
Der Mann auf der Bühne des Großen Festspielhauses in Salzburg knipst das Lächeln an, das er in seiner Wunderkindheit in Moskau gelernt hat, so wie er Terzen, Dreiklänge, Tonleitern, Beethoven-Sonaten, Chopin-Mazurken und Liszt-Rhapsodien gelernt hat, um sie ein Leben lang immer wieder zu spielen. Auch heute Abend: Beethovens Sonate op. 10 Nr. 3, eine Handvoll Mazurken von Chopin, Schumanns „Kreisleriana“ und die zwölfte Ungarische Rhapsodie von Liszt.
Von Jewgeni Kissin ließ sich einmal sagen, was Artur Schnabel, frei von Gift, über Rachmaninow sagte: „Er ist der Einzige, der Beethoven schön spielen kann.“ Was für ein Ebenmaß, welche Gelöstheit, welch heitere Mühelosigkeit lagen in seiner Aufnahme aller Beethoven-Konzerte mit dem Dirigenten Colin Davis! Und jetzt, hier in Salzburg?
Mehltau auf seinem Spiel
Man hört, wie sich der Bewegungsapparat gegen die Musik sträubt. Man sieht das Zucken der Augen in Kissins Gesicht, den unablässig arbeitenden Unterkiefer; und selbst wenn man die Augen schließt, legt sich die Schwere des Körpers hörbar der Leichtigkeit der Musik in den Weg. Alles ist Schmerz geworden, nicht nur das große Largo e mesto, das, wie verlangt, breit und traurig gerät. Der fast improvisatorische Charakter des Finales wird zur gewichtigen Etüde in Bedachtsamkeit ohne Verblüffungsabsicht.
Auch die Mazurken von Chopin tanzen nicht mehr. Und wenn, dann mit zertrümmerten Füßen. Jene in e-Moll op. 41 Nr. 1 ist ein Trauermarsch im Dreivierteltakt geworden. Die Causerie in As-Dur op. 41 Nr. 3 klingt wie die Erinnerung eines Wachkoma-Patienten an einstige Geselligkeit. Und in der c-Moll-Mazurka op. 56 Nr. 3 gerät alles schwerfällig und demonstrativ. Wo Chopin den Schmerz beiläufig in die Konversation einfließen ließ, hebt Kissin ihn aufs Podest. Wo Stolz und Eleganz dem Kummer Geist verliehen, hört man nur Lähmung.
Mehltau liegt auf Kissins Spiel. Ist es das Ungenügen daran, alles schön spielen zu können? Ist es die Müdigkeit an den immer gleichen sechs bis acht Prozent des Klavierrepertoires, die allein auf der Bühne gefragt sind? Ist es die Trauer über den Zustand der Welt, die alle Freude an der Kunst nach unten zieht?
Die „Kreisleriana“ spielt Kissin, der oft blitzschnell die Handgelenke, besonders das rechte, zur Lockerung ausschütteln muss, noch immer schöner, als Alfred Brendel es je vermochte: klar, scharf, mittelstimmensensibel, die koketten Melismen der Nummer fünf, Sehr lebhaft, so bunt gesprenkelt wie eine skrjabineske Caprice. Und in der Nummer sechs hört man verdämmernde Waldhornchöre an der Abbruchkante des Irreseins.
Die Liszt-Rhapsodie spielen Kissins Finger von allein. Sie sind intelligent genug. Der Jubel des Publikums gibt dem traurigen, großen Kind die Verlässlichkeit der alten Welt zurück. Er hat seine Pflicht erfüllt, die Hörer zu erfreuen. Gelöst beginnt er in den Zugaben, Musik zu machen: versenkt sich in die monomanische Grübelei von Chopins es-Moll-Etüde op. 10 Nr. 6, bringt das Publikum zum Lachen mit dem Janitscharenrasseln in Mozarts „Alla turca“ und zieht sich zurück nach den „Weißen Nächten“ von Tschaikowsky, dem Mai aus den „Jahreszeiten“. In Salzburg, 1000 Kilometer von der Mitte Europas, der Ostsee, entfernt, gibt es keine weißen Nächte. Hier sind die Sommer dunkel.
