Vom Stammsitz des Familienunternehmens Stecher in Sauldorf-Krumbach, einem kleinen badischen Dorf zwischen Pfullendorf und Tuttlingen, geht der Blick über wohl bestellte Äcker. Einige sind durch den blühenden Raps gelb gefärbt. Es ist nicht zuletzt diese Aussicht gewesen, die Günter Stecher zu seinem Vergleich inspiriert hat. „Wir haben gutes Saatgut, aber das fällt zurzeit auf Betonboden“, sagt er. „Es gab mal eine Zeit, da war der Boden gut, es hat geregnet, und das Saatgut kam zur richtigen Zeit.“
Stechers Saatgut sind Anlagen zur Automatisierung von industriellen Fertigungsprozessen. Mit ihnen hat der Unternehmer anfangs seine eigene Produktion effizienter ausgerichtet, bevor er den von seinem Vater gegründeten Drehteile-Spezialisten mit der neuen Entwicklung aus der Abhängigkeit von der Autoindustrie befreien wollte.
„Die Art der Automation ist absolut zukunftsfähig“, erklärt der 60 Jahre alte Stecher-Chef. „Mir war schnell klar, dass die neue Idee ein eigenes Produkt sein kann, um das Unternehmen zu stabilisieren.“ Doch die Saat ging nicht auf. Die ausbleibenden Investitionen der Industrie in Deutschland sind der Betonboden, der die Ideen von Günter Stecher nicht keimen lässt. Anfang April ist die Stecher-Gruppe in die Insolvenz gegangen.
Fall Stecher steht für die Probleme des Wirtschaftsstandorts
Auf den ersten Blick ist die Nachricht von der Zahlungsunfähigkeit eines kleinen Zulieferers zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee, der große Maschinenbauer und vor allem auch die Autoindustrie beliefert, im Frühjahr 2026 nichts Ungewöhnliches. Im Zuge der Krise der zwei baden-württembergischen Kernbranchen steigt die Zahl der Insolvenzen im Südwesten kontinuierlich – seit 2023 um mehr als 30 Prozent. Der Fall Stecher ist aber mehr als ein Beispiel unter vielen, er steht für grundlegende Strukturprobleme.
Das kleine Familienunternehmen mit seinen fast 200 Mitarbeitern hat genau das gemacht, was Zulieferern seit Jahren geraten wird: Stecher hat andere Kunden gesucht, sich von der Autoindustrie emanzipiert – und ein neues Produkt entwickelt. Gemeint ist damit eine Automatisierungszelle mit zugehöriger Software, für die das Unternehmen 2019 eine neue Tochtergesellschaft gegründet hat. Die Idee besteht darin, dass eine traditionelle industrielle Fertigungslinie mit verschiedenen Stufen in die einzelnen Bearbeitungsschritte aufgespalten wird.

Fahrerlose Transportsysteme verbinden diese Einzelzellen und bringen die bearbeiteten Teile von einer Station zur nächsten. Der große Vorteil ist, dass auf einer solchen Anlage unterschiedliche Metallkomponenten bearbeitet werden können, ohne dass die gesamte Produktionslinie umgebaut werden muss. Möglich ist das, indem ein Teil etwa nur in den Zellen eins, drei und vier, ein anderes Teil dagegen in den Zellen vier, acht und neun gefräst, gestanzt, zerspant oder poliert wird.
„Schwäbisch-badische Schläue“ reicht nicht mehr
Als kleines Unternehmen ohne großen internationalen Vertrieb hat sich Stecher mit seiner Automatisierungsidee auf Kunden aus Deutschland, Österreich und der Schweiz konzentriert. „Wir dachten, da sind die Personalkosten am höchsten, und da hat man dann durch unsere Lösungen auch den größten Nutzen“, sagt Stecher. „Die Wirklichkeit ist aber die, dass hier überhaupt keiner mehr etwas investiert. Die Unternehmen folgen den Märkten oder den günstigen Kosten.“
Vor Jahren habe man Wettbewerbern mit „schwäbisch-badischer Schläue“ noch etwas entgegensetzen können. „Gerade sitzt unser größter Gegner aber in Berlin, die Rahmenbedingungen haben sich dermaßen verschlechtert“, erzählt der Unternehmer frustriert. „Und das trifft eben nicht nur uns, sondern auch unsere Kunden.“ In der Tat sinken die Investitionen privater Unternehmen in Deutschland seit geraumer Zeit. 2022 haben sie noch einen Anteil von 18,7 Prozent am Bruttoinlandsprodukt ausgemacht, drei Jahre später waren es nur noch 17,1 Prozent.
