Es passiert so weit weg, Tausende Kilometer entfernt, und kann einen doch nicht kalt lassen: Eine gigantische Welle mit Warmwasser bewegt sich unter der Meeresoberfläche des Pazifiks in Richtung südamerikanische Küste. Vom Satelliten aus gemessen, erstreckt sie sich mehr als vierzehntausend Kilometer über dem Äquator. Eine hochaufgeladene Energielawine. Auf Youtube machen sich die Wetterinfluencer seit Wochen einen Spaß daraus, dem Ganzen immer neue Superlative anzuheften: die „Kelvin-Welle“ werde, so rechnet einer hoch, die jährlichen Energielieferungen von 300.000 Kraftwerken in den Ostpazifik verfrachten. Oder noch schriller: Die transportierte Wärme entspreche der weltweiten Energieproduktion der Menschen in zehn Jahren. Manche nutzen Atombombenvergleiche.
Die Stimmung in der meteorologischen Szene heizt sich auf. In Kürze könnte es tägliche Bulletins und Katastrophenupdates in den sozialen Medien hageln. Denn das Phänomen El Niño, um das es dabei geht, ist eine gigantische Unwettermaschine auf dem Planeten. Und sie könnte auf Rekordkurs ein. Könnte, wohlgemerkt. Sicher ist das nicht. Aber bereits die Wahrscheinlichkeit von 30 bis 40 Prozent, dass sich El Niño im Verlaufe dieses Jahres zu einer extrem starken Wärmeanomalie auswächst, hat einen beispiellosen El-Niño-Hype ausgelöst. Aus dem „Super-El-Niño“ wurde ein „Monster-“, „Ultra-“, gar „Godzilla-El-Niño“.
Ein Naturphänomen mit Horrorpotential
Wie wurde aus diesem alle paar Jahre auftretenden Phänomen plötzlich eine Horrorshow? Meteorologisch gesehen ist sein Auftreten nicht sonderlich überraschend. El Niño ist der wärmere Teil des ENSO-Zyklus, der „El Niño Southern Oscillation“, einem Zusammenspiel von Ozean und Atmosphäre im Pazifik. Der kalte Teil heißt La Niña. Meist wechseln sich diese Wärme- und Kälteanomalien in unregelmäßigen Jahresabständen ab, oft getrennt durch „neutrale“ Phasen, also solche ohne große Temperatursprünge. Seit Jahrhunderten ist das so, denn El Niño vermiest ecuadorianischen Fischern immer wieder durch Fangeinbußen die Weihnachtszeit. Dann verdrängen die warmen Wellen den kalten und viel nährstoffreicheren Humboldtstrom von der Küste.
Der Ozean ist nur ein Teil des oszillierenden Phänomens. Entscheidend ist, dass die gewaltigen Warmwassermassen im Pazifik so gigantische Verdunstungen und damit Energietransporte in die darüber liegende tropische Atmosphäre auslösen, dass die auf- und abströmenden Luftmassen, die großräumigen, sogenannten Walker-Zellen, sich stark verändern. Und nicht nur das. Es gibt Fernverbindungen, die monatelang die Dürre- und Regenmuster rund um den Globus ändern: Große Teile Australiens, Indonesiens, Brasiliens, Südafrikas, der USA können in Trockenheit versinken, der lebenswichtige Monsun in Indien kann ausbleiben, die Korallen um das Inselparadies Galapagos und in ganz Ozeanien können vor Hitze ausbleichen. Und auf der anderen Seite können der Westen Südamerikas, Ostafrikas und Nordamerikas unter biblischen Regenfluten leiden. Im Pazifik entwickeln sich mehr, im Atlantik tendenziell weniger Zyklone. Verheerungen sind überall möglich: Ernteausfälle, Hungerkrisen, Überflutungen und epische Flächenbrände. Und auch hier gilt wieder: El Niño kann das alles auslösen. Er muss aber nicht.
Zuletzt war etwa alle zehn Jahre ein starker oder Super-El-Niño aufgetreten: 2015/16, davor 1997/98, auch Mitte der Achtzigerjahre. Der letzte sehr starke El Niño fand 2023/24 statt. Er hat das Jahr maßgeblich zum bisher wärmsten Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen werden lassen. Die Weltmeteorologiebehörde WMO hat den globalen Rekord der Jahresmitteltemperatur von 1,55 Grad in dieser Woche offiziell bestätigt. El Niño und Klimawandel können also zusammenwirken. Können, müssen aber nicht.

