
Jede Stadt hat eine magische Zeit. Kiew hat sie zwischen dem Tschernobyl-Tag am 26. April und dem Befreiungstag am 8. Mai. In dieser Zeit fängt alles zu blühen an, Zehntausende strömen in Parks, fotografieren, posieren, riechen an den Bäumen und Büschen. Dann kommt der 9. Mai, mit dem niemand richtig weiß, was man tun soll: Meine ganze Kindheit und noch viel länger wurde er als „Tag des Sieges“ zelebriert.
Nun wird das Gedenken von Russland mit beinahe satanistischen Zügen zur Befürwortung des Krieges benutzt. Damit wird nicht nur unsere Trauer und Andacht missbraucht, sondern auch alle Opfer und Toten jenes Krieges. Diese schöne, schmerzhafte Zeitstrecke wird in ihrer Polarität im fünften Kriegsfrühling noch verschärfter wahrgenommen. Die Stadt versinkt in Blüten von Flieder und Kastanien, der Krieg ist endlos, und die Natur scheint das Einzige zu sein, was überhaupt noch siegen kann.
Ein „Requiem“ für die Opfer
Ende April war noch zu merken, wie müde die Menschen sind – nach diesem harten Winter mit Extremtemperaturen und zerbombter Energieversorgung. Ich weiß nicht, woher die Menschen hier ihre Kraft nehmen. Es ist fast zum Ritual geworden, über die Ukrainer zu staunen, über ihre Tapferkeit, Ausdauer, Courage. „Unbeugsamkeit“ ist ein Begriff, dem man überall begegnet: So heißen die Zentren für Prothetik und Punkte, an denen man Geräte aufladen und sich wärmen kann. Ich weiß auch nicht, ob den Menschen noch weitere Prüfungen zumutbar sind, sowohl in den Städten als auch an der Front. Aber wo ist eine faire Lösung?
Am 26. April wurde das „Requiem“ von Mozart in Kiew im Opernhaus gespielt, um der Opfer von Tschernobyl am 40. Jahrestag zu gedenken, ich schaute auf die Menschen im Saal und auf der Bühne, auf ihre ernsten Gesichter. Ich dachte an ihre mir unbekannten Schicksale und konnte nicht sagen, ob sie gut spielten, so überwältigend war dieses Zusammensein, als hätten die Musiker alle Opfer und sich selbst geehrt. Für wen schlägt die Stunde?
Ich habe mich gefreut, Freunde zu sehen. Einer ist Dichter, er evakuiert nun Verwundete von der Frontlinie. Er war für einen Tag beurlaubt. Wir saßen in einem modischen Café, und er, normalerweise sehr gesellig, sprach nur knapp. Als ich ihn zum Bahnhof begleitete, sah ich seine Dienstwaffe. Die Tränen würgten mich. Später sah ich meinen Studienfreund, einen Historiker. Nun ist er Soldat, nicht an der Front, sondern in einem Logistikteam in Kiew. Er versteht, dass er es leicht hat, und erzählt mir von einem gefallenen Freund. Dann treffe ich eine Freundin, die von Zwangsmobilisierung redet, von den Fällen, die ich nicht nachzuerzählen wage, die fast niemand nachzuerzählen wagt. Die Kluft zwischen den Menschen an der Front und denen, die keine Waffen in die Hand nehmen möchten, wächst mit jedem Tag. Ich wollte noch eine Freundin treffen, bei der alle an der Front sind: ihr Mann, ihr Bruder und ihr Vater. Sie ist aber nach Venedig gefahren, wie viele Künstler, die ich kenne. Die Diskrepanz ist kaum zu fassen.
Ein Besuch auf dem Friedhof
Ich war bei mir zu Hause auf dem Balkon, als wieder Luftalarm kam. Die Männerstimme bat darum, sofort in Schutzräume zu gehen. Ich schaute vom siebten Stock in die Ferne über den Bezirk mit circa hunderttausend Einwohnern. Ich hatte Angst. Viele Fenster leuchteten, keine Extrabewegung war zu sehen, ich wollte rauchen, dachte aber daran, dass vor Kurzem ein Haus gegenüber getroffen wurde. Ich sah die Sterne an und versuchte, dort die Gefahr zu entziffern. Im Zimmer nebenan schlief meine Freundin mit ihrem kleinen Kind. Sollte ich sie wecken? Aber sie stand schon im Flur und beruhigte mich: Die Ballistik fliegt doch nicht ganz auf uns, und die Drohnen sind bereits abgeschossen. Die Matratze steht immer im Flur, falls es doch auf uns fliegt, geht sie hinter die zweite Wand und schläft hier weiter. Eine eiserne Regel, ein Minimum, was man tun kann, um sich zu schützen. Meine Cousine übernachtet oft in der U-Bahn, aber nicht zur eigenen Sicherheit, sondern wegen der zwei nervösen Dackel, die sich an Luftalarme nicht gewöhnen möchten. Sonst kenne ich kaum Menschen, die in Schutzräume gehen.
Mein Vater liegt auf einem Friedhof am Rande der Stadt, jedes Jahr, wenn ich ihn am 8. Mai besuche, gehe ich eine zentrale Allee entlang, die ungestüm wächst: da sind die neuen Kriegsgräber. Mehrere Minuten habe in die Gesichter auf den Fotos geschaut. Zwischen den Gräbern flimmerten Mütter, manchmal junge Frauen mit kleinen Kindern, die Fahnen, die an jedem Grab stehen, flatterten im Wind. Ich war wegen meines Vaters da, aber die Trauer um ihn passt kaum mehr in mich hinein, angesichts dieser neuen Gräber.
Danach fuhr ich zum Botanischen Garten, der für seinen Flieder aus der ganzen Welt bekannt ist. Die ersten Büsche kamen aus Deutschland, als Beute. Ich saß zwischen Dutzenden Menschen umrahmt von Fliedern, ein blaue Klosterkuppel mit goldenen Sternen ragte daraus. Unten kreuzte die erste große Ganzschweißbrücke der Welt den majestätischen Dnipro, und sogar die hässliche Wand der neuen Bauten auf der linken Seite störte die Wonne nicht. Irgendwann merkte ich, dass um mich fast nur Frauen waren. Ich filmte eine heimlich: Sie stand im weißen Gewand, den Rücken zu mir, das schwarze Haar sorgfältig gelegt, und spielte mit Fliederblümchen. Als ich später mein Video anschaute, hörte ich ein Gespräch, das ich zufällig aufnahm. Eine ältere Frau sagte: „Er meldete sich sofort an und ist sehr bald gefallen.“ Ich hörte diese fremde Stimme und schaute wieder auf die einsame Braut am Flieder zurück.
