genau machen, was antworten Sie ihm?
Wahrscheinlich würde ich sagen, dass ich versuche, Modelle zu bauen, um das wirtschaftliche Klima vorherzusagen, so wie Meteorologen mit Modellen das Wetter vorhersagen. Gleichzeitig will ich helfen, Wirtschaftskrisen zu bekämpfen.
Das Problem in meinem Feld der Makroökonomik ist, dass wir keine Experimente machen können. Wir können nicht einfach die Geld- oder Fiskalpolitik eines ganzen Landes ändern, um einmal auszuprobieren, was am besten funktioniert. Deshalb brauchen wir gute Modelle.
Gute Modelle sind die, die der Realität nahekommen?
Ja, aber man kann natürlich nicht alles in Modellen abbilden. Deshalb muss man abstrahieren. Die Kunst liegt darin, die entscheidenden Parameter zu berücksichtigen und die unwichtigen zu vernachlässigen. Das ist wie in der Klimaforschung.
In der Klimaforschung hat man irgendwann festgestellt, dass Wolken als Einflussfaktor wichtiger sind als gedacht. Nach welcher Heuristik gehen Sie in makroökonomischen Modellen vor, um die wichtigen von den unwichtigen Faktoren zu unterscheiden?
Tolle Frage. Genau das ist die Krux unserer Forschung. Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, worauf es ankommen könnte. Ein Beispiel: Vor 25 Jahren gab es in makroökonomischen Modellen meist nur einen Haushalt, der optimiert hat, wie viel Konsum er sich leistet, wie viel er sparen und wie viel er arbeiten möchte. Das war schon schwierig, weil da bereits viele Faktoren hineinspielen. Es gab also den Modellhaushalt, die Modellfirma und die Regierung. Dann wurde mit den Modellen durchgespielt, was passiert, wenn die Zentralbank den Leitzins senkt oder die Regierung Geld verteilt.
Wie das zum Beispiel während der Covid-Pandemie gemacht wurde.
Ja. Die alten Modelle mit dem einen Modellhaushalt hätten ein ungewöhnliches Konsumentenverhalten nahegelegt. Denen zufolge hätte der Haushalt den Scheck vom Staat fast komplett gespart, entsprechend der Konsumhypothese, dass Verbraucher auf vorübergehende Einkommenserhöhungen kaum reagieren. Das passt weder zur Intuition noch zu den Resultaten der empirischen Wirtschaftsforschung. Von denen weiß man: Wenn man zufällig ausgewählten Leuten auf der Straße 1000 Dollar geben würde, würden sie im Schnitt die Hälfte der 1000 Dollar im ersten Jahr ausgeben.
Tatsächlich haben die Leute während Covid das Geld vom Staat ausgegeben.
Ja, aber in den vereinfachten Modellen hätte sich der fiskalische Impuls in der Wirtschaft kaum gezeigt. Und er hätte auch keine Inflation verursacht.
War Covid ein Scheidepunkt für die Makroökonomie?
Die Modelle wurden schon vorher differenzierter. Doch Covid war auf alle Fälle wichtig. Die Fiskaltransfers des Staates und die Inflation, die sie mitverursacht haben, waren so groß, dass viele Ökonomen die etablierten Modelle infrage stellten. Sie konnten nicht länger die Inflation und den steigenden Konsum ignorieren, die es laut Modell gar nicht hätte geben dürfen.
War das der Zeitpunkt, die alten Modelle aufzugeben?
Andere Forscher und ich haben schon länger an neuen Varianten gearbeitet. Wir haben aber die Gunst der Stunde genutzt, um einer breiteren Öffentlichkeit zu erklären, dass wir die alten Modelle einmotten sollten. Sie haben tolle Qualitäten in manchen Bereichen, scheitern in anderen spektakulär.
Wie sieht der Modellhaushalt in den neuen Modellen aus?
Den gibt es nicht mehr. Es gibt eine Vielfalt an Haushalten, die sich nach Einkommen, Vermögen und liquiden Mitteln unterscheiden. Nehmen wir als Beispiel junge Leute, die von der Hand in den Mund leben. Wenn die 1000 Dollar bekommen, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass sie das Geld auch ausgeben, anders als bei Leuten, die viel Geld auf der hohen Kante haben und fürs Alter sparen wollen. Wenn man in den modernen Modellen den fiskalischen Impuls simuliert, kommt man zu ganz anderen Ergebnissen, weil sie die unterschiedlichen Vermögens-, Einkommens- und Liquiditätslagen und die unterschiedlichen Lebenslagen berücksichtigen.
Haben die neuen Resultate die Debatte verändert?
Ja, würde ich sagen. Allerdings haben einige Ökonomen zunächst noch behauptet, die Finanzspritzen des Staates würden, wenn überhaupt, nur kurzfristig die Wirtschaft ankurbeln. Längerfristig aber würde nichts passieren.
