
Die Zitterpartie an der Meerenge von Hormus oder der ausgetrocknete Rhein werden zum Härtetest für Logistiker. Unternehmen aller Branchen hängen von den fein ausgesteuerten Lieferketten ab, die das Nervensystem des Handels bilden.
Die jüngsten Krisen mögen Logistiker zu guten Feuerwehrleuten gemacht haben. Doch auf Dauer reicht es nicht, Störungen schneller zu erkennen und Brände effizienter zu löschen. Der Druck wächst durch Netzwerkstörungen, schwankende Kapazitäten, Personalmangel und geopolitische Unsicherheiten. Früher waren das Sonderfälle, heute ist das Tagesgeschäft.
Dass die Zeit für ein neues „Betriebssystem“ gekommen ist, haben die meisten Unternehmen daher erkannt. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Logistik sagt allein nicht viel aus. Entscheidend ist vielmehr, ob Unternehmen mit KI bessere Entscheidungen treffen und bessere Ergebnisse erzielen.
Wo die Unternehmen beim Umbau zu einer digitalen Logistik stehen, hat McKinsey zuletzt 2024 gemessen. Seitdem zeigen sich deutliche Fortschritte, und das in allen Branchen, wie die Neuauflage der Analyse zutage fördert. Knapp 90 Prozent der Verlader nutzen mindestens eine KI-Anwendung im Transportbereich, in den Lagerhäusern 96 Prozent.
Der Schub macht sich bemerkbar: Rund 80 Prozent der Befragten sehen ihre Erwartungen erfüllt oder sogar übertroffen. Die Entwicklung dürfte weiter rasant vorangehen. In der Lagerhaltung haben sich 93 Prozent vorgenommen, in den nächsten zwei bis drei Jahren vier oder mehr Anwendungsfälle zu implementieren. Damit wird KI-Nutzung zur Normalität. Zum Wettbewerbsvorteil wird sie erst dort, wo sie Entscheidungen tatsächlich verändert.
Was machen die Unternehmen anders, die mit KI schon belegbaren Wert schaffen? Sie setzen die Technologie ein, wo im Alltag operative Weichen gestellt werden. KI erstellt nicht nur Analysen, sondern macht Zielkonflikte zwischen Kosten, Service, Auslastung und Risiko sichtbar. Und sie hilft, umgehend danach zu handeln. Anwendungsgebiete finden sich von der Auswahl von Transportdienstleistern und der Flottenzuweisung bis zur Lagerkonfiguration und der Routenplanung für die Auftragsabwicklung.
Wo steckt die Lieferung gerade – und hält sich die Ware noch?
Gelungene Beispiele gibt es zuhauf. So verknüpfte ein weltweit tätiger Lebensmittelkonzern vier Transportsysteme in einem digitalen Control Tower. Er analysiert stündlich die Daten von rund 20.000 Sendungen und ermöglicht es den Logistikern, ihre Flotte laufend neu zu steuern. Der so erzielte Mehrwert beträgt 50 Millionen US-Dollar.
Das Transportteam eines Konsumgüterunternehmens verbrachte die Hälfte seiner Arbeitswoche damit, Statusabfragen zu beantworten. Denn es verlor mehr als 20 Prozent seiner leicht verderblichen Lieferungen während des Transports. Der Hersteller hat gehandelt und einen KI-gestützten Agenten zur Verfolgung der Sendungen eingerichtet, um Abweichungen von der Route, schwankende Temperaturen und Verspätungen früh zu erkennen. Innerhalb weniger Wochen sank die Zahl der Ladungen mit abgelaufenen Waren um 28 Prozent. Das Unternehmen konnte auch den manuellen Aufwand für die Bearbeitung von Ausnahmesituationen minimieren.
Laut der McKinsey-Erhebung kommen jetzt auch viele Nichtanwender ins Handeln. Bis zu 70 Prozent planen Investitionen, zum Beispiel in der Nachfrageprognose und im Carrier-Management. Dabei sollten Unternehmen nicht auf die perfekte Datenlage warten. Gute Daten und digitale Prozesse erhöhen den Nutzen von KI. Doch sie kann auch unter unvollkommenen Bedingungen Wert schaffen und sogar helfen, bestehende Datenlücken zu schließen.
Die Initialphase von KI in der Logistik geht zu Ende. Ob ein Unternehmen die Technologie nutzt, wird schon bald kaum noch etwas über seine Wettbewerbsfähigkeit aussagen. Der erfolgskritische Faktor wird sein, ob es seine Entscheidungen, Prozesse und Verantwortlichkeiten so verändert, dass mit KI nachweislich bessere Resultate entstehen. Die Zahl der Anwendungsfälle ist hier kein guter Maßstab. Kosten, Service, Geschwindigkeit und Resilienz sind es. KI muss jetzt liefern.
Julian Fischer ist Lieferketten-Experte und Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey in München.
