
Welchen Wert hat die Kunst? Interessanterweise war das für Ökonomen lange Zeit eher ein nebensächliches Thema. Dabei sind Künstler – mögen es Schriftsteller, Bildhauer oder auch Theaterleute sein – im besten Fall Menschen mit innovativen und originellen Ideen. Darin unterscheiden sie sich gar nicht so sehr von einer Berufsgruppe, die Ökonomen stets brennend interessiert hat: den Unternehmern.
Nun haben die Künstler durchaus auch selbst dazu beigetragen, dass sich die Wirtschaftswelt eher wenig mit ihnen beschäftigt hat. In einem lesenswerten Aufsatz zum Wesen der Kreativität hat der Forscher David Galenson vor einigen Jahren festgestellt, dass Künstler schon immer darum bemüht waren, sich abzugrenzen. Exemplarisch dafür steht ein berühmter Ausspruch Vincent van Goghs, der 1884 an einen befreundeten Maler schrieb: „Die Kunst ist – obwohl sie von menschlichen Händen erstellt wird – nie nur ein Resultat dieser Hände allein, sondern stammt von einer tieferen Quelle in unseren Seelen.“
Diese tiefere Quelle kann seinem Verständnis nach Gott sein, was die Kunst in den Augen vieler Künstler schon immer zu etwas Übernatürlichem, zutiefst Besonderem gemacht hat. Vielleicht erklärt gerade das den Schock, den die Erfindung des Sprachroboters ChatGPT bei vielen kreativen Menschen ausgelöst hat: Plötzlich kann jeder kreativ sein. Nötig ist dafür allein das Formulieren eines einfachen „Prompts“, wie die Anweisungen heißen, die die Nutzer der Künstlichen Intelligenz (KI) geben.
Das mag manch ein Künstler als Beleidigung empfinden. Für den Durchschnittsmenschen ist es aber erfreulich. Der Industrieländer-Club OECD wertet regelmäßig die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf verschiedene Felder wie Produktivität, Innovation und Kreativität aus. Im Jahr 2025 hat die Organisation festgestellt, was man schon aus anderen Bereichen kennt: Die KI kann unerfahrene Schreiber besser machen. In einem Experiment zum Verfassen von Kurzgeschichten wirkten diese Geschichten auf die Leser neuartiger und origineller, wenn KI dabei zum Einsatz kam. Vergleicht man allerdings eine Vielzahl von Kurzgeschichten miteinander, die auf diese Weise entstanden sind, so zeigt sich: Mochte die einzelne Geschichte origineller wirken, so war die Bandbreite dieser Originalität dann doch begrenzt. Sprich: Die Muster ähnelten einander, was kein Wunder ist. Schließlich bedienten sich ja alle des gleichen Rohmaterials, der Daten von ChatGPT.
Nun macht die KI beständig Fortschritte, das Manko ist heutzutage also womöglich nicht mehr so groß. Ein Experiment mit 600 Teilnehmern zeigt aber, wo mögliche Schwachstellen liegen. Noch scheint es so zu sein, dass erfahrene Schreiber eher an Originalität einbüßen, wenn sie in ihren Texten zu Teilen auf Künstliche Intelligenz vertrauen. Die Untersuchung eines Forscherteams der Universität Exeter aus dem Jahr 2024, in KI-Zeiten also vor einer halben Ewigkeit, stellte fest: Wer bereits vor dem Schreiben des ersten Satzes auf KI setzte, begrenzte sich durch diese Vorauswahl in der Art und Weise, wie er den Text formulieren würde.
Plakativ lässt sich das anhand eines Beispiels zeigen, das der amerikanische Neurowissenschaftler Adam Green so formuliert: „Menschen können aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen ungewöhnliche Assoziationen haben. So kann es sein, dass jemand eine Wassermelone mit Fußball assoziiert. Solche Assoziationen können bei jedem Menschen unterschiedlich sein.“ Diese Unterschiedlichkeit könne KI nur schwer abbilden, was ihre kreativen Fähigkeiten begrenze. Greens ganz praktischer Tipp lautet darum: immer zunächst mit eigenen Ideen beginnen und erst dann die KI hinzuziehen.
Bevor es aber nun zu negativ wird, sei auf andere erstaunliche Fortschritte verwiesen, in denen die KI Menschen tatsächlich kreativer und produktiver macht: Der Ausstoß wissenschaftlicher Studien zählt dazu. Er ist deutlich gestiegen. Das ließe sich leicht als Zeichen des Verfalls wissenschaftlicher Arbeitsweisen interpretieren, in denen man der KI die Schreibarbeit überlässt und ihren Einsatz zu vertuschen sucht. Doch Forscher haben eine andere Erklärung: Tatsächlich konnten vor allem jene Akademiker die Zahl ihrer Schriften steigern, die keine englischen Muttersprachler sind. Da Englisch aber die weltweit wichtigste Wissenschaftssprache ist, verschafft der Einsatz kluger Übersetzungsprogramme dem Rest der Welt etwas mehr Chancengleichheit.
In den Vereinigten Staaten wiederum gibt es eine interessante Art der Selbstermächtigung, die ebenfalls aus dem Aufkommen der KI resultiert: Dort hat sich die Zahl der Menschen, die ohne Hilfe eines Rechtsanwalts eine Klage einreichen, seit 2022 in etwa verdoppelt. Die Vermutung ist: Die KI hat beim Verfassen der Klage geholfen. Über die Erfolgsaussichten sagt dies allerdings noch nichts aus.
Eines fällt übrigens in fast allen kreativen Bereichen auf – egal, ob es nun um Texte oder gar um KI-generierte Musik geht: So gerne die Menschen selbst KI einsetzen, so wenig mögen sie es, wenn ihnen Musik oder Texte präsentiert werden, die allein durch Künstliche Intelligenz entstanden sind. Menschliche Originalität, so könnte man daraus schließen, hat noch immer einen Wert.