Die berühmte Behauptung der Federal Reserve, die Inflation sei transitorisch.
Exakt. Es gab nicht so viele, die vorhergesagt haben, dass das Geld noch länger in der Wirtschaft zirkuliert und damit die Inflation hartnäckiger macht, wie unsere Berechnungen prognostiziert haben.
Außer dem ehemaligen Harvard-Ökonomen Larry Summers, oder?
Ja, aber nicht, weil er sich an die Mathematik eines Modells gekettet hätte. Larry Summers hat einfach eine ausgeprägte Intuition, wie die Wirtschaft funktioniert. Für ihn war klar, dass ein plötzliches Defizit von 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), wie das während der Covid-Pandemie, Inflation produzieren muss.
Sie haben mit Ihrer Forschung eine neue Deutung von Staatsschulden geliefert und die interessierte Öffentlichkeit unter anderem mit der These überrascht, dass sich die USA eine Staatsschuldenquote im Verhältnis zum BIP in Höhe von bis zu 250 Prozent leisten könnten, während Ihr Harvard-Kollege Kenneth Rogoff vor einer Schuldenquote von oberhalb 90 Prozent eindringlich warnte. Hat Ihr Ergebnis mit der Berücksichtigung der Heterogenität der Haushalte zu tun?
Ja. Dazu muss ich ausholen. Wir stecken in einem tiefen Strukturwandel, dessen Folgen für uns manchmal schwer zu erfassen sind. Ein Beispiel: Im Jahr 2000 hatte Japan eine Schuldenquote von 135 Prozent. Experten waren erschrocken und warnten eindringlich, das werde böse enden. Jetzt verzeichnet Japan eine Staatsschuldenquote von mehr als 200 Prozent. Und das Land gibt es immer noch, die Wirtschaft ist nicht zusammengebrochen.
Wie erklären Sie sich das?
Der wichtigste Aspekt ist unserer Forschung zufolge, dass die japanische Gesellschaft und Wirtschaft so alt sind. In einer stark alternden Volkswirtschaft entfachen die Leute eine starke Nachfrage nach Vermögenswerten, mit denen sie ihren Ruhestand absichern können. Wenn die Nachfrage nach Vermögenswerten groß ist, dann können zum Beispiel Regierungen Staatsanleihen mit niedrigen Zinsen ausgeben. Deshalb ist Japans Schuldenberg stabil.
Stabil heißt, die Zinsen explodieren trotz gewaltiger Schulden nicht und ruinieren damit nicht die Wirtschaft.
Ist das auf andere vergreisende Gesellschaften übertragbar?
In begrenztem Umfang gilt das auch für die Vereinigten Staaten, wo die Alterung langsamer voranschreitet. Und Deutschland ist noch einmal anders. Unsere Forschung besagt, dass wir nicht überrascht sein sollten, wenn der staatliche Schuldenberg in den USA in den nächsten 75 Jahren weiter anschwillt auf bis zu 200 bis 250 Prozent des BIP, und dass das auch irgendwie finanzierbar bleibt. Wir erleben gerade den langsamen Übergang zur grauen Volkswirtschaft.
Ist „graue Volkswirtschaft“ bereits ein fester Begriff?
Ja. Aber der Nachfrageeffekt auf Vermögenswerte ist nur eine Veränderung von vielen. In einer grauen Volkswirtschaft ist es auch der Fall, dass der Staat sehr viel mehr Geld für Krankenversorgung und Rente ausgeben muss. Meinem imaginären Verwandten würde ich das vielleicht mit einer Analogie aus der Geologie erklären: Das sind oft langsame, gut vorhersehbare Bewegungen, wie die tektonischen Platten, die man lange ignorieren kann. Aber irgendwann bebt es, und das System muss angepasst werden.
Was heißt das auf die Staatsverschuldung übertragen?
Der Staat stellt plötzlich fest, dass er nicht mehr genug Geld hat. In Deutschland wachsen meinen Abschätzungen zufolge die jährlichen Ausgaben für Krankenversicherung, Rente und Pflege allein aufgrund fortschreitender Alterung jedes Jahr um mehr als 20 Milliarden Euro. Das kann man eine Weile vernachlässigen, aber an der Arithmetik lässt sich wenig rütteln.
Kommt nicht als mögliches Problem hinzu, dass in Deutschland die Zinsen gar nicht so niedrig bleiben müssen, weil der deutsche Anleger sein Geld auch in den USA anlegen könnte?
