Fortuna schwingt den Siegeskranz: Die Göttin steht zwischen Blattwerk auf einer gerundeten Basis und trägt über ihrem Kopf eine muschelförmige Schale. Auf deren hochgebogenem Ende ließ der Nürnberger Silberschmied Simon Lang um 1660 einen kleinen Putto balancieren. Aus dem derart kunstvoll gestalteten Pokal zu trinken, dürfte einige Geschicklichkeit erfordern, und das nicht nur, weil das Werk aus teilvergoldetem Silber ein gutes Pfund wiegt. Doch gefüllt wurden solche Kleinode ohnehin selten, sondern standen besser aufgehoben als an einer Tafel in Kunstkammern leidenschaftlicher Sammler.
Bis man am Ende des Schauraums bei diesem kostbaren Stück anlangt, das der Kunsthändler Christian Eduard Franke-Landwers jetzt zu den Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen für 110.000 Euro anbietet, hat man bereits Jahrhunderte an Stilepochen durchschritten. Unter glitzernden Kristalllüstern passierte man Möbelstücke großer Ebenisten und machte vielleicht vor einem goldgefassten, von Rocaillen getragenen Konsoltisch halt. Auf dessen Zarge speien Drachen Feuer, und die Tischplatte besteht aus vielfarbigem Marmor aus den Pyrenäen, einer Rarität. Die französische Arbeit aus der Zeit um 1725 soll 145.000 Euro kosten.

Weiterwandernd kann man die Contessa Rosa Arconati kennenlernen, die laut Inschrift auf ihrem ganzfigurigen Porträt schon ein Ordensgelübde abgelegt hatte, als Vittore Ghislandi, genannt Fra Galgario, sie um 1700 noch im Brokatgewand mit Spitzen und reichlich Schmuck malte (185.000 Euro). Man hat meterhohe Leuchter aus Meissener Porzellan entdeckt und erfahren, dass eine frühe mit Jagdmotiven bemalte Tabatiere derselben Manufaktur einst Teil der legendären Frankfurter Sammlung des Freiherrn Maximilian von Goldschmidt-Rothschild war. Nachdem er 1938 von den Nationalsozialisten gezwungen wurde, sämtliche Stücke an die Stadt Frankfurt zu verkaufen, kam die Dose in das Museum für Kunsthandwerk, wurde aber 1949 an die Rothschild-Erben restituiert (26.800 Euro).
Eine solche Breite des Angebots macht die Stärke des Bamberger Kunsthandels aus, der seine Schatzkisten auch diesmal parallel zu den Wagner-Festspielen in Bayreuth öffnet. Bei Senger setzt die jüngere Generation immer stärker auf zeitgenössische Kunst: Einer der drei Standorte in den denkmalgeschützten Häusern der Kunsthandlung ist ihr inzwischen vorbehalten. Doch die mittelalterliche Skulpturenkunst, mit der Walter Senger sich einen internationalen Ruf erarbeitete, bleibt, wie Thomas Herzog, sein Schwiegersohn und der heutige Firmenchef betont, der zentrale Geschäftszweig.

