
Schwimmen ist wunderbar. Eintauchen ins samtene Wasser, sich leicht fühlen, um alle Achsen drehen, ohne aufzuschlagen, entspannt ein paar Bahnen ziehen, auf dem Rücken vom Wasser gut getragen in den Himmel schauen, sich treiben lassen oder planschen. Jeder sollte schwimmen können. Jeder muss es lernen dürfen. Niemand sollte dafür bezahlen müssen. Schwimmen ist Teil der Kultur.
Weil wir selbst in Deutschland immer mehr ins Schwimmen kommen mit unseren teils so maroden Bädern. Weil die Zahl unserer Kleinen mit Seepferdchen immer kleiner wird, die Gruppe der Nichtschwimmer wächst, sind Schwimm-Vorbilder wichtiger denn je. Wer also wirkte glaubwürdiger als eine extreme Ausdauerschwimmerin wie Nathalie Pohl. Krault durch fast jede Meerenge und will in den nächsten Tagen von Frankfurt nach Köln auf dem Wasserweg Werbung machen, wie sie sagt: Um das offenbar langsam einschlafende Verständnis für den Sinn und die Wohltat des Schwimmens zu wecken.
Das Wasser-Projekt von Pohl wirft Fragen auf
Das ist gut. Das ist wichtig. Das ist im Interesse einer Gesellschaft. Weil die Schwimmfähigkeit nicht nur Freude macht, fast alle Muskelgruppen fordert, gleichzeitig Gelenke schont, sondern im Zweifel vor dem Ertrinken bewahrt. Falls man sich nicht überschätzt. Aber just an diesem Punkt erscheint Pohls Wasser-Projekt, gestützt unter anderem von ihrer Stiftung, nicht vollends zu tragen. Sollen Kinder durch einen Rekordversuch über 200 Kilometer in Main und Rhein animiert werden?
Alle ernstzunehmenden Experten, von der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft über die Wasserschutzpolizei bis zur Wasserwacht, warnen vor Gefahren in großen Flüssen: die unterschätzte Strömung, tückische Strudel, der Schiffsverkehr. Der niedrige Wasserstand erhöht das Risiko noch. Zwar sehen selbst Experten keinen Nachahmungseffekt angesichts des Pohl’schen Abenteuers. Aber was glauben Kinder, wenn sie Erwachsene im Rhein schwimmen sehen? Dass es wohl ein Kinderspiel ist.
Es geht an dieser Stelle nicht darum, ein gut gemeintes Projekt zu verdammen. Zumal es viel zu wenige Menschen gibt, die sich ernsthaft Sorgen machen um die Bade- und Schwimmkultur in diesem Land. Am Samstag fragte sich etwa ein Bürger in einer Taunusgemeinde laut denkend (?), ob denn angesichts des Wassernotstands im Örtchen mit allerlei Restriktionen nicht das Schwimmbad geschlossen werden müsse – während im Hintergrund das Wasser seines Pools im Sonnenlicht blau schimmerte.
Die Zahl der Widersprüche steigt in diesen Tagen. Dazu gehört auf den ersten Blick das Schwimmbad für alle und gratis vor der Berliner Volksbühne. Offen bis zum 1. Oktober. Eine Idee des künftigen Intendanten Mathias Lilienthal: 25 Meter lang, 1,30 Meter tief, fünf Meter breit: 300.000 Euro teuer. Oder billig?
Das kommt auf die Perspektive an. Grund unter den Füßen suchen nicht nur die Schwimmfreunde im Land. Diese PR-Kampagne in Berlin ist risikoloser als das Rhein-Projekt der Ultraschwimmerin. Ihr sollte man viel Glück zurufen auf ihrem Weg um der Nichtschwimmer willen, aber auch das Gespür, als Tochter aus reichem Hause mehr Werbung im Kreis der Vermögenden für weniger spektakuläre Ideen zu machen: Vor mancher Grundschule stehen inzwischen Schwimmcontainer, die zwischen 250.000 und 750.000 Euro kosten nebst Unterhalt pro Jahr in Höhe von 30.000 Euro. So könnte sich Deutschland ganz gut über Wasser halten.
