
Der finnische Aufzug- und Fahrtreppenhersteller Kone hatte zuletzt hierzulande hauptsächlich Stillstand zu vermelden: Anfang des Jahres fuhren an vielen Bahnhöfen in ganz Deutschland die Kone-Rolltreppen wegen technischer Probleme nicht mehr. Seit diesem Mittwoch dominiert mit Blick auf Kone Aufbruch statt Stillstand die Schlagzeilen: Die Finnen wollen den von Düsseldorf aus gemanagten Aufzughersteller TK Elevator für fast 30 Milliarden Euro übernehmen und ein „Weltklasse-Unternehmen“ schmieden, wie beide Konzerne gemeinsam bekannt gaben.
Käme die Transaktion zustande, würde ein Gigant entstehen oder, wie Kone-Chef Philippe Delorme es am Mittwoch vor Journalisten ausdrückte, „etwas wirklich, wirklich Außergewöhnliches“. Das neue Unternehmen wäre fast doppelt so groß wie Kone derzeit, es hätte mehr als 100.000 Mitarbeiter in mehr als 100 Ländern und einen Jahresumsatz von rund 20,5 Milliarden Euro. Ankeraktionär Antti Herlin, der als reichster Finne gilt, würde das Unternehmen weiterhin beherrschen. Auch der Unternehmenssitz soll in Finnland verbleiben.
Die Vereinbarung bewertet die ehemalige Aufzugsparte von Thyssenkrupp mit 29,4 Milliarden Euro inklusive Schulden, teilten die beiden Unternehmen mit. Das Verkäufer-Konsortium rund um die Finanzinvestoren Advent und Cinven soll nach Angaben von Kone fünf Milliarden Euro in bar sowie 270 Millionen Aktien am neuen Unternehmen bekommen, die mit 15,2 Milliarden Euro bewertet werden. Damit werde das TKE-Konsortium künftig etwas mehr als ein Drittel am neuen Unternehmen halten. Die finnische Zeitung „Helsingin Sanomaat“ schreibt von der „größten Unternehmensübernahme in der finnischen Geschichte“.
Nach einem Notverkauf aus dem Thyssenkrupp-Konzern gelöst
TKE galt einst als Tafelsilber des Industriekonzerns Thyssenkrupp und wurde im Jahr 2020 für damals 17,2 Milliarden Euro an das Konsortium rund um Advent und Cinven notverkauft. Thyssenkrupp befand sich zu dem Zeitpunkt in einer schweren Krise und nutzte den Verkauf, um sich zu entschulden. Schon damals hatte Kone – in dem Fall gemeinsam mit Finanzinvestor CVC – Interesse an TKE gehabt, jedoch den Kürzeren gezogen. Arbeitnehmervertreter befürworteten den Deal mit Advent und Cinven.
Thyssenkrupp hält heute indirekt noch 16,2 Prozent an dem Aufzughersteller – und der Deal könnte die nächste gute Nachricht für den Essener Konzern bedeuten. Denn, so haben jedenfalls Analysten von J.P. Morgan ausgerechnet: Für Thyssenkrupp könnte die Übernahme eine Gegenleistung von insgesamt 3,27 Milliarden Euro implizieren, das wäre deutlich mehr, als das Unternehmen bislang für die Aufzugbeteiligung veranschlagt, und eine potentielle Aufbesserung der künftigen Bilanz. Thyssenkrupp selbst wollte sich auf Anfrage nicht zu den Implikationen äußern. Klar ist aber: Am Mittwoch machte der Thyssenkrupp-Aktienkurs einen gewaltigen Sprung nach oben und notierte um die Mittagszeit mehr als acht Prozent im Plus.
