Die Spielplätze in Köln heißen weiter Spielplätze und sind nicht in Aktionsflächen umbenannt worden, wie es ein übereifriger Unterbürgermeister – dä Mann es topp, ävver beklopp – angeordnet hatte. Hier wird die Stadt nicht neu erfunden, hier ist sie seit jeher in den Sand gesetzt. Hier darf man sich dreckig machen und muss nicht auf die Straßenreinigung warten – warum hat der Mensch Calgon? Man muss nichts tun, wenn man nicht lustig ist, und eben deshalb tritt just hier der Verein der Freunde und Förderer des Kölnischen Brauchtums in Aktion, um ein Andenken an Hans Knipp zu stiften, den 2011 verstorbenen Liederdichter, der am 10. Mai achtzig Jahre alt geworden wäre.
Gesammelt werden Spenden für Spielplatzgeräte, hand- und wetterfeste Volkspoesieautomaten mit Phantasienamen wie „Stammbaum zum Klettern“ und „Sandkastenschiff vom Feschers Köbes“. Dieser Köbes ist kein Kellner, sondern der Held einer Geschichtsballade, die Knipp 1979 für die Bläck Fööss schrieb, der Anführer des Aufstands gegen Erzbischof Anno im Jahr 1074, Sohn eines vom Erzbischof enteigneten Rheinschiffers, mit Rheinwasser – joot! – getauft auf den Namen des heiligen Jakobus und von den Henkern des seit 1183 tatsächlich ebenfalls heiligen Anno geblendet.
Die Sozialsysteme guter Nachbarschaftshife
Der Nachbau des Fescher-Bootes wäre eigentlich eine schöne Bereicherung für das Stadtmuseum, dem in seinem innenstädtischen Exilquartier dafür aber der Platz fehlen dürfte. Entsprechendes gilt für den Kletterbaum: Wie erdacht für das Migrationsmuseum Selma, weil das Lied „Unse Stammbaum“ die Einwanderung in die Sozialsysteme guter Nachbarschaftshilfe seit der Römerzeit zelebriert – wo Selma Wurzeln schlagen soll, ist aber immer noch ungewiss, nach allerjüngstem Stadtratschluss jetzt vielleicht doch auf der rechten Rheinseite: hundert Jahre lang nur verachtet, und kein Ende in Sicht.

Museen sind in der verkehrten Welt der Kölner Kulturpolitik zum Inbegriff des Provisorischen geworden, ein Haus nach dem anderen wandert ins Interim beziehungsweise Fegefeuer. Nur der Dom bleibt an seinem Ort, wie es die Kölner schwören, wenn sie in Knipps bekanntestes Lied einstimmen. Kardinal Woelki hat einmal ein Flüchtlingsboot zum Altar geweiht; er könnte dem Sandkastenschiff Asyl bieten und für seinen Vorgänger Anno Sühne tun, wenn schon nicht in eigener Sache. Aber das Domkapitel will Eintritt nehmen wie im Museum, und das wäre am langen Samstag in der City zu viel verlangt vom Titti beziehungsweise von dessen Kindern und Kindeskindern, die ihre letzten Flöhe für Onlinekäufe aufheben müssen oder für den angeblich wirklich ultimativen Räumungsverkauf des Schwarzen Elefanten auf der Hohe Straße.
Es ist ein Segen, dass immaterielles Weltkulturerbe keine Subventionen braucht und altes Kölner Liedgut durch Weitersingen unsterblich bleibt. An Knipps achtzigstem Geburtstag fanden in der Flora, dem Gesellschaftshaus um die Ecke vom Zoo, wo ein Besuch jetzt desto mehr kosten soll, je spontaner man ihn den Kamelen abstatten möchte, zwei ausverkaufte mehr als dreistündige Konzerte statt, mit den Bläck Fööss, den Paveiern und der Knippschaff, einer noch zu Lebzeiten Hans Knipps gegründeten „Erinnerungskapelle“, die aus einer Thekenband im Weißen Holunder hervorgegangen ist.

Welcher tolle Schlager aus Köln geht eigentlich nicht auf seine Kappe? Allein im Genre des Liebeslieds tut sich ein gewaltiges Spektrum auf zwischen „Ming eetste Fründin“ und „Katrin“, die in Ton- und Lebenslage kaum mehr verbindet, als dass die Angebeteten dieselbe (oder eine gleichnamige) Namenspatronin haben, die heilige Katharina. Um als Nicht-Kölner eine Vorstellung von Hans Knipps Universalismus zu bekommen, male man sich aus, Burt Bacharach, Stephen Sondheim und Pete Seeger wären Pseudonyme eines einzigen Multitalentschuppensiegers.
Die Pänz gehen aus dem Haus, das ist der Lauf der Welt. Vielleicht wird ein Jupp oder Mariechen nach dem Stammbaum auf dem Spielplatz im Vringsveedel oder auf der Schäl Sick daheim oder in der Schule auch Tonleitern hochklettern und ein Lied über den Mann dichten, von dem man einmal kaum wird glauben können, dass er das große kölnische Songbuch fast allein vollgeschrieben hat, die Ballade vom Knipps Hennes.