„Hinzu kommt, dass zuletzt auch die Investitionen deutscher Unternehmen im Ausland zurückgegangen sind – das ist nur so zu erklären, dass in Zeiten weltwirtschaftlicher Unsicherheit Unternehmen auch im Ausland größere Ausgaben scheuen“, sagt Moritz Kraemer, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg. Zuvor seien die Auslandsinvestitionen dagegen gestiegen. „Das lag zum einen an den Standortbedingungen in Deutschland, aber vor allem an den Gewinnen, die Unternehmen im Ausland erwirtschaftet und dann dort investiert haben.“
Investitionsschwäche kommt im Arbeitsmarkt an
Die Investitionsschwäche lähmt den Südwesten und wirkt sich auch auf den Arbeitsmarkt aus. Nach Angaben des Statistischen Landesamts stieg die Zahl der Menschen ohne Arbeitsplatz in Baden-Württemberg in den Jahren 2023 und 2024 jeweils um zehn Prozent. 2025 erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen um 8,8 Prozent auf nun 293.700. Nach einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hält der Trend auch in diesem Jahr an, auch wenn die Arbeitslosigkeit vorerst nicht so schnell steigt wie zuvor.
In Sauldorf-Krumbach haben am Ende zwei wegen des Irankonflikts stornierte Aufträge für Automatisierungszellen die Insolvenz ausgelöst. „Der Tag, an dem ich den Entschluss gefasst habe, dass es nicht weitergeht, war einer der trübsten Tage in meinem Leben“, sagt Günter Stecher. „Ich war allein im Wald spazieren. Als ich mir eingestehen musste, dass ich es aus eigener Kraft nicht schaffe.“ Immer wieder spielt der Unternehmer mit dem silbernen Ring an seiner rechten Hand, rückt die Brille zurecht und streicht sich das weiße Hemd mit dem gelb-rot-beigen Stecher-Logo glatt.
Der 60-Jährige spricht offen, weicht keiner Frage aus. Aber an seiner belegten Stimme ist ihm anzumerken, wie sehr er damit zu kämpfen hat, dass er es nicht vermochte, das Unternehmen seiner Familie in die Zukunft zu führen. „Es ist schon sehr traurig“, sagt er. Mitarbeiter Nummer drei sei er gewesen, direkt nach der Hauptschule ist er zum Vater in den gerade gegründeten Betrieb gegangen.
„In Baden ist die Berufswahl manchmal schon erledigt durch Geburt“, erzählt Stecher. Nach Feierabend geht er zur Abendschule, neun Jahre lang. Er macht seinen Meister in Elektrotechnik, der Betriebswirt folgt. Und vor einigen Jahren überzeugte Günter Stecher sogar den eigenen Sohn, in das Familienunternehmen zu wechseln. „Ich musste mich ein bisschen bei ihm bewerben. Er hat dann als Ingenieur die Automatisierung vorangetrieben“, sagt er.
Das „verführerische Gift“ der Autoindustrie
Die Probleme eines metallverarbeitenden Zulieferers hat Günter Stecher da schon lange gesehen – und er wollte sie lösen. Gegründet 1964, hat die Stecher-Gruppe vor allem Drehteile aus schwer zerspanbarem Metall hergestellt. Hauptkunde war viele Jahre lang die Autoindustrie mit „ihrem verführerischen Gift“. Große Stückzahlen, aber auch hoher Kostendruck und kleine Margen. Das Geschäft sei mit der Zeit immer unattraktiver geworden. „Die Hersteller fragen ihre Teile überall in der Welt an, und derjenige bekommt den Auftrag, der das beste Setting hat“, erläutert Stecher. „Man kommt auch mit einer hochautomatisierten Produktionslinie in Deutschland nicht gegen einen subventionierten Wettbewerber aus China an.“
Bereits 2013 beginnt das Unternehmen mit der Entwicklung eigener Automatisierungslösungen. „Wir haben uns damit beschäftigt, um die eigene Fertigung effizienter zu organisieren und den enormen Kostendruck bei den Drehteilen auszuhalten“, erzählt der Stecher-Chef. Schnell habe es auch Kundenanfragen gegeben, die sich für die Lösung interessierten. Für die sogenannte „Matrix-Zelle“ erhält das Unternehmen 2020 sogar den Innovationspreis des Landes Baden-Württemberg. Zeitgleich versucht sich Stecher von der Autoindustrie zu lösen und gewinnt vermehrt Kunden aus dem Maschinenbau, der Chemieindustrie und der Medizintechnik.

Den Corona-Lockdown im Landkreis Sigmaringen, der zu den am heftigsten in Baden-Württemberg betroffenen Regionen zählte, meistert die Stecher-Gruppe noch mit einem Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Die Investitionszurückhaltung potentieller Industriekunden war aber dann zu viel. „Wir haben keinen Masterfehler gemacht, es war die Vielzahl der Einschläge – von Corona über die Energiepreise bis zu den Bürokratiekosten“, sagt Stecher.
