„Hat der Londoner Kunstmarkt den Brexit-Blues endlich überwunden?“, fragt „Artnet News“, und die „New York Times“ zieht nach: „Eine Rekordauktion bei Sotheby’s begeistert London nach dem Brexit-Kater.“ „The Art Newspaper“ frohlockt: „Die britische Hauptstadt demonstrierte eindrucksvoll ihre Anziehungskraft.“
Tatsächlich erzielten die Sommerauktionen mit Moderne, Nachkriegs- und Gegenwartskunst dank Sotheby’s das stärkste Ergebnis seit einem Jahrzehnt an der Themse. Ob die britische Hauptstadt aber die an New York, Hongkong und Paris verlorenen Anteile am globalen Auktionsmarkt zurückgewinnen konnte, wird sich erst herausstellen, wenn Ende des Jahres Bilanz gezogen wird.
New York dominiert seit den milliardenschweren Großauktionen bei Christie’s, Sotheby’s und Phillips im vergangenen November und Mai die Nachrichten zur Markterholung im obersten Preissegment, angetrieben durch marktfrische Blue-Chip-Werke aus prestigeträchtigen Privatsammlungen. Sotheby’s fuhr nun auch in London groß auf mit 25 Spitzenwerken aus dem Besitz des englischen Milliardärs und ehemaligen Besitzers des Fußballklubs Tottenham Hotspur, Joe Lewis. Ein Gesamtumsatz von 296,3 Millionen Pfund machte die „Masterpieces from the Lewis Collection“ zur teuersten je in London in einer Abendauktion versteigerten Sammlung. Die Erwartung lag bei bis zu 200 Millionen, das Ergebnis weit über dem Rekord vom September, als Sotheby’s 101 Millionen Pfund mit der Versteigerung der Kunstsammlung von Pauline Karpidas umsetzte.
Auch ein Toplos kann ein Verlustgeschäft sein
Die angeschlossene „Modern & Contemporary Evening Auction“ brachte mit 34 verkauften Losen von 40 im Angebot insgesamt 97,1 Millionen Pfund ein. Das ist ein Anstieg um 55 Prozent gegenüber der gleichen Auktion im vergangenen Jahr, die 62,4 Millionen Pfund erlöste. 20 der Lose waren mit Garantien versehen, ihr Verkauf stand also fest. Das Spitzenlos, Monets Seerosengemälde „Nymphéas“ von 1907, wurde innerhalb der Schätzung bei 35 Millionen Pfund zugeschlagen. Damit ist es nun das teuerste in Europa versteigerte impressionistische Kunstwerk seit mehr als einem Jahrzehnt. Der Einlieferer macht dennoch Verlust: Er zahlte 2022 bei Christie’s 56,4 Millionen Dollar für die Leinwand.

Die beiden Abendauktionen bei Sotheby’s spülten gemeinsam 393,4 Millionen Pfund in die Kassen. Dem Auktionsunternehmen zufolge ist es das höchste Gesamtergebnis, das je an einem einzigen Auktionsabend in Europa erreicht wurde. Oliver Barker, Vorsitzender von Sotheby’s Europa, sagte der F.A.Z.: „Wir sind vom Londoner Markt überzeugt – und vom Monat Juni als einer Zeit, in der es Sammler hierherzieht. Für Sotheby’s bleibt der Standort nach New York die wichtigste Verkaufsplattform.“ Die Entscheidung, die Lewis Collection hierher und nicht nach New York zu bringen, sei wohlüberlegt“ gefällt worden.
Der Abendverkauf der Sammlung Lewis wurde befeuert durch starke Beteiligung aus Asien. Sammler von diesem Kontinent boten bei der Hälfte der Lose mit, trugen ein Drittel des Gesamtumsatzes bei und sicherten sich Werke von Pablo Picasso, Amedeo Modigliani oder Lucien Freud. Wendy Lin, die Vorsitzende von Sotheby’s in Asien, setzte sich für ihren Kunden am Telefon auch bei Gustav Klimts blass-zartem „Bildnis Gertrud Loew“ (Taxe 20 bis 30 Millionen Pfund) aus dem Jahr 1902 durch: Der Hammer fiel bei 31 Millionen.
Selbstbewusst ohne Garantien am Start
Wie gewünscht von dem neunundachtzigjährigen Finanzspekulanten Lewis und seiner Tochter Vivienne, mit der er die Sammlung über Jahrzehnte hinweg zusammengetragen hatte, war kein Werk mit einer Garantie abgesichert, was die Attraktivität der konservativen Taxen noch erhöhte. Die auf eine Stunde angesetzte Auktion dehnte sich auf fast zwei Stunden aus. Nur ein Gemälde von Edgar Degas blieb unverkauft.