Vielleicht wegen dieser Wirkung als Wärmebooster schrecken inzwischen viele Experten nicht mehr davor zurück, unwissenschaftlich von einem Super-El-Niño zu sprechen. Der Begriff wird verwendet, sobald die Aussicht besteht, dass die Ozeantemperatur im zentralen Pazifik, wo automatische Messbojen und Satelliten Temperatur, Salzgehalt und viele weitere Werte bis in größere Tiefen erfassen, auf mehr als zwei Grad über dem Normalwert steigt.
„Ich halte nichts von solchen Superlativen“, sagt Mojib Latif vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Er ist einer der Pioniere der El-Niño-Modellierung und inzwischen auch Präsident des deutschen „Club of Rome“. Auch eindeutige Verbindungen zur menschengemachten Erwärmung sieht er nicht bestätigt. „Es gibt kaum ein Klimaphänomen, dessen Verbindung zum Klimawandel so unsicher ist wie El Niño.“
Dennoch bewegt viele diese Frage: Was hat dieser neue El Niño, der im ersten Drittel des Jahres nach einer vergleichsweise unauffälligen La Niña so schnell und massiv hochgefahren ist wie nur noch jener im Jahr 1997/98, mit der menschengemachten Erderwärmung zu tun? Ist er Resultat, oder befeuert er die Erwärmung? Meteorologe Karsten Haustein von der Universität Leipzig sagt: „Sollte es nach 2015/16 zu einem weiteren Super-El-Niño kommen, wäre es ein Indiz für die Auswirkungen des Klimawandels. Durch etwas stärkere Passatwinde haben wir längere La-Niña-Phasen, wodurch mehr Wärme im tropischen Pazifik verbleibt, die sich mit jedem zwangsläufig folgenden El Niño umso stärker an der Oberfläche auswirken.“ Haustein und andere Forscher wurden jüngst durch das Science Media Center in Köln befragt. Bei den meisten herrschte Zurückhaltung in der Klimawandelfrage, und fast immer kam die wissenschaftliche Unsicherheit zur Sprache. Mojib Latif erklärt: „Im Grunde kennen wir nicht einmal das Vorzeichen, ob der Klimawandel El Niño anfacht oder bremst.“ Die Klimamodelle müssten erst noch besser werden, um das zu klären.
Offiziell ist der starke El Niño noch nicht bestätigt
Nötig wäre das schon deshalb, weil der Zusammenhang von Erderwärmung und El Niño längst auch von offiziellen Stellen in den Klimawandeldiskurs eingebracht wird. Leon Hermanson von der britischen Wetterbehörde, der den neuen Fünfjahresausblick der WMO geleitet hat, sagte diese Woche in Genf: „Der für Ende 2026 vorhergesagte El Niño erhöht die Chancen, dass wir im Jahr 2027 das nächste Rekordjahr in der globalen Erderwärmung bekommen.“ Um ein oder zwei Zehntelgrad kann ein starker El Niño das Jahresmittel erhöhen. Tatsächlich beziffert die WMO die Wahrscheinlichkeit, dass das Pariser Klimaziel von 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau im Mittel der fünf Jahre bis 2030 klar und dauerhaft überschritten wird, auf inzwischen 75 Prozent. El Niño dürfte seinen Anteil daran haben.
Und dennoch hat die WMO das neue El-Niño-Ereignis nicht offiziell bestätigt. Es könnte sogar noch Wochen dauern, bis das passiert. Denn: Erst nach der üblichen „Frühjahrsbarriere“ der Vorhersagbarkeit kann man den Klimamodellen wirklich trauen. Die ersten Sommermonate sind dann entscheidend. Sollte die Atmosphäre über dem El-Niño-Gebiet auf die Wärme im Pazifik reagieren und sich großräumig etwas ändern, wird das Klimaphänomen festgestellt.
Danach kann es schnell gehen. Schon in den ersten Juniwochen, das zeigen die neuen Prognosen des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF), könnte eine großräumige Anomalie von aufsteigenden Luftmassen über dem Pazifik zusammen mit ebenso folgenträchtigen sinkenden Luftmassen über dem Indischen Ozean auftreten. Aber selbst wenn diese Fernwirkung in Gang gesetzt wird, kann noch längere Zeit Unklarheit herrschen. Schon einzelne meteorologische Ereignisse im Pazifik könnten den Aufbau eines Super-El-Niños torpedieren.
