Das Land Hessen bekennt sich zur Klimafolgenforschung in den Anlagen der Universität Gießen und der Geisenheim University im Rheingau. Dies hat ein Sprecher des Ministeriums für Landwirtschaft und Weinbau auf Anfrage der F.A.Z. hervorgehoben. In den vergangenen Monaten hatten sich Forscher angesichts der Haushaltsnöte des Landes verunsichert gezeigt. Das bisher für die Finanzierung der beiden Langzeitprojekte zuständige Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie verfüge in diesem Jahr nicht über die nötigen Mittel, hieß es. Das Ministerium werde aber einspringen, verlautete aus dem Haus. Nun ist auch klar, wie viel Geld das Ministerium für den Betrieb der beiden Anlagen überweist.
Demnach darf das Institut für Pflanzenökologie der Universität Gießen mit 80.000 Euro rechnen. Nach Geisenheim fließen 50.000 Euro. An beiden Standorten erhalten unterschiedliche Nutzpflanzen mehr Kohlendioxid, als in der Luft vorhanden ist. Dieses Vorgehen nennt sich Free Air CO₂-Enrichment, kurz FACE. Die Forscher beobachten das Wachstum der Gewächse und ziehen Schlüsse für die Zukunft daraus. Das in Linden angesiedelte und seit 1996 laufende Projekt der Universität Gießen erhält 20.000 Euro weniger, als im Vertrag mit dem Land vorgesehen sind. Allerdings hebt das Ministerium hervor, die insgesamt für die FACE-Forschung vorgesehenen Mittel bereitzustellen. Es gewährleiste damit die „verlässliche Fortführung des wichtigen Forschungsprojekts“.

Die Hochschule im Rheingau untersucht in ihrer Anlage die Reaktion der Rebsorten Riesling und Cabernet Sauvignon auf die erhöhte Kohlendioxid-Konzentration sowie das Wachstum von Spinat, Radieschen und Gurken. In Linden geht es um Gräser, Kräuter und Hülsenfrüchte als Futter für Nutztiere. „Wir geben eine Kohlendioxid-Konzentration, die wir für das Jahr 2050 erwarten“, erläutert der Leiter der Anlage, der Pflanzenökologe Christoph Müller.
Die Forscher haben dort mit der Zeit herausgefunden: Das durch das viele Kohlendioxid bedingte kräftigere Wachstum führt zu einer Abnahme des Eiweißgehalts in den Pflanzen, weil das Grün relativ weniger Stickstoff als Baustein von Eiweiß aufnimmt als sonst, wie der Professor erläutert. Dadurch gebe eine Kuh weniger Milch. Als Konsequenz müsste ein Rind nach seinen Worten für eine größere Milchmenge mehr fressen. Dies aber wäre für das Klima und damit die Menschen und Tiere gar nicht gut. Denn Kühe rülpsen das Treibhausgas Methan aus.
Diese Arbeit wird längst international beachtet: Müller hat zusammen mit seinem Kollegen, dem Insektenbiotechnologen Marc Schetelig, die Internationale Atomenergiebehörde als Partner für das erste UN-Institut für Klimafolgenforschung an einer deutschen Hochschule gewonnen. Es heißt Liebig Centre for Agroecology and Climate Impact Research und baut auf der Arbeit der Forscher in Linden auf.
Als Vertreter der deutschen Delegation stellte Müller zur Monatsmitte in Wien das Liebig Centre während der Jahrestagung der Atomenergiebehörde (IAEA) vor. Der Hintergrund: Die UN-Behörde beschäftigt sich nicht nur mit Kernkraft und Atomwaffen, sondern auch mit nachhaltiger Landwirtschaft. Die IAEA liefert Standards für stabile Isotope, die in der Forschung benötigt werden. Das sind nicht radioaktive Varianten von Atomen, die wegen ihrer Eigenschaften für Umweltstudien genutzt werden. „Mit ihnen können wir zwischen natürlichem Kohlendioxid unterscheiden und jenem, das durch die Verbrennung von Gas, Erdöl oder Kohle entstanden ist“, sagt Müller.
