
Ausgerechnet die Versorgung der Krim, mit der 2014 Wladimir Putins ukrainische Eroberungen begannen, wird für den russischen Herrscher zu einem immer größeren Problem. Ukrainische Drohnen lähmen zusehends die Logistik auf der Schwarzmeerhalbinsel, die für den Nachschub der Invasoren in der Südukraine wichtig ist.
Der Passagierverkehr auf der Krim wurde am Montagmorgen russischen Angaben zufolge eingestellt. In der Nacht habe eine Drohne die Lokomotive eines Zuges getroffen, der aus Moskau in die Krim-Hauptstadt Simferopol unterwegs gewesen sei, hieß es vonseiten der Besatzer. Ein Helfer des Lokomotivführers sei getötet, Letzterer verletzt worden. Alle Passagierzüge auf der Krim seien evakuiert worden. Putins Sprecher, Dmitrij Peskow, sprach von „verbrecherischen Handlungen des Kiewer Regimes“, die „weitere Versuche, zu einer friedlichen Lösung überzugehen, verkomplizieren“.
Kiew will Moskaus „logistischen Lockdown“
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte jüngst gesagt, die Verteidiger seien jetzt in der Lage, „die russische Militärlogistik in praktisch allen zeitweilig besetzten Gebieten“ zu treffen. Laut dem ukrainischen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow will man den Druck auf die Invasoren so erhöhen, dass sie ihre Angriffsfähigkeit verlieren; Ziel sei der „logistische Lockdown“.
Seit Mai nehmen die ukrainischen Verteidiger vermehrt russische Nachschubwege und Logistikrouten der Besatzer ins Visier, lenken Drohnen in Lastkraftwagen und Züge sowie in wichtige Infrastruktur. Dabei kommen auch Drohnen mit KI-Technologie zum Einsatz, um die Zielgenauigkeit auch aus größerer Entfernung zu steigern. Mit Erfolg: Seit dem 21. Mai haben die Besatzer den Verkehr auf der von ihnen „Noworossija“ (Neurussland) genannten Schnellstraße, die das südwestrussische Rostow am Don über die russisch kontrollierten Städte Mariupol und Melitopol mit der Krim verbindet, „eingeschränkt“.
Davon ausgenommen sollen militärische Güter, Medikamente, Treibstoff und die wichtigsten Lebensmittel sein. Die Soldaten müssen fahren; russische Kriegsblogger veröffentlichen Fotos von Armeelastwagen mit schwarz-weißem, an Zebras erinnerndem Anstrich, der dazu dienen soll, die computergestützte Zielauswahl zu hintertreiben. Dagegen sind offenbar immer weniger zivile Fahrer und Logistikunternehmer willens, das Risiko der Fahrten auf sich zu nehmen. Seit Ende voriger Woche klagen Krimbewohner in sozialen Medien darüber, dass unter anderem Nudeln, Reis, Buchweizen und Zucker in vielen Supermärkten ausverkauft seien.
Benzin nur auf Bezugsschein
An Treibstoff mangelt es auch in einigen russischen Regionen, sogar in und um die Metropolen Moskau und Sankt Petersburg. Grund sind die ukrainischen Drohnenangriffe auf Raffinerien und Speicher; erst in der Nacht auf Montag brach Kiew zufolge ein Brand in einem Ölproduktelager in der Schwarzmeerhafenstadt Noworossijsk aus. Doch nirgends ist die Lage so prekär wie auf der Krim. Vor Tankstellen bilden sich Schlangen. Benzin gibt es seit voriger Woche nur auf Bezugsschein.
Am Wochenende gelang es der Ukraine, eine der Brücken aus dem russisch besetzten Teil des südukrainischen Gebiets Cherson auf die Krim mit Drohnen zu treffen. Sie ist die Hauptnachschubroute der russischen Armee für die Front bei Huliaipole südlich von Saporischschja. Die Brücke von Tschonhar sei dabei erheblich beschädigt und der Verkehr von den Besatzern ausgesetzt worden, teilte Kiews Militär mit. Ein von der Ukraine veröffentlichtes Video zeigte Löcher in der Fahrbahn. Laut den Besatzern wurde der Verkehr am Montag wieder aufgenommen, zunächst im Wechselverkehr.
Nicht nur eine Trunkenheitslaune
Schon vor dem Angriff auf die Ukraine von 2022 hatten die Besatzer zeitweise Schwierigkeiten damit, die Krim mit Energie und Wasser zu versorgen. In Russland wird die Entscheidung des sowjetischen Staats- und Parteichefs Nikita Chruschtschow von 1954, die Halbinsel von der Russischen auf die Ukrainische Sowjetrepublik zu übertragen, meist als Trunkenheitslaune abgetan. In Wirklichkeit hatten seinerzeit Gründe wie die wirtschaftliche Anbindung und die Versorgung über die direkt angrenzende Ukraine den Ausschlag gegeben. Jetzt scheint es Kiew dank der verbesserten Drohnen zu gelingen, die Halbinsel von einem militärischen Trumpf zu einer Last zu machen.
Derweil teilte der ukrainische Oberbefehlshaber Olexandr Syrskyj mit, dass seine Streitkräfte allein im Mai im Saldo fast 100 Quadratkilometer mehr Land befreit hätten, als Russland erobern konnte. Seit Jahresbeginn seien insgesamt mehr als 600 Quadratkilometer Ukraine befreit worden, erklärte Syrskyj auf Telegram. Die Lage an der Front bleibe jedoch „schwierig und dynamisch“, vor allem die Zahl der Gefechte habe „deutlich zugenommen“.
