
Der Süden Libanons steht unter Dauerbeschuss. Die israelischen Streitkräfte haben ihre Angriffe auf die von Iran gelenkte Hizbullah verstärkt – sowohl aus der Luft als auch am Boden. In den vergangenen Tagen wurde die Kampfzone im Grenzgebiet von zahlreichen Luftangriffen erschüttert. Allein am Dienstag wurden etwa 120 gemeldet. Die Bombardements trafen auch Ziele, die weiter im Landesinneren liegen. Etwa die Hizbullah-Hochburg Nabatieh, für die das israelische Militär auch am Mittwoch eine Evakuierungsanordnung ausgab, oder Orte in der Bekaa-Ebene im Osten des Landes. Am Mittwochabend gab Israels Militär auch eine Evakuierungsanordnung für die Stadt Tyros im Südlibanon aus.
Zugleich weitet auch die Infanterie ihren Aktionsradius aus. Sie führt auch Operationen jenseits der „gelben Linie“ aus. Diese markiert eine fünf bis zehn Kilometer in Libanons Landesinnere reichende „Pufferzone“ an der Grenze, in der die israelischen Streitkräfte präsent sind und seit Wochen systematisch libanesische Dörfer zerstören. Der Waffenstillstand, den US-Präsident Donald Trump am 16. April ausgerufen hat, scheint, zumindest in der Grenzregion, nur noch Makulatur zu sein.
Die Eskalation erfolgte mit Ansage. Am Montag erklärte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in einer Videobotschaft: „Ich habe eine noch stärkere Intensivierung unserer Operationen angeordnet.“ Mit erhöhter Feuerkraft werde das Militär die Hizbullah „vernichten“. Die Streitkräfte haben laut Angaben eines Sprechers zusätzliche Reservisten mobilisiert. In der libanesischen Bevölkerung nimmt die Sorge zu, es könnte ein neuer, voll entfesselter Waffengang anstehen. In diplomatischen Kreisen wird diese Befürchtung derzeit allerdings nicht geteilt. Israel versuche offenbar mit aller Macht, seine militärischen Ziele zu erreichen, solange es die Möglichkeit dazu habe, heißt es.
Triumphierende Töne der Hizbullah
Die Hinweise auf eine Annäherung haben sich zuletzt verdichtet. Das Regime in Teheran dringt auf ein Ende der Angriffe gegen die Hizbullah-Miliz, die sie für seine Zwecke aufgerüstet hat. Hizbullah-Anführer Naim Qassem schlug am Sonntag schon triumphierende Töne an. Eine Einigung zwischen Teheran und Washington werde die Gewalt „an allen Fronten“ beenden, sagte er.
Die israelische Regierung aber will die Bedrohung durch die Hizbullah vollständig beseitigen. Derzeit leistet die Miliz erbitterte Gegenwehr. Und Netanjahu musste zugeben, dass die Schiitenmiliz ein effektives Mittel dafür entdeckt hat: mit Sprengstoff präparierte Drohnen, die mit einem ultradünnen Glasfaserkabel ins Ziel gesteuert werden. Das Militär werde dieses Problem lösen, versicherte der israelische Ministerpräsident. Militärvertreter erklärten, es werde daran gearbeitet. Die Ausweitung der Operationen habe nicht zuletzt das Ziel, diese Bedrohung auszuschalten.
Netanjahu steht auch innenpolitisch unter Druck. Er ist mit dem Unmut der im Grenzgebiet lebenden Bevölkerung konfrontiert. Außerdem mit scharfen Tönen der extremistischen Kräfte in seiner eigenen Regierung. Der Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, hat eine „Rückkehr zur intensiven Kriegsführung“ und die „Eroberung weiterer Gebiete“ gefordert. In der israelischen Presse wurde berichtet, der Regierungschef habe dem Drängen der Armeeführung und des Verteidigungsministers Israel Katz nachgegeben, eine Intensivierung der Militärschläge anzuordnen.
Neue Verhandlungen in Washington
Am 29. Mai sind Verhandlungen zwischen Militärvertretern geplant. Aus regierungsnahen libanesischen Quellen heißt es, Beirut wolle Unterstützung für das libanesische Militär zur Sicherung der Grenzregion und einen konkreten Zeitplan für den Abzug des israelischen Militärs von libanesischem Boden. Am 2. und 3. Juni soll es politische Gespräche geben.
Was die Erfolgsaussichten betrifft, herrscht allerdings Skepsis. Im Hinblick auf die Entwaffnung der Hizbullah, die sowohl Israel als auch die USA verlangen, wirkt die Regierung ratlos. Die libanesischen Streitkräfte schrecken aus Angst vor einer bewaffneten Konfrontation im Inneren vor einem energischen Durchgreifen gegen die Schiitenmiliz zurück. Diese weigert sich, ihre Waffen abzugeben, und bezichtigt die Führung in Beirut wegen der Verhandlungen mit Israel des Verrats. Naim Qassem drohte am Sonntag sogar mit einem Aufstand. „Die Straße“, tönte er, könne die Regierung zu Fall bringen.
