
Der Mensch und das Licht am Nachthimmel, das ist für Janet Echelman eine alte Geschichte. „Die Sterne, das Nordlicht“, sagt sie auf der Konstablerwache. Und nun hängt in der Mitte des Platzes über dem Pflaster drei Jahre lang ihr Kunstwerk „A Sky Full of Hope“. Mit Winterpause. Beachtet wird das Werk seit seiner Installation vor einer Woche auch bei Tageslicht, geschmäht wird es in den sozialen Medien rund um die Uhr, so richtig zu seinem Recht kommt es erst nach Einbruch der Dunkelheit.
Sie freue sich auch bei Sonne über die zwischen Blau und Rot changierende Skulptur, sagt Echelman im Schatten der Bäume am Platzrand. Abends und nachts sei sie allerdings besonders wirkungsvoll. Sie empfehle einen Besuch um diese Zeit: „Dann wird es am geheimnisvollsten wirken.“
Von der Kritik an der Entscheidung der Stadt, mehr als zwei Millionen Euro für ein öffentlichkeitswirksames Statement zu Frankfurt als „World Design Capital“ auszugeben, weiß sie. Sie könne nicht für die Stadt sprechen, sagt sie dazu, für ihr Kunstwerk aber spreche sie gerne.
Wenn ein Punkt des Netzes sich bewegt, bewegt sich alles mit
Auch ohne Beleuchtung changiere das Netz in vielen Zwischen- und Übergangstönen, ähnlich wie Frankfurts 178 Nationen. Je nach Standpunkt, Tageszeit und Witterung dominiere mal das Blau, das die Farbe des Himmels aufnehme, dann wieder das Rot, sein starker Gegenpol: „Es ist ein ständiges Spiel.“ Wenn man den Ort wechsele oder der Wind auffrische, verändere sich das Gebilde sofort, so wie die Stadt unter einer Vielzahl sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Einflüsse: „Es ist in ständiger fließender Bewegung. Es ist nicht nur ein einziger Zustand.“
Das Netzgewebe zeuge symbolisch vom Verbundensein. Und davon, dass sich, „wenn sich ein Punkt bewegt, alle anderen mit bewegen“. Außerdem liege das Gewebe in mehreren Lagen übereinander: „Wir sind am schönsten, wenn wir alle zusammen sind.“
Am Samstag um fünf Uhr früh ist Echelman in Frankfurt angekommen, ohne Gepäck, das auf dem Flug fehlgeleitet wurde, auch am Montagvormittag hat sie es noch nicht wieder. Sie kennt Frankfurt schon von anderen Aufenthalten her, hat von Apfelwein über Grüne Soße bis Handkäs alles gekostet, was die Stadt an Eigenheiten zu bieten hat, und fühlt sich ihr verbunden: „Sie ist so lebendig.“
Gewoben wird das Netz auf einem Webstuhl bei Seattle
Im Herbst 2025 kam eine von der Stadt beauftragte freie Kuratorin mit der Anfrage nach einem Kunstwerk zu ihr. Bei der raschen Verwirklichung half, dass die deutschen Behörden die von ihr eingesetzten Fäden und Gewebe schon von einer Arbeit in München her kannten: „Die Standards sind hier sehr viel höher als im Rest der Welt.“
Das Netz besteht aus besonders belastbaren Polyäthylen-Fäden, die eine Länge von insgesamt 103 Kilometern haben. Trotzdem wiegt es nur gut 350 Kilogramm. Für die Herstellung der Fasern in den von ihr ausgewählten Farben arbeitet Echelman mit mehreren Lieferanten zusammen. Verwoben werden die Fäden in einer Werkstatt nördlich von Seattle, einer Gegend mit viel Fischerei-Industrie. Dort gibt es einen geeigneten Webstuhl und eine hydraulische Maschine, mit der man das immer schwerer werdende Netzgebilde anheben kann, um es von Hand zu bearbeiten. Echelman zählt es zur Serie „Earth Time“, an der sie seit mehreren Jahren arbeitet, aber es ist neu: „Es ist ein Auftragswerk und für den Ort gemacht.“
