
Auf der Suche nach einer französischsprachigen Neuerscheinung erscheint die literarische Gegenwart als verflixte Angelegenheit. Ob man das Buch nach Deutschland bestellen könne? Die Dame aus der Buchhandlung um die Ecke gibt die ISBN in ihre Suchmaske ein. Kein Treffer. Sie probiert noch eine andere aus – doch es erscheint immer noch kein Ergebnis. Nein, leider könne sie den Roman nicht bestellen. Einen Tipp? Den habe sie leider auch nicht.
Es erscheint nicht leicht, an das Buch zu kommen: In der betreffenden Stadt hat eine französische Buchhandlung erst im Jahr zuvor endgültig geschlossen. Auf der Internetseite eines Familienunternehmens in Paris, das französische Bücher nach Deutschland lieferte, liest man in diesem Sommer nur noch: „Vielen Dank für 30 gemeinsame Jahre.“ Geschäftsbetrieb eingestellt. Und sich Bücher privat aus Frankreich schicken zu lassen, ist sehr teuer geworden, nachdem die Post in Frankreich 2025 den vergünstigten internationalen Versandtarif „Livres et brochures“ eingestellt hatte. Jetzt aber bloß nicht kapitulieren und beim Giganten des Onlinehandels oder der großen französischen Kette bestellen, denkt man sich. Und überhaupt: Wäre das gewünschte Buch nicht ein guter Anlass, um in die Bahn zu steigen und in Frankreich selbst eine Buchhandlung zu besuchen?
Ein „hybrides Modell“ aus stationärer und Onlinebuchhandlung
Als Marc Bordier von Paris nach London gezogen war, um dort für einige Jahre zu arbeiten, erschien es auch ihm kompliziert, sich im Ausland mit französischsprachigen Büchern zu versorgen. Zur nächsten französischen Buchhandlung sei er eineinhalb Stunden lang durch die Stadt gefahren, erzählt er. Während er selbst noch bei Amazon arbeitete, begann er, über eine eigene Onlinebuchhandlung nachzudenken. „Menschlicher und stärker auf das Buch ausgerichtet“ sollte sie sein, heißt es heute auf der Website von Lireka.
In Bordiers Vorstellung sollte die Buchhandlung sowohl im Ausland lebende Franzosen als auch frankophone Leser ansprechen, die es schwer haben, eine breite Auswahl französischsprachiger Literatur und diese auch noch zügig und zu vernünftigen Preisen zu bekommen. Französischsprachige Bücher sind etwa auf anderen Kontinenten sehr teuer wegen hoher Transportkosten und Einfuhrabgaben. Nach Bordiers Abschied von Amazon Ende 2018 sollte es noch rund drei Jahre dauern, bis zusammen mit Geschäftspartnern seine Onlinebuchhandlung Lireka gegründet war.
Zunächst übernahm Bordier die unabhängige Buchhandlung Arthaud in Grenoble. In der Folge entwickelte man ein „hybrides Modell“, das diese stationäre Buchhandlung mit einem Onlinebuchversand verband. Wer aus dem Ausland Bücher aus dem umfangreichen Katalog bestellt, zahlt keine Versandkosten. Je nach Zielland können die Kosten für ein Buch aber höher liegen als in Frankreich selbst.
Ist es möglich, sich gegenüber Amazon zu positionieren?
Bei Lireka wird der Preis eines Buchs nach den Transportkosten berechnet, die aber auch so erschwinglich sein können, dass für andere europäische Länder kein Aufpreis anfallen soll. Als große Buchhandlung habe man bei den Verlagen gute Einkaufskonditionen und zusätzlich mit Transportunternehmen günstigere Konditionen ausgehandelt, sagt Bordier. Der Mindestbestellwert variiert je nach Region, und von diesem Betrag an rechne sich der Versand für Lireka in der Regel. Ob es möglich ist, sich gegenüber Amazon zu positionieren? Ja, sagt Bordier – wenn man Amazon nicht direkt herausfordere, sondern einen spezifischen Markt bediene. Man habe gar nicht das Ziel, mit Amazon zu konkurrieren.
Bordier zeigt sich optimistisch: Französische Bücher hätten im Ausland eine vielversprechende Zukunft, auch wenn weniger gelesen werde. Es ist klar, dass sein Buchhandel nicht der einzige ist, der eine große Auswahl französischsprachiger Bücher in Deutschland zugänglich macht. Doch Angebote zu finden, gleicht einer Detektivarbeit. Jeder Hinweis scheint willkommen. Auf sich selbst aufmerksam machen will Marc Bordier in diesem Jahr mit einem eigenen Stand auf der Frankfurter Buchmesse.