Es zeigen sich zwei grundlegende Unterschiede zwischen den USA und Deutschland. Deutschland stellt eine umfassende gesetzliche Rentenversicherung bereit. Deshalb gibt es hier weniger private Altersvorsorge. In Amerika spielt die private Altersvorsorge eine deutlich größere Rolle, mit zwei Effekten: Die gesetzlichen Rentenausgaben steigen nicht so schnell, und die Nachfrage nach Vermögenswerten ist groß und dämpft die Zinsen. Tatsächlich kommt hinzu, dass in Deutschlands offener Volkswirtschaft Anleger oft ihr Geld auch in den USA oder anderen Ländern anlegen. Das lässt den dämpfenden Effekt auf die Zinsen etwas verpuffen.
Ist das nicht eine reale Gefahr, weil Deutschland den USA seit Jahren im Wirtschafts- und Produktivitätswachstum hinterherhinkt?
Das ist die Lage, in der viele Länder stecken. Deutschland ist immer noch ein innovatives Land. Man kann hoffen, dass die kommenden Reformen die Wirtschaft wieder in Schwung bringen.
Ihre Forschung zeigt auch, dass staatliche Konjunkturpakete oft nicht zielgenau sind. Warum?
Staatshilfe wird oft mit der Gießkanne ausgegossen. Während Covid zahlte die US-Regierung Arbeitslosen einen Festbetrag aus, weil die veraltete Computertechnik nicht erlaubte, die Arbeitslosenhilfe am alten Lohn zu orientieren. In der Folge bekamen viele Arbeitslose mehr Geld, als sie zuvor in ihrer Beschäftigung verdienten.
Sie haben simuliert, welche staatliche Hilfe am effektivsten wäre, wenn die USA Dänemark wegen der Weigerung, Grönland abzutreten, mit Zöllen von 40 Prozent bestrafen würden. Das Ergebnis war überraschend.
Wir können mit unserem Modell dank dänischer Daten über Zahlungsströme nachvollziehen, wie sich ein Schock wie eine solche Zollerhöhung ausbreiten würde. Und daraus können wir ableiten, welche Hilfsmaßnahme zur Abfederung des Schocks am wirksamsten wäre. Man könnte auf die Idee kommen, der von Zöllen gebeutelten Exportindustrie zu helfen. Wir zeigen, dass fiskalische Transferprogramme das gesamtwirtschaftliche BIP wirksamer ankurbeln, wenn sie gezielt Gruppen erreichen, die eine hohe Ausgabenintensität für Arbeitslose aufweisen. Das hat Implikationen, die weit über Dänemark hinausgehen. Wir können Regierungen zeigen, wo und wie ihre Programme die größte Wirkung haben.
Immer mehr Politiker beklagen heutzutage Ungleichheit. Ist sie überhaupt ein ökonomisches Problem?
Brenzlige Frage. Sie wird zum Problem für die Gesamtwirtschaft, wenn dadurch so viel gespart und so wenig konsumiert wird, dass sich der neutrale Zins Richtung null bewegt. Das führt auch dazu, dass sich Leute im unteren Einkommenssegment weiter verschulden, weil der niedrige Zins ihnen das erlaubt. Das war der Cocktail, den wir vor der Finanzkrise angerührt haben. Grundsätzlich habe ich kein Problem damit, wenn Leute sehr reich werden, weil sie sich am Markt ehrlich durchgesetzt haben. Ich habe kein Problem mit Taylor Swift.
Zur Person: Ludwig Straub
Im Sportteil würde man sagen, Ludwig Straub ist eine der größten Nachwuchshoffnungen seiner Disziplin. Er ist mit 38 Jahren ein Jahr jünger als Lionel Messi, hat aber anders als dieser noch den Großteil der Karriere vor sich. Seine Forschung wurde im April mit der John-Bates-Clark-Medaille der American Economic Association ausgezeichnet, mit der jedes Jahr die besten Ökonomen unter 40 geehrt werden. Die Auszeichnung, die Größen wie Paul Samuelson, Milton Friedman, Paul Krugman und Esther Duflo bekamen, wird halb spöttisch Babynobelpreis genannt: 16 Bates-Clark-Medaillenträger erhielten später den Nobelgedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften.
Ursprünglich wollte Straub sich der Physik und Mathematik widmen. Doch nach Bachelorabschluss an der Ludwig-Maximilian-Universität München und einem Master am Trinity College in Cambridge kam der Sinneswandel. Er wollte nicht Jahre in einer Nische der hoch theoretischen Physik verbringen, von der unklar ist, ob sie praktische Relevanz erlangt. Entsprechende Angebote lehnte er ab, um etwas Neues zu wagen. Er entschied sich für die Wirtschaftswissenschaften und bezeichnet das heute als eine der besten Entscheidungen seines Lebens. Über den Umweg Universität Bonn kam er ans Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er 2018 seinen Doktortitel erlangte. Im selben Jahr wechselte er an die Harvard-Universität. Dort ist der Vater von drei Kindern, der zur Arbeit radelt, seit 2024 Professor. Das ist eindrucksvoll für einen, der genau genommen keine wirtschaftswissenschaftliche Grundausbildung genossen hat.