Und dann bricht es aus Günter Stecher heraus. Man habe transformiert, überlegt, sich bewegt, immer wieder Geld in die Firma gestopft – und dann sei ihm und seiner Familie der Sprit ausgegangen. „Wir wollten vor einem Jahr noch einmal Zeit gewinnen, bis die neue Regierung steht. Kanzler Friedrich Merz hat ja gesagt, haltet durch, ihr Mittelständler, wir schaffen das“, erklärt der Unternehmer. „Aber was kam, war das Gegenteil. Die Politik der Regierung ist brutal wirtschaftsfeindlich.“
Anfang April folgt der Gang zum Insolvenzgericht
Am 9. April, einem Donnerstag, ging beim Amtsgericht Hechingen der Insolvenzantrag ein. Als vorläufiger Insolvenzverwalter für die Stecher-Automation hat nun Sebastian Krapohl das Sagen – er bestimmt, was mit dem Teil der Stecher-Gruppe geschieht, der das Familienunternehmen eigentlich retten sollte. „Die Insolvenz war ein schwerer Schritt, aber es gibt einen gesetzlichen Rahmen – und dann muss man irgendwann den Antrag stellen“, sagt Krapohl.
Der Stuttgarter Rechtsanwalt von der Kanzlei Görg hört genau hin, wenn Günter Stecher spricht. Ab und an scheint es so, als ob Krapohl mit dem Unternehmer mitleidet, er ihm am liebsten helfen will. Seine Aufgabe verbietet aber genau das. Er muss in den kommenden Monaten Idee und Unternehmen zu einem möglichst hohen Preis verkaufen, um so viele Gläubiger wie möglich zu bedienen. „Wir haben hier ein gutes, zukunftsfähiges Produkt. Wir haben einen Geschäftsbetrieb mit guten Mitarbeitern“, sagt Krapohl. „Da kann man etwas draus machen, auch in einem Insolvenzverfahren.“
Krapohls Kollegen von der Kanzlei Grub Brugger haben es da bedeutend schwerer. Sie müssen einen Käufer für die Drehtechnik-Tochtergesellschaft der Stecher-Gruppe finden. „Ambitioniert“ nennt Rechtsanwalt Tobias Rentschler die Aufgabe. Obwohl sich das Unternehmen eine Nische gesucht hat mit Kleinserien, komplexen Teilen und Werkstoffen, die nicht jeder bearbeiten kann, ist der Betrieb letztlich ein CNC-Bearbeiter wie so viele andere Zulieferer in Deutschland auch. Allenfalls die beiden Auslandsstandorte in der Türkei und Rumänien, die bei wesentlich geringeren Lohnkosten für die Muttergesellschaft in Sauldorf-Krumbach einen Teil der Komponenten produzieren, könnten eine Übernahme interessant machen.
Schwierige Investorensuche bei der Drehtechnik
Ähnlich realistisch blickt Günter Stecher auf das einstige Kerngeschäft Drehtechnik. „Einen solchen Produktionsstandort zu verkaufen, das ist eine Aufgabe“, sagt der Unternehmer. „Ich weiß nicht, ob das funktioniert, aber da sind ja noch die Auslandsstandorte mit dabei, dann könnte das Paket wieder interessant sein.“ Beide Insolvenzverwalter haben die Unternehmensberatung Wayes in die Investorensuche einbezogen. Bis Ende Juni zahlt die Agentur für Arbeit die Löhne für die 30 Mitarbeiter der Automation und die 140 Mitarbeiter der Drehtechnik. Danach sollten sich für beide Unternehmensteile Käufer finden, damit die Schulden beglichen werden können.
Für Günter Stecher geht es aber noch um mehr. Ihn treibt die Frage um, ob die Stecher-Idee, für die seine Ingenieure den Innovationspreis erhalten haben und die das Familienunternehmen eigentlich retten sollte, auch künftig mit dem Namen Stecher verbunden bleibt. „Ich werde die Idee so lange begleiten, wie es geht“, sagt er. „Ich möchte, dass die Stecher-Automation durch Internationalisierung zum Fliegen kommt. Das sind wir auch unseren Mitarbeitern schuldig.“
In der Fabrikhalle stehen verschiedene Automatisierungszellen nebeneinander. Kuka-Roboter in Käfigen, Zerspanungsmaschinen hinter Plexiglas, verbunden durch fahrerlose Transportsysteme. Dazwischen Günter Stecher. „Aus der Erfahrung würde ich sagen, dass die Familie Stecher wegen der engen Bindung zu den Mitarbeitern involviert bleibt“, sagt Insolvenzverwalter Krapohl mit Blick auf den badischen Unternehmer. „Jeder wäre schlecht beraten, auf die Erfahrung zu verzichten. Mein Gefühl ist, dass ein Investor die Familie mitnimmt und dass wir für diese Idee eine gute Lösung finden.“
Für den einstigen Mitarbeiter Nummer drei, der direkt nach der Hauptschule in den Betrieb eingestiegen ist, wäre das ein halbwegs versöhnliches Ende einer schwierigen Zeit. Einer Zeit, die mit einem Waldspaziergang und dem Gang zum Insolvenzrichter vor wenigen Wochen ihren Tiefpunkt hatte.
