
An die Kraft der Barmherzigkeit zu erinnern, an Mitgefühl und Hilfsbereitschaft, ist wohl die oberste und edelste Pflicht eines jeden Papstes. Dennoch ist es bedrückend, wie sehr sich die Worte und die Bilder gleichen, mit denen der alte und der neue Papst an das Schicksal der Migranten erinnerten, die die europäischen Küsten nie erreichten.
Sprach Franziskus 2013 von einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“, so beklagte Leo nun ein „globales Wirtschaftssystem, das Armut und Ausgrenzung verursacht“; beide trafen Überlebende der Überfahrten, Leo besonders ostentativ am Tag der Feiern zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, zu denen er die Einladung ausgeschlagen hatte. Hat sich denn seit 2013 überhaupt nichts geändert, möchte man fragen.
Das neue Asylsystem der EU
Aber vielleicht sind die Voraussetzungen einer solchen Frage falsch. Denn womöglich stimmt es gar nicht, dass den Menschen in Europa die vielen Ertrunkenen gleichgültig sind. Dass sie sich nicht berühren lassen, wenn ein Kind berichtet, wie es seine Mutter im Meer verlor. Vermutlich würden die meisten Menschen sogar zugestehen, dass sie selbst in einer vergleichbaren Lage auch eine bessere Zukunft suchen würden.
Gerade weil es die Situation im Mittelmeer (und am Atlantik) nicht hinnehmen will, hat Europa beharrlich über neue Mechanismen verhandelt, die zu weniger Überfahrten führen sollen. Nun muss es alle Kräfte daran setzen, dass das neue Gemeinsame Asylsystem der EU auch wirklich funktioniert.
