Gerade erst verwandelte die Vilnius Fashion Week wieder Orte voller Geschichte in Litauens Hauptstadt in Laufstege. Anfang September wurde unter anderem auf dem Rathausplatz und vor dem Palast der Großfürsten Mode gezeigt, vor allem von litauischen Designern. Seit 2025 steht die Vilnius Fashion Week auf dem Modekalender; federführend organisiert wird sie von der litauischen Ausgabe der Zeitschrift „Elle“.
Nicht nur die Modewoche beschert dem kleinen Land (auf knapp 65.000 Quadratkilometern leben rund drei Millionen Menschen) Aufmerksamkeit: Allein nach Vilnius kamen 2025 über eine Million Touristen. Wer wie sie durch die kopfsteingepflasterten Altstadtgassen flaniert, entdeckt in den Schaufenstern auffallend viel Schmuck aus Bernstein. Das „Gold der Ostsee“ wird in Litauen seit Jahrhunderten verarbeitet. Sein textiles Pendant findet Bernstein in Leinen, ebenfalls seit Jahrhunderten eng mit dem Land verwoben. Kleider, Taschen, Haarschmuck – an wenigen Orten sieht man so viele Leinendesigns wie in der Altstadt von Vilnius.
Auch jenseits dieser Klassiker birgt litauisches Design viele Entdeckungen; immer mehr Marken sind weit über die Landesgrenzen hinaus erfolgreich. Einige der kreativen Köpfe dahinter erzählen hier von ihren Designs und Ideen.
Ugnès Story: Keine Perlen-Paula
Natürliche Süßwasserperlen, die um Hals und Handgelenk zu schweben scheinen, jede individuell geformt, per Hand aufgezogen, mal mit Metall, mal mit skulpturalen Elementen kombiniert: Bei Ugnès Story wird der Schmuckklassiker neu interpretiert. „Jede Perle hat etwas Individuelles in Form, Oberfläche und Farbe. Genau diese Unvollkommenheit macht sie für mich so kostbar“, sagt Ugnė Jankauskaitė. 2023 gründete sie Ugnès Story, ein Jahr später eröffnete sie ihren Showroom in Vilnius, der auch als Atelier dient. Hier überrascht die Schmuckdesignerin ihre Kundschaft immer wieder damit, wie modern und alltagstauglich Perlen wirken können.
Vilnius habe eine lebendige Szene voller Mode, Fotografie, Styling, Interiordesign und Kunst, sagt Jankauskaitė: „Hier herrscht große Kreativität, was die Stadt zu einem inspirierenden Ort für den Aufbau einer Marke macht.“ Dass Litauen ein kleines Land ist, kann ihr zufolge ein Grund dafür sein, dass viele Marken noch sehr persönlich geprägt sind. „Oft ist die Person hinter der Marke eng in Entwurf, Fertigung, Kommunikation und Aufbau des Unternehmens eingebunden.“ In einem kleinen Markt braucht es eben eine besonders klare Identität.
Dadurch kann man auch in der Ferne auf sich aufmerksam machen: „Wenn jemand aus einem anderen Land eines der eigenen Stücke in seinen Alltag integriert, bedeutet das für unabhängige Designer mehr, als man vielleicht ahnt. Für uns wird jeder Mensch, der sich für Ugnès Story entscheidet, zu einem kleinen Teil der Geschichte, die wir gerade schreiben.“

