Der aus Spanien stammende Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Luis de Guindos, 66 Jahre alt, hat gerade seine letzten Amtshandlungen beendet. EZB-Präsidentin Christine Lagarde lobte zum Abschied seine Professionalität in den vergangenen acht Jahren und nannte ihn „einen Kollegen und Freund“. Künftig wird ein Kroate seine Aufgaben übernehmen: Auf Spanien könnte schon bald eine durchaus noch ehrenvollere Position zukommen.

Pablo Hernández de Cos, 55 Jahre alt, der Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, gilt derzeit als Favorit für die Nachfolge von EZB-Präsidentin Lagarde. Er ist wie de Guindos ein Spanier, stand bis 2024 an der Spitze der Notenbank in Madrid und hat den Ruf eines eher pragmatischen Ökonomen.
So ganz genau weiß man zwar noch gar nicht, wann Lagarde aufhört. Sie hatte zuletzt angedeutet, die Notenbank nicht gerade in einer Phase mit wieder ansteigender Inflation verlassen zu wollen. Dass sie ihre Amtszeit bis Oktober nächsten Jahres komplett absolviert, gilt aber allen Beteuerungen zum Trotz als nicht sehr wahrscheinlich.
Für die deutschen Kandidaten für ihre Nachfolge scheint es hingegen nicht gut zu stehen. „In Stein gemeißelt“ soll das alles noch nicht sein. Aber weder Bundesbankpräsident Joachim Nagel (SPD) noch EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel haben, nach allem, was man hört, die Unterstützung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).
Nicht zu viele Posten für Deutschland
In Berlin scheint man vielmehr die Einschätzung zu vertreten, solange Ursula von der Leyen Präsidentin der Europäischen Kommission sei, könne Deutschland nicht mit Aussicht das Amt des EZB-Präsidenten für sich beanspruchen. Damit wären die beiden raus.

Nagel, der am vergangenen Sonntag 60 Jahre alt geworden ist, hatte zuletzt die internationalen Kontakte auffällig intensiv gepflegt. Frankreich will ihn in der kommenden Woche mit dem von Napoleon gestifteten Orden „Légion d’Honneur“ auszeichnen. Dazu soll es eine Podiumsdiskussion mit dem gerade ausgeschiedenen französischen Notenbankchef François Villeroy de Galhau geben.
Der Bundeskanzler ist dem Vernehmen nach darüber verärgert, dass Nagel öffentlich in einer Situation für Eurobonds, also gemeinsame Schulden in Europa, plädiert hatte, als sich der Kanzler selbst gegenüber Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron dagegen zu erwehren hatte. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) könnte stärker auf Nagels Seite sein; dass er dafür einen Koalitionskrach riskieren würde, gilt aber als eher unwahrscheinlich.
Zeitweise war spekuliert worden, Deutschland könnte, wenn es schon selbst den EZB-Präsidenten nicht stellen kann, den Niederländer Klaas Knot unterstützen. Dieser gilt als gedanklich den traditionellen Werten der Bundesbank nicht fern. Davon hörte man zuletzt aber nicht mehr viel. Unklar ist andererseits noch, wie sehr die spanische Regierung selbst de Cos überhaupt unterstützt.
„Ich kann dazu nur sagen, dass sowohl de Cos als auch Knot von den meisten, mit denen ich spreche, für sehr geeignet gehalten werden“, sagte Karsten Junius, Ökonom der Bank J. Safra Sarasin: „Mein Tipp wäre de Cos.“ Carsten Brzeski von der niederländischen Bank ING sagte: „Ich bleibe weiterhin bei de Cos und Knot. Nagel bringt sich selbst gerne ins Spiel, aber dafür müsste es einen Pakt für die Nachfolge für von der Leyen geben, und das sehe ich zum jetzigen Zeitpunkt einfach nicht.“ Auch in Umfragen der Nachrichtenagentur Bloomberg unter EZB-Beobachtern hatten Knot und de Cos zuletzt auf den ersten Plätzen rangiert.
Wofür steht wer?
Schlicht gedacht könnte man meinen, ein EZB-Präsident aus einem südeuropäischen Land wie Spanien müsste automatisch für eine lockere Geldpolitik stehen, während ein Vertreter aus Nordeuropa wie den Niederlanden oder Deutschland automatisch für eine straffe Politik steht. Aber das muss natürlich nicht stimmen. Im Inflationsjahr 2022 hatten Nagel und de Cos der F.A.Z. ein gemeinsames Interview zur Geldpolitik gegeben. Die Unterschiede ihrer Äußerungen waren jedenfalls nicht gewaltig. Sie sagten, man habe im EZB-Rat „vieles im Konsens entschieden“.

Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim hat unlängst die Reden der Kandidaten für die Lagarde-Nachfolge mithilfe Künstlicher Intelligenz analysieren lassen. Für die Zeit zwischen 2022 und 2024 kommt er für de Cos sogar auf einen „leicht falkenhafteren“ Wert als für Knot; der Spanier habe sich also tendenziell etwas stärker für eine straffe Geldpolitik ausgesprochen als der Niederländer.
In der Untersuchung heißt es aber, das könnte womöglich schon Teil des Wahlkampfes für das EZB-Spitzenamt gewesen sein; die Kandidaten könnten sich von ihrer ursprünglichen Position aus auf die anderen zubewegt haben, um ihre Chancen zu verbessern. Auch die Commerzbank, die von Zeit zu Zeit ein „Hawkometer“ veröffentlicht, in dem sie die EZB-Ratsmitglieder in Falken – pro straffe Geldpolitik – und Tauben – pro lockere Geldpolitik – einteilt, hatte im Laufe der Zeit für Knot wie für Nagel eine Verschiebung vermeldet: jeweils von „Falke“ zu „neutraler Pragmatiker“.
