Das „Spargesetz“ zur Entlastung der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) hat die Pharmaindustrie noch nicht verdaut. Doch werden die Unternehmen mit der jüngst zur Kanzleramtschefin beförderten Nina Warken künftig nicht mehr über Gesundheitsreformen verhandeln. Dass nun der branchenunerfahrene CDU-Parteikollege Carsten Linnemann das Amt des Gesundheitsministers übernimmt, sorgt zumindest bei Alexander Horn, Deutschlandchef des Pharmakonzerns Eli Lilly, für wenig Frustration.
„Natürlich ist unser Gesundheitssystem sehr komplex, und wir müssen dafür Sorge tragen, dass Herr Linnemann schnell versteht, um was es geht“, sagt der Manager. Er sieht genau darin auch eine Chance. „Vielleicht ist es ein Vorteil, dass jemand, der noch nicht in allen Details drinsteckt, mit gesundem Menschenverstand auf die Dinge schaut, um sie zu ändern.“ Seine Erwartung habe sich nicht geändert. Linnemann müsse nun für stabile politische Rahmenbedingungen sorgen, die es forschenden Pharmaunternehmen ermöglichen, mittel- und langfristig in Deutschland zu investieren.
Im Juni hatte der Abnehmspritzen-Hersteller Eli Lilly angekündigt, nur die Hälfte der geplanten 2,3 Milliarden Dollar in ein Hightech-Werk in Alzey zu investieren – als Reaktion auf die Reformvorhaben der Bundesregierung, die unter anderem einen höheren Herstellerrabatt von 15,5 Prozent auf patentfreie Medikamente vorsehen. Deutschlandchef Horn wehrt sich, diesen Schritt als Drohung zu verstehen. Es sei eine „Realität“, Investitionen dorthin fließen zu lassen, wo bessere Rahmenbedingungen vorherrschen. Deutschland falle im internationalen Wettbewerb zurück. Zudem richteten sich andere Länder nach den Preisen, die in Deutschland gesetzt würden, wodurch sich die Entscheidungen weltweit auswirken würden. „Ich hoffe, dass das jetzt von Herrn Linnemann gehört und berücksichtigt wird“, so Horn.
Kosten übernimmt Kasse nur bei Diabetes
Darüber hinaus wünscht sich der Manager tiefgreifende Änderungen in der Erstattungspolitik der Krankenkassen. Obwohl in Deutschland rund 17 Millionen Erwachsene und fast jedes sechste Kind unter Adipositas leiden, übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten für Abnehmspritzen nur, wenn eine Diabetes-Diagnose vorliegt. Grund dafür ist der sogenannte „Lifestyle“-Paragraph im Sozialgesetzbuch. Demnach sind unter anderem Arzneimittel von der Versorgung ausgeschlossen, „bei deren Anwendung eine Erhöhung der Lebensqualität im Vordergrund steht“, also auch Medikamente „zur Regulierung des Körpergewichts.“

Mit Präparaten wie Eli Lillys Mounjaro, das auf dem Wirkstoff Tirzepatid (ein dualer Agonist der Hormonstoffe GLP-1 und GIP) basiert, können Patienten bei monatlicher Anwendung bis zu einem Fünftel ihres Körpergewichts verlieren. Bei Alexander Horn sorgt der Paragraph für Unverständnis, zumal der Bundestag Adipositas im Jahr 2020 als chronische Erkrankung anerkannt hat. „Es ist die einzige chronische Erkrankung, die in Deutschland zurzeit nicht erstattungsfähig ist“, so der Lilly-Geschäftsführer.
Dabei gingen mit Adipositas häufig Folgeerkrankungen wie zum Beispiel Bluthochdruck und Schlaganfälle einher, die hohe Kosten verursachten. Im Jahr entstünden dem Gesundheitssystem laut Horn allein 63 Milliarden Euro durch Adipositas. Eine Studie der Leopoldina beziffert die gesamtwirtschaftlichen Kosten, die die Behandlung von Adipositas und schwerem Übergewicht jährlich in Deutschland verursacht, zudem auf rund 113 Milliarden Euro. Mit eingerechnet sind indirekte Kosten, die zum Beispiel durch Arbeitsausfälle entstehen. „Wir müssen weg von der Krankheitsverwaltung hin zur Gesundheitserhaltung“, sagt Horn. „Das heißt, wir müssen sehr viel mehr in Prävention investieren.“ Aktuell stecke der Staat jährlich weniger als zehn Euro je Patient in die Prävention.