Da empfangen den Besucher eine spätromanische rheinische Skulptur der heiligen Lucia, die mit feierlicher Würde aus ihren mandelförmigen Augen schaut (67.000 Euro). Ihr gegenüber steht die heilige Barbara als junge Frau im rot-grünen Gewand mit ihrem Attribut, dem Turm, im Arm. Die Skulptur ist als niederländische Schnitzarbeit von um 1460 ausgewiesen (64.500). Schon mehrmals hat Senger Gemälde von Lukas Cranach dem Älteren angeboten. Dieses Mal hängt bei ihm das Porträt einer jungen Frau an der Wand, das ein Maler aus dem Umfeld Cranachs vor genau 500 Jahren anfertigte, im Juli 1526 (165.000).
Auch Matthias Wenzel pflegt in zweiter Generation die Kunst der Vielfalt. In seinen dicht bestückten Räumen nichts zu übersehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Unter seinen Neuerwerbungen präsentiert er ein barockes Buchsbaumrelief aus Norditalien mit der Darstellung des heiligen Rochus, der mit Unterstützung eines Engels und eines Brot herbeitragenden Hundes Pestkranken zu Hilfe kommt (14.000). Eine Gruppe „Gamsmandl“, also holzgeschnitzter Männlein, deren Beine aus Gemsenhörnern als Garderobenhaken dienten, sind Beispiele hübscher alpenländischer Volkskunst der Zeit um 1900.
Statt der Gemeinschaftsbekundungen, die die Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen immer mittrugen, vertrauen die Händler erstmals der Attraktivität des vor drei Jahrzehnten eingeführten Formats, ohne groß die Werbetrommel zu rühren oder ein Rahmenprogramm zu organisieren. Tatsächlich dürfte die Teilnahme an internationalen Messen helfen, die Heimatadresse der Händler aufs Tapet zu bringen und nicht nur Bayreuther Festspielgästen zu Abstechern zu verführen. Vor allem die TEFAF in Maastricht, an der Senger seit Langem teilnimmt und Franke-Landwers in diesem Jahr seine Premiere feierte, sollte die Aufmerksamkeit von Sammlern und Neukunden von weit her in Richtung Franken lenken und die vielleicht schönste Stadt Deutschlands.
„Es ist ein Privileg, ein solches Umfeld zu haben“, sagt Franke-Landwers über Bamberg. Von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestuft, bietet die Altstadt jede Menge Sehenswürdigkeiten, unter denen die noch immer rätselhafte Skulptur des Bamberger Reiters im Dom nur die bekannteste ist. Dermaßen eng ist sie mit dem Image der Stadt verbunden, dass sie einem dort neuerdings sogar als Tattoo auf Männerhaut begegnen kann.

Den Glanz, den ihre weltläufig operierenden Kollegen auf den Handel vor Ort abstrahlen, reflektiert Julia Heiss auf eigene Weise. Ihr Silberkontor im gotischen Fachwerkhaus an der Dominikanerstraße füllen Stücke aus Dänemark, dem Land großer Silberschmiede: Kaffeeservice, Leuchter, Kannen, einfach alles, was edles Tafelsilber ausmacht, darunter Entwürfe von Meistern wie Georg Jensen, Hans Hansen oder Holger Rasmussen. Dessen Art-déco-Cloche mit Elfenbeingriff könnte einen enorm großen Braten warmhalten. Auch später von ihm gestaltete Objekte, etwa eine Schale, deren weiten Kelch kleine Kugeln mit dem Fuß verbinden (490), zeichnen die Geschmackssicherheit skandinavischen Designs aus. Zusätzlich bietet Julia Heiss Silberschmuck sowie englisches und deutsches Silber an.
Das Auktionshaus Schlosser setzt schon durch seine Adresse ein Highlight. Mitten im Altstadtzentrum betritt man durch ein stattliches Portal das Palais Bibra, mit dem Johann Dientzenhofer, der Baumeister des Schlosses in Pommersfelden, 1716 für Heinrich von Bibra einen der schönsten Barockbauten der Stadt errichtete. Reiche farbige Stuckierung des Hofstuckateurs Johann Jakob Vogel schmückt auch den Saal, in dem Joseph Schlosser am heutigen Samstag Teil zwei der Sommerauktion abhält.
Porzellan, Glas, Silber, Asiatika und Möbel sind an der Reihe sowie Uhren aller Art. In einer Wiener Empire-Uhr segeln Venus und Cupido im selben Boot, ihr Segel trägt das Zifferblatt. Ein identisches Exemplar bewahrt das Uhrenmuseum in Wien (12.000).
Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen in der Bamberger Altstadt bis zum 22. August
