Das Chaos ist aufgebraucht, heißt es bei Brecht, es war die beste Zeit. Zwar sind die Kölner Bühnen nach vierzehnjähriger Sanierungsdauer am Donnerstag letzter Woche mit einem Gala-Abend endlich wiedereröffnet worden, aber Köln wäre nicht Köln, wenn sich die Stadt von einem wie Brecht sagen ließe, wann ihre nicht unbeträchtlichen Chaos-Vorräte erschöpft seien. Um die künftige Nutzung des Depots, der ehemaligen Interims-Spielstätte im Stadtteil Mülheim, ist eine heftige Debatte entbrannt, sogar von Wortbruch seitens der Stadtverwaltung ist die Rede, und noch bevor Hamburgs Kultursenators Carsten Brosda in seiner Eigenschaft als Präsident des Deutschen Bühnenvereins seine brillante Eröffnungsrede über Wesen, Rang und Funktion der Kultur in einer Gesellschaft gehalten hatte, wurde publik, dass die Bühnentechnik des Opernhauses noch immer erhebliche Mängel aufweist. Die lokale Presse schrie Zeter und Mordio. Sogar von einer Verschiebung der Eröffnungspremiere des „Rosenkavaliers“ wurde gemunkelt. So schlimm kam es dann doch nicht.
Zunächst feierte das Schauspiel die Wiedereröffnung mit drei aufeinanderfolgenden Premieren. Am ersten Abend schrammte Kölns Intendant Kay Voges, der bei zwei der drei Uraufführungen am Eröffnungswochenende selbst Regie führte, nur knapp an einer veritablen Blamage vorbei. Am Ende dürften sich freundlicher Beifall und ratloses Kopfschütteln in etwa die Waage gehalten haben. Wie viel Vertrauen durch das Sanierungsdesaster der letzten 14 Jahre verspielt worden ist, zeigte die halb laut gemurmelte Bemerkung eines Zuschauers unmittelbar vor Aufführungsbeginn: „Wahrscheinlich überlegen sie gerade krampfhaft, wie man den Vorhang hochkriegt.“

Als er oben ist, gibt der Vorhang den Blick frei auf eine Hinterhoffassade: drei Etagen, zehn Wohnungen, Sichtbetonwände, ein außen liegendes Treppenhaus, das verdächtig an ein Baugerüst erinnert. Großstadtarchitektur der hässlichen Sorte, auf die Bühne gebracht von Daniel Roskamp. „In bester Lage“, eine Auftragsarbeit von Kristof Magnusson und Gunnar Klack für das Schauspiel Köln, erzählt in der zwar ehrwürdigen, aber doch reichlich angestaubten Tradition des Millowitsch- und Ohnsorg-Theaters von den Querelen, Sorgen und Nöten einer Eigentümergemeinschaft in einem einstmals besetzten Haus. Sabine und Robert, gespielt von Anja Laïs und Andreas Beck, waren schon damals dabei und schwärmen von den alten Zeiten: Es sei ja nur ein einziger Buchstabe, der den Unterschied zwischen Hausbesetzern und Hausbesitzern ausmache.
Mit kreuzbraven Pointen dieser Art hat die schwerfällige Boulevardkomödie ihr humoristisches Pulver rasch verschossen. Die Schauspieler chargieren, die Sprüche stammen aus den Achtzigern, der Humor aus den Sechzigerjahren. Das Ensemble spult den Abend mehr oder weniger routiniert ab, einzig Jonas Dumke als Techno-Partyboy Marlon gelingt mehrfach der Ausbruch aus der beklommenen Atmosphäre, die sich zuverlässig über jede Komödie legt, wenn die Pointen nicht zünden, und Timing und Handwerk nicht stimmen. Immer stärker flüchten sich Stück und Regie in selbstreferenzielle Anspielungen auf das Sanierungsdrama und andere Kölner Malaisen. Und während der Geist des Kölner Karnevals mühsam aus den Ritzen kriecht und man mit dem Einsatz von Funkenmariechen oder ähnlich schwerer Stimmungsgeschütze zu rechnen beginnt, tut sich der Bühnenboden auf, und das baufällige Gebäude versinkt im Schlussbild in der Tiefe wie weiland das Kölner Stadtarchiv.

