Ein neues Kürzel macht von sich reden: „ELTIF“. Die auffällige Nähe zu einem anderen Kürzel ist dabei durchaus beabsichtigt. Zeigt doch der Siegeszug der ETF, dass Abkürzungen Anleger nicht vom Kauf eines Wertpapieres abhalten. Im Gegenteil: Kein anderes Anlageprodukt hat in der Vergangenheit so viele Milliarden an neuen Anlagegeldern auf sich vereint wie „Exchange-Traded Funds“ – also börsengehandelte Indexfonds, die die Wertentwicklung eines Aktienbarometers wie des Dax eins zu eins abbilden.
ELTIF sind aber nun keineswegs die neuen und schickeren ETF, wie manch einer angesichts des sehr ähnlichen Namens denken könnte. Die Abkürzung steht für „European Long-Term Investment Fund“ (in etwa: „Europäischer Langzeit-Investmentfonds“) und ist in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenstück zu Indexfonds: ETF lassen sich jederzeit über die Börse kaufen und verkaufen, bei ELTIF ist die Rückgabe von Anteilen dagegen nur mit gewissen Einschränkungen möglich. Bei ETF lässt sich der aktuelle Wert der Anlage jederzeit über die Börse ablesen, bei ELTIF funktioniert das nicht.
Allerdings locken viele Anbieter der Langzeit-Fonds auch mit einem Versprechen, das all diese Einschränkungen erträglich zu machen scheint: Sie stellen mitunter Renditen im zweistelligen Prozentbereich in Aussicht. Das scheint zu verfangen, wie jüngste Zahlen der Fondsratingagentur Scope zeigen. Danach haben Anleger in Deutschland 4,4 Milliarden Euro in ELTIF investiert. Das ist zwar nicht vergleichbar mit den vielen Milliarden, die mittlerweile in Indexfonds stecken, aber ein Zuwachs um mehr als die Hälfte im Vergleich zu 2024.
Lohnen sich ELTIF also – und was genau steckt nun eigentlich dahinter? Die zweite Frage wird gleich ausführlich beantwortet, zu der ersten Frage sei an dieser Stelle zunächst einmal nur so viel verraten: Es kommt darauf an.
Was hinter ELTIF steckt
Die Renditehoffnungen mancher Käufer wecken ELTIF deswegen, weil sie ganz normalen Anlegern Zugang zu einer bisweilen sagenumwobenen Anlageart eröffnen: den sogenannten „Private Markets“. Dahinter verbirgt sich eine Form der Geldanlage, die anders als Aktien und Anleihen eben nicht an den Börsen („public markets“) gehandelt wird. In dieser Welt der „Private Markets“ wimmelt es nur so von englischen Begriffen: Zu ihnen gehört zum Beispiel „Private Equity“, also Beteiligungen an Unternehmen, die nicht an der Börse notieren. Dazu zählt „Private Debt“, das sind Kredite, die nicht über eine Bank, sondern unter anderem eben von den ELTIF-Fonds an Unternehmen vergeben werden. Und das ist der ganze Bereich der Infrastruktur, in dem die ELTIF-Fonds das Geld ihrer Anleger zum Beispiel in Straßen, Brücken und Windparks investieren können.
Wem jetzt schon der Kopf schwirrt, für den sind ELTIF wohl eher nicht geeignet. Alle anderen könnten die enorme Bandbreite aber auch als eine gute Gelegenheit begreifen, findet Scope-Analystin Sonja Knorr. Sie sagt: „ELTIF bieten umfassende Investitionsmöglichkeiten, die Klaviatur ist sehr umfangreich. Dies kann helfen, das eigene Vermögen breiter zu streuen.“
Was positiv an den Fonds ist
Das ist tatsächlich das Positive an den neuen Fonds: Früher waren solche Investitionen allein hochvermögenden Menschen vorbehalten. Summen von schnell mehreren Hunderttausend Euro oder noch mehr waren nötig, um auf diesem Feld mitzumischen. Es war die Europäische Union, die schon im vergangenen Jahrzehnt versucht hat, diese Barriere aufzubrechen. Sie hat einen verbindlichen Rechtsrahmen geschaffen, der für alle Fonds gilt, die zur Kategorie ELTIF gehören: Diese Fonds können Anleger in ganz Europa kaufen, und sie haben seit einiger Zeit keine rechtlich festgelegten Mindestanlagesummen mehr. Anders ausgedrückt: Im Prinzip kann nun jeder abseits der Börse investieren. Die EU handelt dabei nicht ganz uneigennützig; seit Jahr und Tag sprechen Politiker davon, dass das Geld der Bürger nicht ohne Zinsen auf dem Girokonto versauern, sondern besser in den Aufbau europäischer Infrastruktur fließen sollte.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Wer sich als Anleger für solch übergeordnete Ziele nicht interessiert, könnte sich von einem anderen Gedanken überzeugen lassen: In Europa notiert nur ein geringer Teil der Unternehmen an der Börse. Die meisten Firmen – man denke nur an den Mittelstand – haben mit dem Aktienmarkt nichts zu tun. Die ELTIF-Fonds versprechen ihren Anlegern, am Geschäftserfolg dieser Firmen teilzuhaben. Das Interesse an den Fonds war trotzdem lange mau. Fahrt nimmt die Sache erst auf, seitdem zwei große Namen aus der jungen Finanzwelt ihren Kunden ELTIF-Fonds anbieten: Die Rede ist von Trade Republic und Scalable Capital.
