Eine echte Freundschaft zeichnet sich durch Krisenfestigkeit aus. Meinungsverschiedenheiten zur Partnerwahl, zum Musikgeschmack oder der politischen Einstellung gehören zu einer Verbindung, die mehr ist als bloßer Kontakt.
Besonders viel Akzeptanz des jeweils anderen ist gefragt, wenn der eine Werder Bremen trainiert, der andere den Hamburger SV – zwei Fußballklubs mithin, deren Rivalität kaum größer sein könnte und durch die Tabellenplätze am Rande der Abstiegsränge noch einmal zusätzlich angefacht wird.
Als sich Daniel Thioune, 51 Jahre alt, und der fünfunddreißigjährige Merlin Polzin nach dem verdienten 3:1 der Bremer gegen den HSV in den Arm nahmen, hatte ihre Freundschaft eine nächste Feuerprobe überstanden. Denn dieses Derby war hitzig, hart, hektisch.
Der beiderseitige Druck entlud sich in einem wilden Gemenge nach Abpfiff; da gerieten die Bankbesatzungen wie bei einer Schulhof-Schubserei aneinander. Das unwürdige Gerangel endete in Roten Karten gegen den Hamburger Assistenten Loïc Favé und den Physiotherapeuten (!) Tim Roussis; auf Bremer Seite wurde Thiounes Ko-Trainer Jan Hoepner mit dem Bann des Schiedsrichters belegt.
Florian Exner war auch zuvor gefragt, als er in der 79. Minute Philip Otele vom Platz schickte, den zunächst ausgesprochenen Feldverweis gegen Bakery Jatta aber in eine Gelbe Karte abmilderte.
Der HSV hat mehr Platzverweise als Siege
Nun hat der HSV mehr Platzverweise als Siege: acht zu sieben. Andere Zahlen sind ähnlich erschreckend – ein Sieg gelang Polzins Team nur in den vergangenen neun Spielen. Seit dem 2:1 beim VfL Wolfsburg Anfang März zeigt die Form- und Punktekurve nach unten. Der Aufsteiger hat sich den Abstiegsplätzen angenähert und wirkt plötzlich wie das formschwächste Team im Tabellenkeller.
„Wir wollen nach dem 34. Spieltag das erreicht haben, was wir uns vorgenommen haben“, sagt Polzin ohne jede Spur von Hektik. Doch wie schon in Stuttgart beim 0:4 zeigte sich im Weserstadion, dass die Hamburger ohne die verletzten Luka Vušković und Albert Sambi Lokonga nur so verlässlich wie der Fahrplan der Deutschen Bahn sind. Stabilität und Energie, die den HSV durch einen beeindruckenden Februar führten, sind abhandengekommen: „Wir haben uns verloren“, sagte Nicolai Remberg, „wir sind abgekommen von dem, was wir eigentlich spielen wollen.“ Regelmäßig patzt zudem der eigentliche Anführer Miro Muheim.

Vušković dank seines Willens sowie Lokonga und Fábio Vieira mit ihrer Premier-League-Erfahrung sind die einzigen drei Feldspieler, die für Klasse und Extravaganz stehen. Ohne sie ist der HSV nicht besser als Heidenheim in dieser Saison. Das wirft einen Schatten auf die Zukunft, werden Vušković und Vieira den Klub doch verlassen.
Die Not an treffsicheren Stürmern und die allgemeinen Krisensymptome brachten Polzin am Samstag zu einer Anpassung der Spielweise. So versuchten es die Hamburger mit langen Pässen auf Mittelstürmer Robert Glatzel. Der lange Unberücksichtigte traf gekonnt zum 1:1, wurde bei der Zurschaustellung seiner Schusskunst aber vom Bremer Dänen Jens Stage übertroffen, der zweimal herrlich vollendete und für Werder das 1:0 und 2:1 erzielte – Cameron Puertas schaffte in der Nachspielzeit noch das 3:1.
Dass sich das ausgedünnte Hamburger Personal gern mal ungeschickt verhält, macht die Sache für den HSV noch delikater. Polzin verschwieg nicht, dass ständige Auftritte in Unterzahl dem Erreichen des gemeinsamen Ziels wenig dienlich sind: „Natürlich ist es im elf gegen elf leichter.“ Als „fehlende Cleverness“ brandmarkte Remberg die häufige Unterzahl: „Es kostet viel Energie, immer hinterherzulaufen. Das ist einfach doof von uns.“ Krasser Härte ist der HSV dabei unverdächtig. Eher fehlen Reife und Abgezocktheit.
An Empathie und Verantwortung mangelte es jenen Menschen im HSV-Fanblock, die nach dem Abpfiff kleinere Leuchtfeuer in die nebenstehenden Bereiche mit Bremer Zuschauerinnen und Zuschauern warfen und sogar größere Leuchtraketen einmal übers Spielfeld Richtung Werder-Profis und Fans entsandten. „Brandgefährlich“ fand das nicht nur der Bremer Abwehrspieler Amos Pieper.
Thioune und Polzin distanzierten sich später von jeder Gewaltform. Da hatte sich die Erregung gelegt, die auch im Kabinengang noch Bestand gehabt hatte, als etwa HSV-Verteidiger Jordan Torunarigha wutentbrannt auf einen nicht zu identifizierenden Konkurrenten wartete – da waren vermutlich unschöne Worte beim Bank-Gerangel gefallen. Die Rache blieb aus. Die erhitzten Gemüter kühlten sich langsam ab.
102 Minuten lang zählte die 2010 ihren Beginn nehmende Freundschaft der Trainer nicht. Seinerzeit hatte Thioune als Coach des VfL Osnabrück den wissbegierigen Trainingsgast Polzin erst zum Scout, dann zum Assistenten gemacht. „Ich war Student, er hat mir mit seiner Lebenserfahrung geholfen“, sagt Polzin. Der sechs Jahre später dann sein Ko-Trainer beim HSV wurde – als Thioune gehen musste, blieb Polzin, assistierte anderen, ehe er im Mai 2025 zum gefeierten Aufstiegs-Coach wurde. Nun muss er in den verbleibenden vier Partien beweisen, dass seine Lebenserfahrung auch der Herausforderung namens Abstiegskampf standhält.
