An einem Dienstagabend im November kehrte Nabil nicht nach Hause zurück. Eigentlich, erzählt sein Vater, wollte der 15-Jährige nur eine kurze Pause vom Lernen für die Bioklausur am nächsten Tag machen. Vor einem Pizzaladen wartete er in einem Auto auf seinen Cousin, als ein Motorrad vorbeifuhr. Kurz darauf bekam Ashraf Safiya einen Anruf: »Schüsse in Kfar Jasif. Nabil wurde angeschossen.« Kfar Jasif ist ein Ort mit etwa 10.000 Einwohnern im Norden Israels, dort lebt die Familie. Sofort fuhr der Vater mit seiner Frau zum Tatort, dann weiter zum Krankenhaus. Dort erfuhren sie: Nabil wurde tödlich getroffen. Die Polizei ermittelt. Sie geht von einer Verwechslung aus.
Der Tod von Nabil erschütterte und erzürnte die Gemeinde. Es kam zu spontanen Protesten. Nabils Mitschüler streikten. Nach knapp einer Woche nahm Ashraf Safiya die Schultasche seines Sohnes, zog sich dessen Jacke an und ging zur Schule. Er setzte sich in das Klassenzimmer, auf den Platz, der fortan leer bleiben würde. »Ich wollte, dass die Schüler wieder lernen und den Streik symbolisch beenden. Gleichzeitig wollte ich ein Zeichen des Andenkens für meinen Sohn setzen«, sagt Safiya.
In den Städten und Dörfern der arabischen Minderheit in Israel wütet die Gewalt. 2025 wurden laut Abraham-Initiative, einer israelisch-palästinensischen NGO, 252 arabische Bürger Israels getötet. Bis Mitte September dieses Jahres waren es, laut Zählungen israelischer Medien, bereits 176 Tote – etwa alle 35 Stunden ein Tötungsdelikt. Die meisten der Opfer sind junge Männer. Unter jüdischen Israelis liegt die Rate hingegen bei durchschnittlich 50 bis 60 Toten pro Jahr. Für 2025 bedeutet das rund 11,6 Tötungsdelikte auf 100.000 arabische Bürger und 0,7 auf 100.000 jüdische Israelis.
Die ausufernde Gewalt treibt die arabische Gesellschaft nicht nur um, sie politisiert sie auch. Viele sehen die Ursache in der Untätigkeit der israelischen Polizei. Die Proteste in Kfar Jasif haben sich zuerst auf die umliegende Region und dann auf das ganze Land ausgeweitet. Im Januar gingen in Sachnin, einem der größten arabischen Orte im Norden Israels, bis zu 50.000 Menschen auf die Straße. Wenige Tage später demonstrierten 40.000 in Tel Aviv – einer der größten gemeinsamen arabisch-jüdischen Proteste in der Geschichte des Landes.
Bei den im Oktober anstehenden Parlamentswahlen könnte das Problem der Kriminalität die arabische Bevölkerung, die etwa 20 Prozent ausmacht, mobilisieren wie kein anderes Thema. Knapp drei Viertel geben laut einer Umfrage an, es sei für sie ein entscheidender Faktor in ihrer Wahlentscheidung. Die einflussreichste arabische Partei Ra’am hat zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen jüdischen Kandidaten auf den zweiten Listenplatz gesetzt: Yoav Segalovich – ein ehemaliger Polizist, der unter der Vorgängerregierung erfolgreich die Bekämpfung der Kriminalität im arabischen Sektor vorangetrieben hat. Die Opposition könnte auf arabische Stimmen angewiesen sein, um die Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu abzulösen. Die Situation der arabisch-israelischen Community hat nationale Bedeutung gewonnen.
Einige Tage, nachdem Safiya in die Schule seines Sohnes ging, klingelte sein Telefon. Der israelische Präsident, Isaac Herzog, meldete sich. Er wollte sich mit Safiya treffen.
Im Haus der Safiyas ist Nabil allgegenwärtig. Nabil steht als kleine Statue auf dem Sideboard unterm Fernseher, Nabil hängt überlebensgroß als Poster im Flur. Auf jedem Schrank und an jeder Wand sieht man Fotos von ihm: Nabil im Urlaub, Nabil mit seiner Fußballmannschaft, Nabil mit seinen Geschwistern, Nabil mit seiner Mutter. Ashraf Safiya sitzt auf der Couch und lässt sein Feuerzeug immer wieder aufflammen. »Du solltest tun, was der Arzt sagt – und nicht nachmachen, was der Arzt selbst tut«, sagt der 51 Jahre alte Zahnarzt, während er die nächste Zigarette anzündet.
Die meisten Familien von Opfern würden sich zurückziehen, sagt Safiya. »Wir sind bereits in der Stunde nach dem Mord an die Öffentlichkeit gegangen«, erklärt er. Seine Frau und seine Tochter sitzen neben ihm auf der Couch und hören zu. Überregional griffen Medien die Geschichte von Nabil auf – und schließlich rief der israelische Präsident an. Im Februar traf er sich mit Safiya und anderen Opferfamilien. Was genau Herzog und Safiya besprochen haben, möchte der Vater nicht sagen. Wichtig ist ihm nur: Er wurde gehört. Allein wegen der medialen Aufmerksamkeit habe die israelische Polizei richtig ermittelt, sagt Safiya: »Nun kommt der Mörder meines Sohnes tatsächlich vor Gericht.« Kaum einen Monat hat die Polizei in diesem Fall gebraucht, um einen Hauptverdächtigen zu präsentieren.