Son de Flor: Leinen-Spezialistinnen
Der Name ist spanisch, die Materialien stammen aus Europa und werden in Litauen gewebt, viele Kundinnen leben in den USA, Deutschland und Großbritannien: Son de Flor, 2017 von Vaida Ribinskaite und ihrer Schwester Indrė gegründet, ist international aufgestellt. Ihre Mode aber ist eng mit Litauen verbunden. Son de Flor wurde mit Kleidern in klassischer Silhouette aus Leinen bekannt. Das Material sei tief im kulturellen Gedächtnis ihrer Heimat verwurzelt, so Vaida Ribinskaite, und habe für sie etwas zutiefst Litauisches: „Es ist natürlich und bescheiden, aber unglaublich widerstandsfähig. Es muss nicht perfekt sein, um schön zu sein.“ Ihre Mode sei fürs echte Leben gemacht, Frauen sollen sich darin frei bewegen, arbeiten, reisen und tanzen können.
Zur Silhouette, die ihre Entwürfe prägt, inspirierte die Schwestern ihre Mutter: „Sie besaß ein Kleid, das ganz im Geist dessen war, was später unser typisches Son-de-Flor-Kleid wurde: feminin und schlicht, mit weit schwingendem Rock und zeitloser Silhouette.“ Dieser Stil überdauert Trends. „Wenn eine Kundin für dieselbe Silhouette in einer anderen Farbe oder einem anderen Stoff wiederkommt, ist das eines der schönsten Anzeichen dafür, dass ein Design zum echten Son-de-Flor-Klassiker geworden ist.“
Manchmal staune sie selbst noch über das, was aus ihrer Idee geworden sei: „Etwas, das wir hier in Litauen begonnen haben, inspiriert vom Kleid unserer Mutter und einer so verwurzelten lokalen Textiltradition, findet nun seinen Weg in Kleiderschränke auf der ganzen Welt.“

Vinted: Lieber Secondhand als Neukauf
Der wohl bekannteste Name aus dem litauischen Modekosmos lautet Vinted. 2008 gegründet, ist die Plattform für Secondhandmode heute eine der größten ihrer Art. 2025 lag der Umsatz bei mehr als einer Milliarde Euro. Hinter der Entscheidung von Milda Mitkutė und Justas Janauskas, das Unternehmen in ihrer Heimat Litauen zu gründen, steckte anfangs keine Strategie, so Jessie de la Merced, Leiterin der Unternehmenskommunikation: „Die Plattform begann als Nebenprojekt, das aus einem persönlichen Bedürfnis entstand: Unsere Mitgründerin Milda wollte vor einem Umzug ihren Kleiderschrank ausmisten und gut erhaltene Kleidung weitergeben, statt sie wegzuwerfen.“
Später erwies sich der Standort Vilnius dann als Vorteil: „Die Stadt verfügte über einen starken und wachsenden Pool an qualifizierten Techfachkräften, der das Unternehmen beim Wachstum unterstützte.“
Das Team erlebte den Imagewandel von Mode aus zweiter Hand hautnah mit. „Als Vinted gegründet wurde, war Secondhandmode in Litauen wie in vielen anderen Teilen Europas noch mit gewissen Vorurteilen behaftet. Gebrauchte Kleidung wurde oft eher mit finanzieller Notwendigkeit als mit einer bewussten Kaufentscheidung verbunden.“ Das ist heute anders, auch dank Vinted. Das rasante Wachstum ändert nichts an der Verwurzelung von Vinted in Litauen. Der Unternehmenssitz ist in Vilnius, die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind hier vor Ort: „Vilnius ist bis heute das Herz von Vinted.“

Undress: Sie teilen sich die Stoffe mit anderen
Ein Blazerkleid mit gewelltem Ausschnitt, ein dunkelgrün schimmerndes Kleid mit tiefem Rückenausschnitt, über den sich glitzernde Bänder ziehen, ein Midikleid mit funkelnden Fransen, die jede Bewegung wie einen Tanz aussehen lassen: „Jedes Undress-Kleid ist wie ein Flirt“, sagt Ana Savicka über ihre Designs. 2015 gründete sie Undress, eine Marke für Kleider für den Tag, vor allem aber für den Abend.
Ihre Mode passt zu Vilnius. Wer hier ins Konzert oder in die Oper geht, macht sich schick. Ihre Marke und die vor drei Jahren eröffnete Undress-Boutique in Vilnius führt Savicka bis heute mit nur zwei Mitarbeiterinnen: „Ich arbeite gerne in kleinen Teams, deshalb lagere ich viel aus.“ Daraus sind lange Beziehungen entstanden. Ihre Designs lässt sie seit zehn Jahren in denselben kleinen Manufakturen in Vilnius umsetzen. Stoffe findet sie auf Messen von Paris bis Tokio.
Lange Beziehungen hat sie auch zu Mitstreitern in der litauischen Modeszene. Das erweist sich als hilfreich: „Eine Marke wie Undress braucht nicht 200 Meter schwarzen Stoff, das ist viel zu viel. Also tun wir uns mit anderen kleineren Marken zusammen und teilen die Stoffe.“ Auch wenn die Stoffe aus aller Welt stammten, sei Undress ganz klar eine litauische Marke. „Wir fertigen alles vor Ort, mit unseren Händen, unserem Know-how und unseren lokalen Herstellern“, sagt Savicka. „Es ist phantastisch, wenn zum Beispiel Menschen in Australien auf uns aufmerksam werden – und dadurch vielleicht auch noch lernen, wo unser Land eigentlich liegt.“