Wo die Einschränkungen von ELTIF liegen
Es gibt aber leider auch Einschränkungen, die Scope-Analystin Knorr klar benennt: „Die grundsätzlich höheren Renditeaussichten gehen mit einem Nachteil einher. ELTIF sind weniger transparent und eingeschränkter handelbar als beispielsweise Aktien, Anleihen oder Indexfonds.“ Es handele sich bei vielen ELTIF um den Versuch, aus etwas Illiquidem, also einer schwer handelbaren Anlage, etwas Handelbares zu machen. „Das kann in ruhigen Zeiten gut funktionieren, aber in Krisenzeiten können solche Modelle unter Druck geraten.“
Das Problem dürfte vielen Anlegern noch aus den teils leidvollen Erfahrungen mit den sogenannten offenen Immobilienfonds bekannt sein. Die gerieten 2012 in eine schwere Krise, weil zu viele Anleger ihre Fondsanteile zum gleichen Zeitpunkt zurückgeben wollten. Eine Immobilie aber lässt sich nicht einfach so losschlagen, einige Fonds gerieten in Schieflage. Ähnlich schwierig kann es sein, eine Beteiligung an einem Unternehmen vorzeitig loszuwerden.
Manche ELTIF haben darum von vornherein feste Laufzeiten; ein Ausstieg vor dem Ende der Laufzeit ist in der Regel nicht möglich. Andere ELTIF-Fonds, in der Branche gerne als „semi-liquide“ bezeichnet, geben zwar die Möglichkeit zum Ausstieg – beispielsweise unter Berücksichtigung einer bestimmten Mindestanlagedauer und von Kündigungsfristen. Ob das in einer echten Krise tatsächlich funktionieren würde, weiß man allerdings nicht. Der Praxistest steht aus. Die jüngsten Erfahrungen aus Amerika lassen nichts Gutes vermuten: Dortige Fonds gerieten jüngst unter Druck, weil sie auf „Private Debt“ gesetzt hatten.
Geduld und gute Nerven sind darum wichtige Voraussetzungen für alle, die sich an ELTIF heranwagen wollen. Mehr als zehn Prozent des eigenen Vermögens sollte die Investition selbst nach Ansicht der glühendsten Befürworter nicht ausmachen. Bei der Auswahl sollten Anleger zwei Punkte genauer prüfen. Zunächst ist ein Blick auf die Gebühren nötig, die saftig ausfallen können: Im Schnitt müssen Privatanleger laut Scope laufende Kosten von 1,82 Prozent des investierten Vermögens im Jahr zahlen. Hinzu kommen häufig noch Erfolgsgebühren, wenn eine Renditeschwelle überschritten wird. Am teuersten sind jene Fonds, die ihren Schwerpunkt auf Private Equity legen.
Der zweite Punkt ist Fachfrau Knorr mindestens genauso wichtig: Da man im Vorhinein nicht weiß, ob ein ELTIF mit seinen Investments Erfolg haben wird, sollten Anleger Anbieter mit „einer leistungsstarken Historie“ wählen. „Solche etablierten Gesellschaften haben bereits unter Beweis gestellt, dass sie auch in schwierigen Marktphasen erfolgreich sein können.“ Knorr selbst nennt zwar keine Namen, aber dazu gehören beispielsweise Anbieter wie Apollo, Blackrock oder EQT. Eine Erfolgsgarantie ist das freilich auch nicht.
Es wird deutlich: In ELTIF zu investieren, das muss man wirklich wollen.