Schwererkrankte könnten zuerst GKV-Erstattung erhalten
Den Vorstoß der Bundesregierung, dem Beispiel Großbritannien folgend, eine Zuckersteuer auf gesüßte Getränke wie Cola einzuführen, begrüßt der Manager. Den Plänen nach soll die Abgabe vom Jahr 2028 an in Kraft treten, wobei noch unklar ist, wie hoch die Steuer ausfällt. Fachleute erwarten, dass in der GKV so mittel- bis langfristig 20 bis 170 Millionen Euro im Jahr eingespart werden. In Großbritannien zeigen zudem Studien aus Cambridge, dass seit der Einführung jährlich mehr als 5000 Fälle von Adipositas bei Mädchen im Grundschulalter verhindert werden konnten. Insgesamt ist der Zuckerkonsum bei Erwachsenen um 20 Prozent gesunken, bei Kindern um zehn Prozent.
Horn betont, dass Prävention jedoch auch bedeute, Patienten aus dem Gesundheitssystem wieder herauszubekommen. Neben besserer Ernährung und Sportprogrammen gehöre dazu eine erstattungsfähige Therapie. Angesichts der prekären Kassenlage – bis 2027 soll das beschlossene GKV-Gesetz gerade mal ein Defizit von 15 Milliarden Euro stopfen – sei der Manager „natürlich nicht blauäugig“ zu glauben, dass das Gesundheitssystem die Medikamente für alle 17 Millionen Adipositas-Patientinnen sofort stemmen könnte. „Trotzdem, und da orientieren wir uns an der Leitlinie der Fachgesellschaft Adipositas, ist eindeutig, dass die Therapie gegen Adipositas für eine bestimmte Patientengruppe erstattungsfähig werden sollte.“ Ein Ansatz ist etwa, Patienten mit einem Body-Mass-Index über 35, was einer schweren Fettleibigkeit entspricht, zuerst der Erstattung zuzuführen.

Für Eli Lilly würde das die Kundengruppe erweitern. Bisher verdient der Abnehmspritzen-Hersteller vor allem mit Selbstzahlern. Je nach Dosierung kostet ein Monats-Pen von Mounjaro auf dem deutschen Markt zwischen rund 200 und 490 Euro. Etwas günstiger ist die täglich einzunehmende Abnehmpille Foundayo, die in den USA seit April zugelassen ist und abhängig von der Dosis zwischen 149 und 349 Dollar im Monat kostet. In Deutschland rechnet Horn mit einer Markteinführung Anfang 2027. Konkurrent Novo Nordisk erhielt für seine Wegovy-Pille bereits im Juli die Zulassung der EU-Kommission.
Trump setzt auf Teilerstattung
Genaue Zahlen, um wie viele Patienten sich der Kundenkreis erweitern könnte, nennt Horn nicht. Auch lägen ihm keine Daten zu Verschreibungen von Mounjaro vor. Im Vergleich zum GKV-Markt, in dem Lilly bisher nur Diabetiker erreicht, nimmt Horn deutlich mehr Bewegung im Selbstzahler-Markt wahr. „Wir sehen in Deutschland eine zunehmende Bereitschaft, selbst für Mounjaro zu bezahlen.“ Diese Beobachtung bringt den Manager zu einer weiteren Idee: Statt die Krankenkassen den kompletten Medikamentenpreis erstatten zu lassen, könnte eine Teilerstattung helfen – die Bereitschaft der Patienten sei da. „Viele Deutsche bezahlen auch für IGeL-Leistungen in großem Stil. Im vergangenen Jahr wurden dafür mehr als 2,3 Milliarden Euro ausgegeben“, sagt Horn. „Solche Zuzahlungen für bestimmte verschreibungspflichtige Arzneimittel einzuführen, ist durchaus eine Überlegung wert.“
In den USA hat Präsident Donald Trump ein ähnliches Pilotprogramm gestartet. Seit Juli erhalten Patienten, die über das staatliche System Medicare versichert sind, für ausgewählte GLP-1-Medikamente eine feste monatliche Zuzahlung von 50 Dollar. Das Programm läuft zunächst 18 Monate. Zuvor hatte sich Trump dafür eingesetzt, die Preise für Abnehm-Medikamente für Selbstzahler zu senken, indem Hersteller wie Novo Nordisk und Eli Lilly diese günstiger über die Plattform Trump RX zur Verfügung stellen. Die Website verkauft keine Medikamente direkt – stattdessen erhalten Nutzer darüber Gutscheine, die sie in Apotheken einlösen können.
