Nach Auflösung der Sowjetunion gab es ein Moment, das die dann unabhängigen Länder weiter verband: die Renovierung nach europäischem Standard. „Die Epochen kommen und gehen, die Menschen sterben und werden zu Staub, neue Menschen werden geboren, Imperien entstehen und vergehen, aber eine Renovierung hört nie auf.“ Dieses Schicksal trifft denn auch die Brīvības iela in Riga, die Freiheitsstraße, umgangssprachlich die „Freiheit“ genannt. Und natürlich lässt es sich der Ich-Erzähler Svens nicht nehmen, diese Kurzform im Roman mit der naheliegenden Doppeldeutigkeit aufzuladen.
In der Freiheit gibt es ein Haus, in dem früher sein Urgroßvater lebte, dann die Sowjets Einquartierungen vornahmen und in der nun Svens zu Beginn des neuen Jahrtausends ein Zimmer hat. Während er auf seine Aufnahme in die Kunsthochschule hofft, holt ihn das Schicksal ein: „Die Renovierung erfasste alles, hatte sich fest als Lebensstil etabliert und drohte zum Kult zu werden“, aber gut, „Stromleitungen und eine Heizung waren für den weiteren Fortbestand der Freiheit notwendig“. Doch dann sieht er in einem Haus mit erfolgreicher Modernisierung die Folgen: Laminat auf dem Boden und quadratische Deckenplatten aus Kunststoff. „Als hätte man mich geohrfeigt, wurde mir auf einen Schlag klar: Bald wird es in der Freiheit genauso aussehen, und ich werde nichts dagegen tun können.“
Gott behüte, eine Identität!
Riga hat er immer als „buntes Durcheinander von unterschiedlichen Stilen“ empfunden, weil alles, „was die Weltkultur hervorgebracht hatte“, dort landete, wenn auch mit Verspätung. Vom Jugendstil über den Marxismus bis zu den Spice Girls. Und die Nullerjahre „waren auf ihre Art amorph“. Er aber sehnt sich nach einer „Vollkommenheit der Formen“ – zumindest glaubt er das bis zum Anblick des Laminatbodens.
Gedanken über Form und Inhalt begleiten Svens und seinen Freund Egregors. Obwohl beide jung sind, Svens noch minderjährig, ist die „Rigaer Freiheit“ kein Adoleszenzroman. Beide sind ausgeprägt individuelle Figuren, die schon „eine gemeinsam verbrachte Woche Hedonismus in einem Literaturcamp“ hinter sich haben. Ständig waren sie auf der Suche nach etwas, aber eben nicht, „Gott behüte, eine Identität“. Möglicherweise ist es Tiefe. Deshalb fährt Egregors zur See. Svens hat sein inneres Meer in der Freiheit. „Das war die Terrine, in der mein Kosmos zusammenkam“, und weil in ihr „alles war, konnte ich auch alles, was ich brauchte, aus ihr herausfischen“. Diese Suppe verwandelt er in Literatur, zeichnet ein Stadtporträt, ein Generationenporträt und eine Familiengeschichte, geht in diesem an sich schon fast historischen Roman – ein Lettland noch vor dem Beitritt zu EU und NATO – noch weiter zurück in Krieg und erste Nachkriegsjahre.

In den einzelnen Szenen ist das immer plastisch, im Gesamten wird einiges nicht auserzählt, so die antisemitischen und antirussischen Spannungen innerhalb der Familie. Zwei Momente machen dieses kleine Manko jedoch wett. Kuzmins findet einen sehr schönen, sehr überzeugenden Ton zwischen Ironie und Melancholie. Hier nimmt ein Künstler die Welt wahr, ein Sprach- und Bildmensch. Sein Blick kennt die „schwarz-weißen Streifen“ der Birkenrinde zum Heizen, seine Hände können die „schwarzen und weißen Tasten“, von weniger kunstfreundlichen Händen aus dem Klavier gerissen, aufs Fensterbrett zusammenlegen und mit Gedichtzeilen vollschreiben. Seine Kunst mag sich dieser Töne bedienen, sein Denken ist nicht von ihnen geprägt. Es bleibt wach, aufgeschlossen und behutsam im Urteil. Gleiches gilt für seine Wahrnehmung, die aus einem anderen Winkel erfolgt.
Das zeigt sich beim „Schatz im Schuh“. Einer Verwandten von Svens war im Zuge bolschewistischer Verstaatlichung der Familienschmuck abhandengekommen. Schon bald kam die Legende auf, die Frau trüge ihn versteckt im Stiefel. Der Gedanke an „Die zwölf Stühle“ von Ilf und Petrow drängt sich auf, zumal im Roman selbst Michail Bulgakow zitiert wird. Politisch bezieht der Erzähler klare Position: „Vielleicht wurde uns, der letzten Generation, die noch in der Sowjetunion geboren war, eine unheilbare Immunität gegen Ordnungssysteme und diejenigen, die solche Ordnungen einführen, in die Wiege gelegt.“ Das ist eine der wenigen pathetischen Stellen im Text. Im täglichen Leben spricht er gelegentlich mit alten Bekannten Russisch, liest russische Literatur, kann zwischen einem einzelnen Menschen und einem System unterscheiden.
Oft sind es kleine Verlage, die sich auf die Literatur eines bestimmten Raums spezialisieren, wie hier fotoTAPETA auf Werke aus Osteuropa. Sie öffnen damit mitunter ein Fenster, das hinausgeht in Gegenden, die uns zwar geographisch nahe liegen, aber doch häufig Terra incognita sind. Und Svens Kuzmins’ „Rigaer Freiheit“ überzeugt dabei auch literarisch.
Svens Kuzmins: „Rigaer Freiheit“. Roman. Aus dem Lettischen von Lil Reif. fotoTAPETA, Berlin 2026. 236 S., br., 25,– €.
