Der Hase hoppelt aus dem Buch direkt in das Wohnzimmer. Und weiter ins Herz seiner Leserinnen. „Ich will auch wieder ein Tier“, sagt Jetta Lüdecke, die sich mit ihren Freundinnen über „Hase und ich“ unterhält. Der 2024 erschienene Bestseller von Chloe Dalton erzählt davon, wie die britische Politikberaterin während der Corona-Pandemie von London hinaus aufs Land zog und dort eine verwaiste junge Häsin fand, die sie aufzog.
„Hase und ich“ steht auf dem Programm des Lesekreises, zu dem Lüdecke und ihre Freundinnen fünfmal im Jahr zusammenkommen. Sie und Claudia Kaschube, Heike Malchow, Julia Reisch und Nina Wheelhouse kennen sich seit Frankfurter Studienzeiten. Heute arbeiten sie in der Stadtverwaltung und in Museen, als Berufsberaterin, Kommunikationsberaterin, in der Erwachsenenbildung. Schon damals aber haben sie begonnen, miteinander zu lesen. 2004 begann es in kleinerem Kreis mit „Madame Bovary“, seit 2006 sind sie zu fünft und treffen sich in derselben Besetzung.
Mehr als 100 Bücher haben sie in diesen 20 gemeinsamen Jahren gelesen und besprochen. Aber auch sonst ist in dieser Zeit eine Menge passiert – Ehen, Kinder, Trennungen. Geblieben aber ist das Lesen, sind die Freundinnen. „Ich empfinde diesen Kreis als großes Geschenk“, sagt Lüdecke.
Bücher, die Freude machen
Das Lesen war, so sehen es alle, wichtig für ihre Freundschaft: „Man lernt sich unglaublich gut kennen, wenn man über eine dritte Sache redet.“ Außerdem komme man über die Themen der Bücher auf vieles andere, das einen beschäftige. Das Gespräch ende nie. So soll es sein mit Konversationen, Beziehungen und der Liebe zur Lektüre.
Gut alle zwei Monate kommen sie zusammen und unterhalten sich über ein Buch, das sie vor dem Treffen ausgewählt und jeweils für sich gelesen haben. Jede hat die anderen einmal im Jahr bei sich zu Hause zu Gast und kocht, jede gibt außerdem bei einem weiteren Treffen eine Einführung in das von allen gelesene Buch.
Ein biographischer Abriss, ein, zwei Rezensionen, das muss als Hintergrund genügen. Ihnen geht es um das Buch selbst: „Die Idee ist, dass wir es kontrovers diskutieren.“ Auch „Hase und ich“ kommt an diesem Abend nicht ungeschoren davon, wird gedreht und gewendet, ausgeklopft und wieder zurechtgerückt wie das Kissen im Korb eines Haustiers. „Ich weiß jetzt mehr über Feldhasen“, sagt Malchow: „Aber ich glaube nicht, dass ich einen aufziehen könnte.“ Ihrem Freundeskreis wollte Reisch es zunächst nicht empfehlen: „Und dann hat es mir so eine Freude gemacht.“ Die Gastgeberin des Abends verschlang vor dem Treffen jeden Tag zwei Kapitel.
Auch der Atlantik kann sie nicht trennen
Lesekreise gibt es viele – größere, kleinere, Frauen, Männer. Aber wohl nur wenigen gelingt es, Freundschaft und Langlebigkeit so nachhaltig zu kombinieren. Zwischendurch lebte Kaschube fünf Jahre in den Vereinigten Staaten: „Und wir haben es trotzdem geschafft.“ Sie gerieten nicht aus dem Rhythmus. Mit zwei Treffen in Deutschland und den restlichen über Video. Was das reale Zusammenkommen umso schätzenswerter machte: „Wir haben gemerkt, es ist nicht dasselbe.“

Zumal zu ihren Treffen nicht nur Buch und Gespräch gehören. Zunächst wird gegessen und erzählt. „Nach dem Espresso wenden wir uns dem Buch zu.“ Immer samstags. „Man hat ein Format“, sagt Kaschube.
Um es einzuhalten und nicht aus dem Tritt zu geraten, dauert das Planen der nächsten Treffen über fünf dicht gefüllten Terminkalendern oft etwas länger. „Das ist eigentlich die größte Herausforderung“, sagt Reisch. Aber sie finden immer eine Lösung: „Es ist uns schon sehr heilig.“ Und sorgfältige Planung hat auch ihr Gutes. Manche ihrer sonstigen Freunde sehe sie seltener als die Mitglieder des Lesekreises, sagt Kaschube.
Vom Studentenleben zur Familienwohnung
Einiges aber hat sich verändert in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Die Treffen begannen in Studentenbuden, damals gab es oft Pasta. Inzwischen kocht der Lesekreis oft vegan. Seinerzeit lebten alle fünf in Frankfurt, heute wohnen drei von ihnen in Offenbach, Weiterstadt und Karben. Und die Wohnungen sind größer geworden im Laufe der Jahre. „Der Marsch durch die Institutionen“, sagt Lüdecke und lacht: „Das machen wir, bis wir ins Altenstift gehen.“ Selbstverständlich eines mit ordentlicher Bibliothek. Und schönen jungen Männern, die vorlesen. „Wenn es dann noch schöne junge Männer gibt, die vorlesen können.“ Schwindende Lesekompetenz, sinkende Buchkäuferzahlen – der Kreis legt keinerlei Wert auf Kulturpessimismus, hat aber viel übrig für Humor.
Unter den mehr als hundert Büchern, die sie seit 2006 gelesen haben, finden sich Klassiker, gerne in neuer Übersetzung, zeitgenössische, deutschsprachige und internationale Titel. „Wir lesen nie einen Autor doppelt“, sagt Reisch: „Und keiner darf das Buch schon gelesen haben.“ Bei jedem Treffen wird das Buch ausgewählt, das bis zum nächsten Treffen gelesen werden muss, abends vor dem Einschlafen, tagsüber in der U-Bahn, in der Sommerpause während des Urlaubs am Strand.
Die beiden dicken Aktenordner, die die Lesegeschichte des Kreises enthalten, zeigen eine bunte Mischung: „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ und Thomas Hettche, Haruki Murakami und Feridun Zaimoglu, Homer und Ibsens „Nora“, Sybille Berg und Martin Mosebach, „Anna Karenina“ und „Die Vegetarierin“, Ocean Vuong und Zadie Smith, Anna Katharina Hahn und Cees Nooteboom, Kim de l’Horizon und Christian Kracht.
Bücher, die man schnell vergisst
Auf alle diese Titel ist irgendwann eine von ihnen gekommen und hat die anderen von ihrer Idee überzeugt. Vorschläge werden reihum gemacht, bei der Auswahl lassen sie sich von vielem inspirieren: „Wir schauen auf den Buchpreis, die Shortlist und die Nobelpreise.“ Manches hat eine von ihnen zuvor schon gelesen. Dann wird es schwierig. „Denn eigentlich soll das Buch ja niemand kennen.“ Ausnahmen aber sind dazu da, gemacht zu werden.