Laura Daili: Zwischen Glaskunst und Mode
Wasser, Eis und Glas – transparente Oberflächen faszinierten Laura Daili schon immer: „Ihre Leichtigkeit, Zerbrechlichkeit, Reflexionen und innere Kraft inspirieren mich.“ Ihre Kleider scheinen dann auch dank transparenter, schwebend wirkender Elemente lebendig zu werden, schimmernde Tops muten wie Skulpturen aus Wasser an. Mit ihrem Mann, dem Glaskünstler Viktoras Dailidėnas, teilt Daili nicht nur ein Atelier: „In Viktoras’ Glasarbeiten sind oft textile Qualitäten und Materialeigenschaften spürbar, während Glas meinen Zugang zur Mode stark beeinflusst hat. Wir inspirieren und ergänzen uns gegenseitig.“ Das spiegelt sich auch in ihrem 2015 in Vilnius eröffneten Geschäft wider, in dem Daili Mode, Accessoires, Glasschmuck und Interieurobjekte verkauft.

Noch als Studentin wurde die Designerin 1999 bei den „Smirnoff Fashion Awards“ ausgezeichnet und durfte eine Kollektion in Hongkong präsentieren. Seitdem prägt sie die litauische Mode nach innen und außen – auf der bis 2018 stattfindenden Berliner Messe „Bread & Butter“ war sie ebenso präsent wie auf Messen in Japan und den Vereinigten Staaten. Im Frühjahr zeigte Daili ihre aktuelle Kollektion erst auf der Riga Fashion Week und dann in Wien bei „Fashion For Europe“, einem Event im Rahmen des Eurovision Song Contests.
„Als litauische Designerin sehe ich mich auch in der Verantwortung, mein Land zu repräsentieren und zu zeigen, dass Vilnius und Litauen kreative Orte mit eigenem Stil, Charakter, Geschmack und einzigartigen Designern sind“, sagt sie.
Staskauskas Jewelry: Von Reykjavík nach Vilnius
Seinen Schmuck trugen schon weltweit gefeierte Künstlerinnen wie Björk und Doja Cat, Designerin Iris van Herpen integrierte ihn 2022 in eine Haute-Couture-Kollektion: Wer es exzentrisch und überraschend mag, ist bei Benas Staškauskas richtig. Surreal geformte Ohrklemmen und Masken, die an der Nase angebracht werden, muten wie Organismen an, die sich über Gesicht und Ohren bewegen. Auch Ringe fallen bei Staskauskas Jewelry aus dem konventionellen Rahmen; gefertigt aus Bronze und Silikon bedecken sie gleich mehrere Finger, wirken dabei aber lebendig und leichtfüßig. Ein Lieblingsmaterial habe er nicht, so der Designer, der sich immer an der Grenze zur skulpturalen Kunst zu bewegen scheint. Ihm gehe es eher „um den Prozess und die Abstimmung von Materialien“.
2014 gründete er Staskauskas Jewelry, damals noch in Reykjavík. Island sei mit seiner Natur und seinen Menschen ein magischer Ort. Heute aber entstehen seine Kreationen in Vilnius: „Für mich war es ganz natürlich, zurückzukehren und mich in meiner Heimat Litauen niederzulassen – dort, wo meine Wurzeln liegen.“ Litauisch, baltisch, welches dieser Labels passt am besten zu seinen Designs? „Müsste ich meine Arbeit geographisch verorten, würde ich sie wohl einfach auf der Erde ansiedeln – denn für sie gibt es keine Grenzen.“