Danach konnte es nur noch besser werden. Mit „Moneyland“, einem Stück des Kölner Dramaturgen Alexander Kerlin, setzte Kay Voges am Samstagabend im Kleinen Haus denn auch ein ganz anderes Signal: Gegenwartsdramatik, dicht an den aktuellsten Ängsten und Diskursen, kühl und stylish in Szene gesetzt mit brillanter digitaler Videotechnik, die nie als Selbstzweck eingesetzt wird. Denn was die Videokünstler Max Schweder, Mario Simon und Jan Isaak Voges für die Inszenierung geschaffen haben, ist im Stück das Werk von Samantha, die nie zu sehen ist, obwohl sie eine wichtige Rolle spielt. Samantha ist die Stimme der KI, die im tief unter dem Wüstensand gelegenen Bunker der Tech-Milliardärin Ava alle Fäden in der Hand hält.
Bettina Lieder spielt die Digital-Unternehmerin, die Daten sammelt, um Kriege zu verhindern, den Klimawandel aufzuhalten und Verbrechen zu bestrafen, bevor sie begangen wurden, als eine Art Jean Harlow des Silicon Valley: ein kontrollsüchtiger, größenwahnsinniger Vamp, demokratiefeindlich, elitär und frei von jeder Empathie. Mit Lavinia Nowak als Tara und Nikolaus Benda als Sicherheitschef Billy stehen ihr zwei dienstbare Geister zur Verfügung, während der Dokumentarfilmer Noah und seine aktivistische Tochter June auf der anderen Seite stehen.
Benjamin Höppner spielt Noah als stets überforderten, vor tief empfundener moralischer Empörung schnaufenden linken Intellektuellen älterer Bauart: abwägend, argumentierend, reichlich selbstgerecht, ein wenig weinerlich und stets darauf hoffend, das alles schon nicht so schlimm enden wird. Louisa Beck als June ist aus anderem Holz geschnitzt: entschlossen, gewaltbereit, aus Verzweiflung rücksichtslos. Das Ende, ein reinigendes Blutbad im Milliardärsbunker, ist zwar nur eine Wunschphantasie, aber davor verhandelt „Moneyland“ mit faszinierenden digitalen Effekten brennende Themen der Zeit.

Analog, aber nicht weniger aktuell geht es in Roland Schimmelpfennigs neuem Stück „Tag und Nacht“ zu, einer bissigen Komödie, die mit leichter Hand die schwerste Frage von allen verhandelt: Wie wollen wir leben? Auf dem Land oder in der Stadt? In einer abgeschotteten Festung oder einer offenen Gesellschaft? In einer Demokratie oder unter der Herrschaft des Geldes? Und weil außerdem Bruderzwist, Eifersucht, vergangener Ruhm, verlorene Illusionen, Sex, der nicht mehr stattfindet, und Alkohol, der nicht mehr aufhört zu fließen, eine Rolle spielen, wird aus der geplanten Versöhnung der Brüder ein Seelen-Gemetzel, eine Orgie der Verletzungen und Entblößungen, die in einer klassischen Tortenschlacht endet. Schimmelpfennig nimmt von Yasmina Rezas Gesellschaftskomödien und Edward Albees Klassiker „Wer hat Angst vor Virgina Woolf“ jeweils das Beste: die bissigen Dialoge, die gnadenlose Durchdringung der Charaktere, den Überraschungseffekt des plötzlichen Strategiewechsels während der offenen Feldschlacht, das Wechselbad von Abscheu und Mitleid, Entsetzen und Vergnügen.

„Tag und Nacht“ ist ein Fest für vier großartige Schauspieler. Paul Grill spielt Martin, den ehemaligen Schauspieler, der aufs Land gezogen ist, um nach dem Vorbild der Fabel von der Landmaus und der Stadtmaus eine Parabel auf den Zustand unserer Gesellschaft zu schreiben. Nach sieben Jahren ist er über den ersten Satz nicht hinausgekommen. Erik, sein älterer Bruder, hat Erfolg, Geld und tausend Vorstellungen als Gestiefelter Kater hinter sich. Thomas Dannemann spielt ihn wie einen ausgebrannten Rockstar: ein Häufchen lauwarmer Asche, das aber immer noch weiß, wie man die Funken fliegen lässt. Astrid, Eriks ehemalige Freundin, lebt jetzt mit Martin zusammen, hat ihn aber ebenso satt wie das Landleben. Bei Birgit Unterweger ist die Lehrerin ein Fluchttier aus Berechnung und Bequemlichkeit, während die grandios schillernde Claude De Demo als Lisa eher auf Beute aus ist. Zwei eigentlich starke Frauen als Anhängsel der falschen Männer: einmal falsch abgebogen und seitdem in ewiger Wartestellung.
Regisseurin Lily Sykes inszeniert „Tag und Nacht“ als fulminantes Theater auf dem Theater: das Leben als Nullsummenspiel der verpassten Möglichkeiten und ungelebten Träume, die man zwar beliebig oft durchspielen, aber nie verwirklichen kann. Mit dieser Inszenierung hat Köln am Eröffnungswochenende doch noch den Glanzpunkt gesetzt, auf den alle gehofft hatten. „Tag und Nacht“ ist von böser Klugheit und galliger Heiterkeit, ein Kommentar zu unserer Zeit, zu den Mechanismen der Polarisierung und den Aporien einer Gesellschaft, in der keiner mehr an Märchen glaubt, aber alle wie im Märchen leben möchten.