Jo-Jo-Effekt: „Das passiert bei jeder chronischen Erkrankung“
Horn verweist auf eine aktuelle Gallup-Studie, die zeigt, dass seit der Einführung von GLP-1-Medikamenten in den USA die Adipositasrate unter den Amerikanern in diesem Jahr auf rund 36 Prozent gesunken ist, nachdem sie 2022 bei fast 40 Prozent gelegen hatte. Der Lilly-Deutschlandchef wertet das als Beweis für effektive Prävention, sofern Medikamente rechtzeitig eingesetzt werden.
Allerdings gibt es auch Schattenseiten. Inwiefern Adipositas-Patienten aus dem Gesundheitssystem wieder herausfallen, ist fraglich angesichts des Jo-Jo-Effekts, der mit dem Absetzen von Abnehmspritzen einhergeht: Das Gewicht kommt wieder – wer einmal Patient ist, bleibt Patient. Laut Horn ist das Phänomen völlig normal. „Das ist beim Bluthochdruck so, das ist bei Diabetes so, das passiert bei jeder chronischen Erkrankung, also auch Adipositas.“ Ihn ärgert, dass über soziale Medien viele Falschinformationen verbreitet werden. So nähmen Betroffene nach Absetzen der Mittel langsam wieder zu statt schlagartig oder – wie oft behauptet – mehr, als sie vorher gewogen haben. Seriösere Forschung, zum Beispiel eine Studie, die in der Fachzeitschrift „EClinicalMedicine“ veröffentlicht wurde, zeigt, dass Teilnehmer ein Jahr nach Therapiestopp durchschnittlich 60 Prozent ihres verlorenen Gewichts wieder zunehmen.
Horn zufolge würden auch Nebenwirkungen überbetont. Dass mit dem Gewicht auch Muskelmasse verschwindet, sei eine logische Folge, die beim Abnehmen auftrete – unabhängig von Spritzen. Daher sei es wichtig, so Horn, die Therapie durch Bewegungsprogramme zu begleiten, um dem entgegenzuwirken. Auch hätten Studien gezeigt, dass Patienten bei der Behandlung mit Mounjaro deutlich mehr viszerales Fett, also tiefliegendes Bauchfett, abnehmen würden als Muskelmasse.
Die Forschung laufe ohnehin weiter. Einen anderen GLP-1-Agonisten, der das Hormon Amylin nachahmt, entwickelt Eli Lilly gerade. Dieser soll von weniger Nebenwirkungen, die vor allem den Magen-Darm-Trakt betreffen, begleitet werden, bei ähnlich hoher Wirkung. In der Zwischenzeit hofft Horn, dass die Politik in Gang kommt. Vor zwei Jahren hat der Gemeinsame Bundesausschuss die Voraussetzungen für ein sogenanntes Disease-Management-Programm für Adipositas geschaffen. Die Idee ist, dass Patienten im Alltag bei der Therapie von medizinischem Fachpersonal begleitet werden und Schulungen erhalten. In den einzelnen Bundesländern müssen nun die Kassenärztlichen Vereinigungen mit den regionalen Krankenkassen in Vertragsverhandlungen treten. Doch daran hapert es Horn zufolge. Bisher wurde das Programm in keinem Bundesland umgesetzt.