Ob die Wettbewerbsbehörden mitspielen, bleibt unklar
Der Übernahme von TKE durch Kone müssen die Wettbewerbsbehörden noch zustimmen. An dieser Stelle könnte es spannend werden: Kone und TKE würden durch ihren Zusammenschluss zum Weltmarktführer aufsteigen, noch vor Otis aus den USA und Schindler aus der Schweiz. Zwar hatte die EU-Kommission zuletzt signalisiert, dass sie sich angesichts der geopolitischen Lage offener für europäische Champions zeigen könnte. Wie sie in diesem Fall konkret reagieren wird, ist aber noch ungewiss. Kone-Chef Delorme sagte am Mittwoch: „Wir sind zuversichtlich, dass die Transaktion die nötige Zustimmung finden wird.“ Man werde „konstruktiv“ mit den Behörden zusammenarbeiten. Zu möglichen Auflagen, die drohen könnten, wolle er nicht spekulieren.
Konkurrent Schindler hatte schon im Vorfeld angekündigt, gegen eine mögliche Fusion von Kone und TKE Beschwerde bei den Kartellbehörden einlegen zu wollen. Auch die Kone-Aktionäre müssen dem Zusammenschluss noch zustimmen. Der Vollzug des Deals wird somit frühestens im zweiten Quartal 2027 erwartet.
IG Metall fühlt sich übergangen: „ungeheuerlich“
Arbeitnehmervertreter in Deutschland fühlen sich indes übergangen. Nordrhein-Westfalens IG-Metall-Chef Knut Giesler, der auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von TKE ist, schreibt in einem Statement, es sei „ungeheuerlich“, dass Presse und Belegschaft über die Vereinbarung informiert worden seien, bevor Betriebsrat oder Aufsichtsrat davon wussten. Er nehme die Ankündigung des Deals „mit sehr großer Verärgerung“ zur Kenntnis, die IG Metall werte sie als „Angriff auf die Mitbestimmung“. Giesler forderte eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung innerhalb der kommenden Woche.
Die IG Metall hatte zuletzt Verhandlungen über einen neuen Tarifvertrag geführt, der einen möglichen Börsengang von TKE absichern sollte. Giesler hatte eigentlich einen Termin zur Unterschrift des schon weitgehend fertigen Entwurfs am Donnerstag gehabt. All das sei jetzt „ad absurdum“ geführt, sagte der Gewerkschaftschef. Er dürfte nun Einschnitte fürchten: Kone hat bekannt gegeben, dass der finnische Konzern Synergien von 700 Millionen Euro durch den Zusammenschluss erwartet.
Größte Transaktion unter Beteiligung von Private Equity
TKE lässt sich in der Transaktion von der Investmentbank Goldman Sachs beraten, Kone von Bank of America. Als Kanzleien sind mandatiert Kirkland & Ellis, Roschier und Freshfields auf TKE-Seite und Hannes Snellman sowie Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom aufseiten Kones.
Wenn die Transaktion klappt, wird es die mit Abstand größte unter Beteiligung von Private Equity in Deutschland. Ihr Gewicht wird deutlich, wenn man sie mit dem Gesamtgeschehen an Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions, M&A) im bisherigen Jahresverlauf vergleicht. Das Vorhaben ist für sich allein mehr als halb so groß wie alle Übernahmen in Deutschland in diesem Jahr zusammen: Wie der Datendienstleister Dealogic vorrechnet, wurden zum Stichtag 27. April in Deutschland 552 Übernahmen getätigt, deren Volumen sich auf 58,1 Milliarden Dollar (50 Milliarden Euro) addierte; die US-Währung ist die in internationalen Statistiken übliche Währung. In den beiden Vorjahren, 2024 und 2025, erreichten alle Transaktionen bis Ende April zusammengenommen nicht einmal den Wert der jetzt anstehenden Übernahme.
Das Vorhaben illustriert zudem die Bedeutung von Private Equity für das M&A-Geschehen. Typischerweise steuern Finanzinvestoren ein Viertel bis ein Drittel zum M&A-Volumen bei. TKE würde potentiell eine der größten Transaktionen, die Private Equity bisher in Europa getätigt hat. 2026 haben Beteiligungsgesellschaften laut Dealogic in Europa bisher für 70 Milliarden Dollar zugekauft.
