
Wie viele Namen werden es am Ende sein? Das weiß Larry Bonćhaka noch nicht. Dreimal wird er je eine Stunde durch ein Megaphon Namen verlesen. Von Kindern, die in Kriegen als unschuldige Opfer getötet worden sind. Von Foltertoten und Opfern politischer Morde. Jeder Name wird ein roter Kreis, den ein Tätowierer live vor dem Publikum auf Bonćhakas rasierten Kopf setzen wird. Name, Kreis, Name, Kreis.
„Leiden, Folter, Mord und Schändung gehören zum selben Ganzen. Die Gier nach Macht und der damit einhergehende Terror sind unvorstellbar. Jeden einzelnen Tag kommen wir an einen Punkt, an dem unsere Menschlichkeit nichts mehr zählt“, erläutert er seine Motivation. „Einen Bruchteil des Schmerzes zu spüren, den manche dreijährigen Kinder tagtäglich erleben, ist für mich eine Form der Solidarität. Wenn ich die getöteten Opfer von Völkermord, Krieg und Brutalität auf meinem Kopf aufzeichne, versuche ich, sie in Ehren zu begraben.“
So wird das an den drei Tagen des Performance-Festivals „Implantieren“ gehen, das vom Verein der Tanz- und Performancekünstler ID Frankfurt veranstaltet wird, diesmal verdichtet auf ein Wochenende in der Stadt, aber auch mit einer Veranstaltung in Rüdesheim. Intime Begegnungen mit einer nahezu taubblinden Künstlerin sollen die Stadt neu erfahrbar machen, es gibt Tanz im Freien und eine interkulturelle Bustour. „Soft Cities – We belong here!“ lautet das Motto des Festivals, das alle zwei Jahre von einer wechselnden Kuratorinnengruppe ausgerichtet wird.
Kunst als Dienst am Menschen
„Soft“ allerdings ist an Bonćhakas Performance wohl nur seine Haltung jenen Opfern gegenüber, deren Leiden er so hilflos gegenübersteht wie die meisten Menschen auf der Welt. Seine Geste ist radikal und speist sich aus dem Willen, in einer Welt der Härte, des Chaos und der Gewalt, die ihm, wie er sagt, das Gefühl vermittle, nichts tun zu können, eben doch etwas zu tun. Dafür mache er schließlich Kunst. Die Energie für diesen Akt der empathischen Dokumentation nehme er aus der Wirklichkeit, sagt der 1994 in Accra, der Hauptstadt Ghanas, Geborene.
„Ich bin privilegiert“, sagt er. Und darum will er Kunst machen, die zu den Leuten geht, Gemeinschaft und Kennenlernen stiftet und sie auf diese Weise handlungsfähig macht. So hat er Anfang 2026 im Gedenken an die Hunderte, die in kongolesischen Kobaltminen zu Tode kommen, die Performance „Charge“ in der Nähe der Deportationsgedenkstätte an der Europäischen Zentralbank veranstaltet: mit Akkus, für die Kobalt benötigt wird. Oder er hat, ganz allein, am 1. Mai das Eurozeichen am Willy-Brandt-Platz geputzt, um auf jene hinzuweisen, die am Tag der Arbeit im Dienst sind. Dass Touristen ihn als vermeintliche schwarze Putzkraft nötigten, aus dem Bild zu gehen, damit sie den Euro ohne ihn fotografieren konnten, findet er „interessant“. In diesem Fall hat er seinen künstlerischen Akt für sich stehen lassen.
„Kunst muss für andere da sein. Sie ist ein Dienst. Wir müssen unsere Ideen dem Publikum öffnen“, so Bonćhaka. „Wir müssen unsere Welt formen, denn wir sind Menschen, keine Sozialversicherungsnummern.“ Damit die Toten aus aller Welt keine Nummern bleiben, hat Bonćhaka ihre Namen gesammelt, im Internet, auch durch persönliche Kontakte. „Jeder kann diese Quellen finden und nutzen“, sagt er.
Kunst und Leben sind eins
„Negative 1“ heißt die performative Arbeit für „Implantieren“, und auch das ist ein Gegensatz. Denn bisherige Arbeiten Bonćhakas, wie 2025 im Frankfurter Kunstverein die bespielte Installation „La Caoba“ zum gleichnamigen Community-Projekt oder seine mobilen Ausstellungen und Interventionen noch zu Studienzeiten an der Städelschule, hatten im Grunde, bei aller Kritik an den Verhältnissen und allem Veränderungswillen, etwas Positives.
Und selten arbeitet Bonćhaka allein. Da ist zum einen, für „La Caoba“ und viele andere Interventionen, Einzelarbeiten und Projekte, die gleichaltrige, aus Tiflis stammende Sopo Kashakashvili, seit dem gemeinsamen Studium an der Städelschule nicht nur Bonćhakas künstlerische Partnerin. Für „La Caoba“ sind die beiden mit zahlreichen hiesigen Künstlern und Personen im ghanaischen Prampram nahe Accra verbunden, wo die Gruppe ein Stück Land erwerben und schützen will, um zugleich einen Ort für Gemeinschaft zu schaffen. Wie Landwirtschaft, Kunst, Kulinarik, Handel, Demokratie und Handwerk zusammenhängen, demonstrierte „La Caoba“ im Kunstverein in der Ausstellung hiesiger jünger Künstler „And This Is Us“ 2025, das Projekt soll weitergehen.
Ähnlich ist der Ansatz, den Kashakashvili und Bonćhaka als Künstler des „Fliegenden Künstlerzimmers“ der Crespo Foundation auch in diesem Schuljahr an der Käthe-Kollwitz-Schule in Langenselbold vertreten werden. „Wir machen bald ein Apfelfestival“, erklärt Bonćhaka. Als er als Gast am Künstlerzimmer 2025/26 seiner Partnerin beteiligt war, beobachteten er und Kashakashvili, wie das Streuobst auf dem Schulgelände nicht verwendet wurde. Das soll sich ändern. Ein Gefühl für die Umgebung, die heute oft beschworene Selbstwirksamkeit und kreatives Handeln sollen so zusammenfinden, wie in vorhergehenden Schülerprojekten geschehen.
Dabei hat Bonćhaka, der von sich behauptet, ein Nomade zu sein, der gut weiterziehen könne, wenn die Arbeit getan sei, selbst eine Weile gebraucht, um zu akzeptieren, dass er manches nicht kontrollieren kann. Er habe Jahre gebraucht, bis er in Frankfurt angekommen sei, sagt er. Als Austauschstudent ist er 2019 von der ghanaischen Kunsthochschule Kumasi an die Städelschule gekommen, für ein paar Monate. Doch als er zurückfliegen wollte, kam der erste Corona-Lockdown, der Eindruck, in mehr als nur der Freizügigkeit beschränkt zu sein. Das hat seine künstlerische Haltung geprägt, ebenso wie die Tatsache, Vater geworden zu sein. So blickt er auch auf die Schicksale der oft unbekannten Opfer der Gewalt, viele von ihnen Kinder, denen er nun „Negative 1“ widmet. Dem klassischen Kunstmarkt hingegen steht er eher skeptisch gegenüber. Er ist überzeugt davon, eine andere Aufgabe zu haben. Er sei nicht im Kunst-Business, sagt er: „Wir sind im Wahrheits-Business.“