Wo immer sie eine ihrer Arbeiten installiere, wolle sie „Farbe, Bewegung und Licht“ in den Alltag bringen. Ihrer Erfahrung nach erzeuge das öffentliche Sicherheit. Sie denke sich die Konstablerwache als öffentliches Wohnzimmer: „Und die Skulptur ist der Kronleuchter.“
Das Netz als perfektes Design für Bewegung
Die 1966 in Florida zur Welt gekommene Künstlerin studierte in Harvard, auf das Netz als Struktur stieß sie in den späten Achtzigerjahren durch Zufall bei einem Forschungsaufenthalt in Indien. Auch damals hatte sie ihr Gepäck verloren, Fischer in der Küstenstadt Mahabalipuram zeigten ihr bei einem Spaziergang, wie sie ihre Netze knoten. So wie sie hält Echelman es bis heute. Nicht als Quadrat seien die einzelnen Maschen des Gewebes angelegt, sondern in Rautenform: „Dann kann es sich bewegen.“ Das Netz sei das perfekte Beispiel von Design für Bewegung, fügt sie hinzu: „Wasser fließt, die Luft fließt.“
Die Idee der Kunst unter freiem Himmel zog sie an. Die „Weichheit“ ihrer Werke empfindet sie als zusätzliches Statement: „Ich mache keine große Stahlskulptur.“ Keine auftrumpfende Geste, soll das heißen. Ihr Werk, durch das der Wind gehe, nehme Raum ein, blockiere aber nichts: „Seine Stärke liegt in der Resilienz.“
Sie freut sich auf die Eröffnung von „A Sky Full of Hope“ am Dienstag um 21 Uhr. Nach Oberbürgermeister Mike Josef und Kulturdezernentin Ina Hartwig (beide SPD) wird auch sie sprechen, anschließend ist das Kunstwerk erstmals in voller Beleuchtung zu sehen. Noch bei einer Probe am Wochenende hat sie im Gespräch mit Beleuchtern und Programmierern weitere Farben hinzugefügt.
Eigene Musik für das Kunstwerk
Was sie entwirft, verwirklicht für sie das Frankfurter Atelier Markgraph, das vom Mercedes-Messestand bis zur Lightshow für die Frankfurter Tourismus- und Congress GmbH Erfahrung mit der Inszenierung von Objekten für die Öffentlichkeit hat. Seit Samstag ist klar, dass die Scheinwerfer an den vier Tragpfeilern das Gewebe einige Momente lang auch orange anstrahlen werden, was die Blautöne des Netzes grün färben wird, für Echelman ein heftiger „Clash“. Aber so müsse es sein: „Man braucht Konflikt, um eine Auflösung zu erzielen.“
Für den ersten Durchlauf gibt es am Dienstag eine vom Frankfurter Komponisten Parviz Mir-Ali eigens geschriebene Musik, anschließend läuft die Beleuchtung ohne Ton in einem etwa 20 Minuten langen Loop. Die Stadt plant, in der Umgebung des Kunstwerks QR-Codes anzubringen, über die man auch die Musik abrufen kann.
Am Mittwoch reist Echelman ab, bei der Abhängung des Kunstwerks im Winter und seiner Neuhängung im Frühjahr muss sie nicht mit dabei sein, wird aber wiederkommen. Zumal sie derzeit an der Universität Stuttgart lehrt und dazu über Frankfurt fliegt. Der Architekt Achim Menges und der Ingenieur Jan Knippers vom Exzellenzcluster „Integratives computerbasiertes Planen und Bauen für die Architektur“ haben sie nach Stuttgart eingeladen, 2027 arbeiten sie auch für die zum 100. Geburtstag der Weissenhof-Siedlung geplante Internationale Bauausstellung zusammen.
Zurück in Frankfurt bleibt „A Sky Full of Hope“, für Echelman ein „soziales Kunstwerk“, an dem die Beschaffer ihres Visums und der behördlichen Genehmigungen ebenso mitgewirkt haben wie Ingenieure und Handwerker. Und das aus mehr besteht als dem Material, nämlich vor allem aus der Reaktion der Zuschauer: „Es ist meine Form, weil es nicht meine Form ist. Das Kunstwerk bist du, der es ansehen kommt, es sind die Gedanken, die du formulierst, es ist die Interaktion.“