Nicht an alle Titel erinnern sie sich. „Es gibt Bücher, die vergisst man sofort“, sagt Reisch. Anderes bleibt fest im Gedächtnis. Bis heute hält der Kreis viel von Katharina Hackers „Habenichtsen“, 2006 mit dem Deutschen Buchpreis geehrt, und Hanya Yanagiharas „Ein wenig Leben“, nach 2015 ein internationaler Best- und Longseller. „Das hat mich umgehauen“, sagt Lüdecke. „Es war ein Hammer“, sagt eine andere.
Und jede hat ihre eigenen Vorlieben und Abneigungen. „Du wirst oft richtig sauer“, sagt Lüdecke zu Kaschube. „Das Buch darf keine Zeitverschwendung sein“, antwortet diese: „Das Leben ist voll genug.“ Wenn die Handlung nicht überzeuge, müsse es wenigstens der Stil sein, die Sprache, zur Not das Cover. „Du bist eben die Ästhetin“, sagt eine der anderen.
Gäbe es den Kreis nicht, das Lesen würde vor lauter Alltag untergehen, das spüren alle. Viel ist zwischen Arbeit und Familie zu tun, die Freundinnen aber wissen, was Priorität hat. „Wenn der Termin bevorsteht und das Buch zu Ende gelesen werden muss, bleibt vieles andere liegen“, sagt Wheelhouse. Die Familie sage dann: „Ach, ist bald wieder Litklub.“ Eskapismus sei das Lesen aber nicht, sagt Reisch: „Im Gegenteil. Es ist eine Präsenzmaschine. Es holt mich rein und bringt mich nicht raus.“
Ihre Treffen seien ein „geschützter Raum“, sagt Reisch. Den die Partner und Kinder bestens kennen, trotzdem bleiben die Frauen unter sich. Einmal im Jahr treffen sie sich zusammen mit ihren Männern, dann ohne Bücher, nur zum Essen: „Es ist gut, dass die Männer auch funktionieren“, sagt Malchow.

Sie geht im Herbst gerne auf die Frankfurter Buchmesse, das Lesen führt die fünf nicht bloß als Klub zusammen. Einmal waren sie zu dritt in einer Lesung in der Romanfabrik, bei „Freiheit“ von Jonathan Franzen saßen sie im Oktober 2015 mit im ausverkauften Schauspielhaus und standen hinterher an in der langen Signierschlange, die sich einmal quer durch das Wolkenfoyer wand. Wheelhouse hört das jeweils nächste Buch gerne als Hörbuch, Malchow hätte nichts dagegen, sich einmal in einer Buchhandlung einschließen zu lassen, mit bequemen Sesseln. Nur der Trend des „Silent Reading“, darin sind sich alle einig, ist nichts für sie. „Wenn wir uns sehen, quatschen wir“, sagt Kaschube.
Gute Zeiten, schlechte Zeiten
So wie sie es machen, läuft es prima, meinen sie. Viele Freundinnen sagen ihnen: „Wow, das sind aber strenge Regeln.“ Es sei eben ein Ritual, entgegnen die Freundinnen. Wheelhouse wird oft gefragt, ob man nicht als Neumitglied hinzustoßen könne. Aber alle mögen die Größe des Kreises so, wie sie ist. „Wir haben so viel miteinander erlebt in unserem Leben“, sagt Kaschube: „Bittere Sachen und schöne Sachen.“
Auch solche Sachen findet man in den Büchern. In Daltons Hasen-Titel liegen sie besonders dicht beieinander. „Ich war sehr erleichtert, dass am Ende alle am Leben sind“, ist am Esstisch zu hören. Man erwarte schließlich immer, dass etwas Schlimmes passiere.
Kaschube allerdings konnte mit dem Buch zunächst nichts anfangen. „Ich war so dermaßen genervt“, sagt sie: „Ich liebe England über alles. Aber ich brauche diesen Hasenkram nicht.“ Dann aber erinnerte sie sich an eine Kindheitsfreundin und ihr Kaninchen, das auch sie mit fütterte: „Und was dann passiert, wenn ein Tier auf dich zukommt und dich wählt, das ist schon etwas Besonderes.“ Ebenso wie die Hinwendung zum Buch. Und die zu Freundinnen.