Dass es ein langer Abend werden würde, zeigte sich schon, als das erste Los, das kunsthistorisch wichtige „Portrait de Paul Hugot“ mit Zylinder und Spazierstock von Gustave Caillebotte, weit über seine obere Taxe von 4,5 Millionen Pfund stieg. Erst bei 8,5 Millionen beendete der Hammerschlag den Bieterwettstreit. René Magrittes kleine Leinwand mit dem bekannten Umriss eines Mannes mit Melone, „La Belle Promenade“, überraschte mit Zuschlag bei 13,5 Millionen Pfund gegenüber der Schätzung von drei bis vier Millionen. Degas’ Bronzefigur mit Stoffröckchen, „Petite danseuse de quatorze ans“, ging innerhalb der Taxe bei 21,4 Millionen weg.
Egon Schieles Jugendwerk „Danaë“ war 2017 von Sotheby’s in New York, mit einem hohen Schätzpreis von 30 bis 40 Millionen Dollar ausgezeichnet, kurz vor Beginn der Abendauktion zurückgezogen worden. In London wurde das Werk nun mit einer auf 12 bis 18 Millionen Pfund heruntergefahrenen Taxe zum Hammerpreis von 15,2 Millionen Pfund vermittelt. Das Gemälde „Artisten“ (2/3 Millionen) aus dem Jahr 1948 von Max Beckmann brachte ein in London selten gewordenes starkes Ergebnis für den deutschen Expressionismus: ein Telefonbieter setzte sich mit einem finalen Gebot von fünf Millionen Pfund gegen zwei Konkurrenten durch. Lewis hatte es 2002 bei Sotheby’s in London für 1,4 Millionen Pfund mit Aufgeld erstanden. Das Spitzenlos, Modiglianis skandalumwittertes Aktbild „Nu assis au collier“ erzielte 41,5 Millionen. Mit Gebühren sind 48,2 Millionen Pfund zu zahlen. Es erfüllt damit Sotheby’s Erwartung von „mehr als“ 45 Millionen Pfund.

Alle Abend- und Tagesauktionen zusammen setzten bei Sotheby’s im Juni an der Themse 420,5 Millionen Pfund um. Neun der zehn teuersten Lose des ersten Halbjahres bei Sotheby’s in Großbritannien kamen somit aus der Sammlung Lewis, inklusive eines Werks von Francis Bacon, das schon im März verkauft wurde.
Kein sommerliches Feuerwerk an der Themse bei Christie’s
Der Konkurrent Christie’s hielt dagegen an seiner Strategie fest, keine großen Abendauktionen mit moderner und zeitgenössischer Kunst mehr im Sommer in London zu veranstalten und sich an diesem Standort, wie auch in New York, auf zwei Termine im März und Oktober zu konzentrieren. Trotzdem konnte Christie’s mit Werken aus einer bekannten britischen Sammlung auftrumpfen – allerdings nicht mit deren Kronjuwelen.
Anita und Poju Zabludowicz, zwei der prominentesten Londoner Kunstsammler, die hier bis vor drei Jahren auch ein privates Museum unterhielten, lieferten fast 100 Kunstwerke aus ihrer mehr als 5000 Objekte umfassenden Sammlung ein. Die Saalauktion mit 53 Losen, von denen 47 verkauft wurden, erbrachte 15,4 Millionen Pfund. Das Toplos, „Mirror Head“ (3,5/5,5 Millionen) von Philip Guston, wurde bei 3,2 Millionen zugeschlagen. Einen Rekord gab es für Rose Wylie: Ihre monumentale Leinwand „Sailing Boat“ (150.000/350.000) stieg auf 230.000 Pfund. Die separate Onlineauktion mit 44 Zabludowicz-Losen, von denen nur 20 Käufer fanden, bot einen Einblick in den Markt für Arbeiten von Künstlern, die vor zehn bis 15 Jahren den gefragten Nachwuchs stellten und nun weit unter ihren damaligen Preisen versteigert werden.
Die Sommerauktion „Postwar to Present“ bei Christie’s bot 79 Lose, von denen 64 Abnehmer fanden. Am Ende stand ein Umsatz von 10,2 Millionen Pfund. Das Spitzenlos war Cecily Browns abstrakte, einen Wald evozierende Leinwand „The Haunter“ von 2010. Es traf seine untere Taxe mit 2,25 Millionen Pfund. Ähnliche Werke sind gerade in ihrer Soloschau in der Serpentine Gallery im Londoner Hyde Park zu sehen. Damit bleibt die im März von Christie’s versteigerte Skulptur „King and Queen“ von Henry Moore mit einem Rekordpreis von 26,3 Millionen Pfund brutto das teuerste im ersten Halbjahr von Christie’s in dieser Kategorie in London versteigerte Werk. Beide Christie’s-Auktionen zusammen spielten 25,7 Millionen Pfund ein.
Bei Phillips erzielte David Hockneys Spitzenlos, das Seestück „The Only One with Waves“, im „Modern and Contemporary Art Evening and Afternoon Sale“ mit einem Hammerpreis von 1,9 Millionen etwas mehr als die untere Taxe. Hockney war wenige Tage vor der Auktion im Alter von 88 Jahren gestorben. Sein Werk ist das teuerste im ersten Halbjahr bei Phillips in London versteigerte Los. Insgesamt spielten 76 verkaufte Lose von 90 im Angebot 11,9 Millionen Pfund ein.
Arbeiten von Künstlern aus Süd- und Ostasien zogen neue Kunden an. Von Rose Wylie war ein Sportgemälde dabei, das britische Tennisfans nostalgisch stimmen mag: Passend zum Auftakt von Wimbledon stellt „Andrew Murray“ (60.000/80.000) den ehemaligen Wimbledon-Gewinner während des Matches dar, mit dem er Großbritannien 2015 zum ersten Davis-Cup-Sieg seit 1936 verhalf. Es stieg auf 130.000 Pfund.
