Ein Kind, für das es keine Regeln gibt, das Nutella-Brote essen und Fanta trinken darf, das nächtelang auf Matratzen herumspringt, weil niemand sich darum schert – von einem solchen Kind könnte man romantisch verklärt meinen, es schwebe vor Glück. Aber Lale, die mit vier Männern in den Achtzigerjahren in einer linken Kreuzberger WG wohnt, weil ihre Mutter ein Junkie ist und der Vater nach einem Banküberfall im Gefängnis sitzt, schwebt nicht vor Glück. Unter dem Deckmantel der Freiheit verwahrlost das Kind psychisch, während die Männer trinken, Drogen nehmen, Sex haben und fremde Frauen ein- und ausgehen, als wäre die WG ein Bordell.
Einmal sagt Lale zu den Männern, sie könnten ihr ruhig einmal etwas verbieten, doch dieser aus schierer Not entstandene Wunsch wird weggelacht und zum Running Gag. Lilli Tollkien, die Autorin des autofiktionalen Debüts „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ beschreibt das Grauen dieses Aufwachsens in einem nüchternen, bisweilen protokollarischen Stil: „Ich liege im Bett und meine Ohren sind offene Scheunentore. Ich höre verschiedene Arten von Atem; heißen Atem, betrunkenen Atem, schnellen Atem, höre Leder an Leder reiben. Ich höre das Atmen der Erwachsenen beim Sex, höre atemlos vorgetragene Koks-Ideen, betrunkenes Schnarchen und geflüsterte Sätze, nicht für meine Ohren bestimmt.“
Der Feind wohnt im Zimmer nebenan
Alles dringt in dieses feinnervige Kind ein. Grenzüberschreitung als Alltag, bis hin zum Missbrauch. Der als Freund verkleidete Feind, der von „Bullenschweinen“ spricht und die Spießer verhöhnt, wohnt im Zimmer nebenan. Als Lales Vater schließlich aus der Haft entlassen wird und in der WG einzieht, ändert sich nichts.

Man wusste, dass auch linke Räume keine „safe spaces“ sind, dass auch jene zu Tätern werden können, die Bürgerlichkeit, Autorität und Repression verachten. Tollkien aber erzählt so detailreich von diesem Großwerden unter Egomanen, dass das Ausmaß des Verrats am Kind kaum zu ertragen ist. Ja, es gibt auch Zuwendung, Liebe, schöne Momente, aber sie wiegen fast nichts im Vergleich zu jener zerstörerischen Übergriffigkeit, der Lale nicht entkommen kann. Sie schreibt sich in ihren Körper und die Kinderseele ein. Die Schule wird ihr Anker. „Alle Abläufe wiederholen sich und es gibt eindeutige Regeln. Die Klassenlehrerin ist immer nüchtern.“ Statt Chaos herrscht Ordnung, alles scheint einem „beruhigenden Plan zu folgen“.
Trotzdem bleibt Lale eine Verlorene auf abschüssigem Grund, gequält von Verlustängsten. Wo eben noch ein sicherer Hafen gewesen sei, ein Erwachsener, dem sie vertraute, konnte plötzlich ein glitschiger Steg sein. Sie klammert sich an die Beine ihres Vaters, sobald er in die Kneipe möchte, und auch später, als Lale erwachsen ist, wird sie sich an die Beine von Männern klammern, die sie retten sollen, aber nicht wollen. Der Zucker wird Lales kleine Droge, „Kaum gewöhne ich mich daran, tritt das Gegenteil ein und ich brauche mehr, um dasselbe angenehme Gefühl hinter der Stirn zu spüren.“ Als sie wieder einmal nicht schlafen kann, wankt sie ins Wohnzimmer und Betty, die dort abhängt und einen Joint raucht, rät ihr zur Selbstbefriedigung. Bei ihr helfe das immer! Manchmal begegnet Lale zufällig ihrer Mutter am Kotti. Aber es dauert, bis die Mutter, deren Augen hinter die Lider rollen, ihre Tochter erkennt. Dann herzt und küsst sie Lale und stellt sie den anderen Junkies vor.
Ein Kind, das keinerlei Halt hat, kommt sich selbst abhanden. Verliert sich in einer Welt, die es nicht lesen kann. Es entwickelt ein gestörtes Nähe-Distanz-Verhältnis zu anderen. Tollkien, deren Roman an Angelika Klüssendorfs „Das Mädchen“ erinnert, beschreibt Lales Freundschaften als asymmetrische Beziehungen, in denen Lale zu ihrem Gegenüber wie zu einem Idol aufblickt, in dessen Haut sie am liebsten schlüpfen würde, weil sie kein Gefühl für ihre eigene Haut hat. Und doch gelingt Lale so etwas wie eine Befreiung.
Tollkiens Roman ist kein Antimännerbuch, keine Abrechnung, sondern die Geschichte einer Selbstermächtigung. Die Tragödie dieser Kindheit liegt darin, dass die Erwachsenen ihre Verantwortungslosigkeit mit stolz geschwellter Brust Freiheit nennen. Lales Befreiung beginnt dort, wo sie aufhört, an dieses Märchen zu glauben.
Lilli Tolkien: „Mit beiden Händen den Himmel stützen“. Roman.
Aufbau-Verlag, Berlin 2026. 255 S., geb., 24,– €.
