Literarische Rückkehrgeschichten umgibt oft der romantische Schein einer transformierenden, gar heilenden Heimkehr zu den familiären Wurzeln aus der Fremde. Yaa Gyasis fulminantes Romandebüt „Heimkehren“ aus dem Jahr 2016 verweigert sich diesem Trost von Beginn an, denn die bereits im Titel angelegte „Heimkehr“ gleicht eher einer Konfrontation mit dem, was vorherige Generationen erleben und erdulden mussten. Gyasi war gerade 27 Jahre alt, als ihr Roman erschien, dem ein Besuch im historischen Fort Cape Coast Castle und eine siebenjährige Recherche vorausgegangen waren. Eine Fortsetzung folgte vier Jahre später mit „Transcendent Kingdom“.
Vom achtzehnten Jahrhundert ausgehend, erstreckt sich eine Familiensaga bis in die Gegenwart und verdichtet den historischen Stoff des amerikanischen Sklavenhandels und der britischen Kolonialherrschaft im heutigen Ghana auf persönlicher Ebene. Die Halbschwestern Effia und Esi wachsen in unterschiedlichen Dörfern auf, und ihre Geschichten und die ihrer Nachkommen entfalten sich parallel: ein Handlungsstrang in den Vereinigten Staaten, ein zweiter in Ghana.
Fortan reisen auch ihre Gedächtnisse durch die Zeit; bis zuletzt bleiben sie miteinander verwoben. Effia heiratet einen britischen Besatzer, Esi wird aus dem Verlies im Cape Coast Castle über den Atlantik in die amerikanischen Südstaaten verschifft. Sie lernen einander nie kennen, doch zwei Jahrhunderte, sieben Generationen und vierzehn Geschichten später treffen sich die separat gewachsenen Äste des Stammbaums dort, wo sich die Wege der Figuren eingangs trennten.
Ein überdauerndes Gefühl, dass etwas fehlt
Das Existieren zwischen den Kulturen, das Leben in der Diaspora, wie es Paul Gilroy in „The Black Atlantic“ beschrieben hat, kehrt in Gyasis Roman in wiederkehrenden Albträumen von brennenden Häusern und unbekannten Familienmitgliedern wieder. Oder im überdauernden Gefühl, dass etwas fehlt. Die Leidenswege, die Gyasi beispielhaft zeichnet, sind durch ihre Brutalität überwältigend. Da ist etwa Akua, die in ihrem Dorf als „Crazy Woman“ bekannt ist und, ausgelöst durch einen wahnhaften Albtraum, ihre Hütte in Brand setzt. Zwei ihrer Kinder sterben dabei. Oder Ness, die während der erniedrigenden Plantagenarbeit in Alabama mitansehen muss, wie ihr Mann enthauptet wird. „Er zwang sie, zuzusehen. Er zwang sie alle, zuzusehen“, schreibt Gyasi. Und so fordert auch ihr Roman dazu auf, genau hinzusehen und zu verstehen.

Jede neue Generation trägt die historischen Traumata derer, die vor ihr kamen, in sich. Sie haben gewaltige Auswirkungen auf die Seele und Körper der Figuren. H. etwa, eine Figur, der nicht einmal ein vollständiger Name vergönnt ist, stellt sich inmitten von Armut, Drogenkriminalität und Perspektivlosigkeit die Frage, was für ein Leben das bloß sei. Und Ness erinnert sich an ihre Mutter Esi, die „dafür bekannt war, niemals eine fröhliche Geschichte zu erzählen“.
In der letzten Szene des Romans rennen Marjorie und Marcus gemeinsam in die Brandung des Atlantiks bei Cape Coast in Ghana. Gegenüber der immensen Gewalt des Meeres wirken sie klein. Die Einzelgeschichten, die Gyasi erzählt, sind dagegen von einer Wucht, die sich nicht auf das Individuelle beschränkt. Sie legt die Frage nach Identität in der Diaspora kollektiv aus. Marjorie und Marcus versammeln sich an dem Ort des Ursprungs. Eine symbolische und befreiende Geste. Zugleich bleibt der Atlantik dunkel und gewaltig, ein Mahnmal. Als solches lässt sich auch „Heimkehren“ lesen.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