Normalerweise braucht es anhaltend starke Westwinde, die die Warmwassermassen vor die Küste Südamerikas treiben, und zusätzlich weiter abflauende Passatwinde am Äquator. Ein Zyklon über dem Pazifik etwa könnte so etwas bewirken. Fraglich ist außerdem, wie eine riesige, zur Zeit vor Kalifornien und Mittelamerika aufgestaute marine Hitzewelle die El-Niño-Entwicklung beeinflusst. Zumindest was die anhaltenden Westwinde angeht, stehen die Zeichen laut aktueller Wettervorhersagen auf Grün. „Während sich die Entwicklung des Ozeans bereits jetzt vergleichsweise gut vorhersagen lässt, ist es für belastbare Aussagen zur Atmosphäre noch zu früh“, sagt Johanna Baehr vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit in Hamburg.
Irgendwann in den nächsten Wochen wird die Unsicherheit über die Zukunft des El Niño 2026/27 verschwunden sein, sagt der Physiker und Klimamodellierer Thomas Jung vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhavener. Das wird der Lackmustest für die Modelle – und für die Klimaforschung überhaupt. Denn treten die frühen, extremen und massiv gehypten Vorhersagen vom Monster-El-Niño nicht ein, so fürchtet jedenfalls Mojib Latif, „könnte uns das wieder viel an Glaubwürdigkeit kosten“. Er meint damit vor allem die politische Glaubwürdigkeit. Die Debatte der vergangenen Wochen um das Katastrophenszenario RCP8.5 zeige, dass Korrekturen oder Schwächen in Klimamodellen politisch „missbraucht werden“ könnten.
Kurz gefasst, ging es dabei um Folgendes: Im Auftrag des Weltklimarats IPCC wurde in dem Strauß möglicher Szenarien zum künftigen Verlauf der klimaschädlichen Emissionen oder umweltschonender regenerativer Energiequellen auch ein Worst-Case-Szenario, RCP8.5 genannt, verwendet. Im April hat nun ein dem IPCC zuarbeitendes Forscherkonsortium entschieden, dass dieses „Katastrophenszenario“, wie Latif sagt, angesichts des globalen Kohleausstiegs und der Massenverbreitung billiger, klimafreundlicher Energietechniken nicht mehr plausibel sei.
Es folgten Kampagnen gegen die Klimaexperten und ein politisches Spektakel, das offenbar zum Ziel hatte, den angeschlagenen Klimaschutz weiter zu schwächen. „Wir müssen höllisch aufpassen“, meint Latif, dass sich der aktuelle Super-El-Niño-Hype nicht nahtlos daran anschließe.
Der Versuch, das natürliche Klimaphänomen El Niño nicht weiter in Klimadebatten zu verstricken, könnte über kurz oder lang an der Klimarealität scheitern. Davon ist AWI-Forscher Jung überzeugt. Im November vergangenen Jahres hatte er in „Nature Communications“ zusammen mit Kollegen aus Südkorea, den USA, Deutschland und Irland über eine bevorstehende „dramatische Veränderung“ im ENSO-Verlauf berichtet. El Niño könne sich durch die Erwärmung insbesondere in den Ozeanen in zwanzig bis dreißig Jahren plötzlich zu einem viel regelmäßigeren, vor allem aber sehr viel intensiveren Ereignis hochschaukeln. Eine Art Kipppunkt für ENSO und Super-El-Niño quasi in der Dauerschleife.
Für Europa, dessen Wetter bisher auch von starken El Niños eher milde und indirekt beeinflusst wird, könne es „dramatisch werden, transformativ sozusagen“, sagt Jung. Ozeane und Atmosphäre koppelten sich dann stärker als bisher, das Klima in den Tropen werde aktiver. „Die Fernwirkungen verstärken sich allgemein stark“, so Jung: Über die Verbindung zur Nordatlantischen Oszillation, die das europäische Wetter maßgeblich prägt, könne künftig eine „kanonische Brücke“ von Europa zur El-Niño-Region führen. Zum ersten Mal überhaupt hatte das Team diesen „Peitscheneffekt“ in den El-Niño-Simulationen entdeckt. Ein Ausreißer, Artefakt?
Der AWI-Physiker ist überzeugt, dass das von ihnen verwendete, besonders hochaufgelöste Klimamodell die El-Niño-Zukunft in einer wärmeren Welt einigermaßen treffend vorhersagt. Bis das Ergebnis allerdings durch andere Simulationen und am Ende durch Messdaten bestätigt worden ist, droht ihm und seinen Kollegen das, was Godzilla-El-Niño-Ankündigern im Netz jetzt schon um die Ohren weht: kräftiger Gegenwind.
