Für das Wiener Auktionshaus im Kinsky hätte es der größte Triumph seiner Geschichte werden sollen, als es 2024 einen Sensationsfund zur Versteigerung brachte: Gustav Klimts verschollenes, aus Privatbesitz in Wien wieder aufgetauchtes „Bildnis Fräulein Lieser“. Doch der Verkauf des unvollendet gebliebenen Spätwerks geriet zum Debakel, als das auf bis zu 50 Millionen Euro geschätzte Porträt nur eine Bieterin anzog: Patti Wong, eine chinesische Kunstberaterin. Und der von ihr vertretene Kunde zog sich nach dem Zuschlag bei 30 Millionen Euro – immerhin dem höchsten je ergangenen im deutschen Sprachraum, 37,5 Millionen brutto – von dem Kauf zurück.
Jetzt beschäftigt sich, wie die „New York Times“ berichtet, der Oberste Gerichtshof des amerikanischen Bundesstaats New York mit dem „Bildnis Fräulein Lieser“.
Die unklaren Jahre zwischen 1925 und 1961
Es ist die jüngste Wendung in einem an juristischen und moralischen Unsicherheiten gescheiterten Handel. Alles begann damit, dass das Auktionshaus ein unter NS-Raubkunstverdacht stehendes Gemälde mit lückenhaft aufgearbeiteter Provenienzgeschichte anbot. Dargestellt sei wohl, hieß es, eine Tochter der jüdischen Mäzenin Henriette Amalie „Lilly“ Lieser. In deren Besitz befindlich, wurde das Bildnis 1925 dokumentiert. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Lilly Lieser enteignet und 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Ob Klimts Bildnis verfolgungsbedingt entzogen wurde, blieb dennoch ungewiss. Der Einlieferer habe sich vorsorglich mit den Rechtsnachfolgern der Familie Lieser im Sinne der Washingtoner Prinzipien für NS-Raubkunst geeinigt, teilte das Kinsky mit.
Vor der Auktion förderten Recherchen der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ zutage, dass man tatsächlich von verfolgungsbedingtem Entzug ausgehen konnte: Schon 1961 war das Bildnis bei einem Umzug des Feinkosthändlers Adolf Hagenauer aufgetaucht, fand Erwähnung in der Presse und das Interesse des Gründungsdirektors des Museums des 20. Jahrhunderts in Wien, Werner Hofmann. Ein Briefwechsel Hofmanns mit dem Händler, der 1933 illegal in die NSDAP eingetreten war, legt offen, dass das Bild von Lilly Lieser an Hagenauer gekommen war, der offenbar keinen Nachweis für einen legalen Erwerb vorlegen konnte. Hofmann beurteilte das Kunstwerk als nicht handelbar. Dass Lilly Lieser in den Jahren der Verfolgung gezwungenermaßen Besitztümer zum Lebensunterhalt verkaufte, war überliefert.
Lilly Liesers Tochter oder Nichte?
Der „Standard“ konzentrierte sich, wie das Auktionshaus, auf Lilly Lieser. Mit der Einigung zwischen dem Einlieferer und Nachfahren zweier Familienzweige – außer denen Lilly Liesers waren Erben ihres Schwagers Adolf Lieser einbezogen worden – glaubte das Kinsky möglichen Restitutionsforderungen genüge getan zu haben. Doch es blieben Unwägbarkeiten: Das zeigte sich am Tag vor der Auktion, als ein weiterer Nachfahre Ansprüche geltend machte, bei der Versteigerung selbst und durch die aktuelle Klage.

Eingereicht hat sie die in South Carolina lebende Amerikanerin Patricia J. Leahy in ihrem Namen und für Nickolas Johann Kraft sowie Hans Lieser gegen das Kinsky und Eva Ropper als angebliche Einliefererin des Gemäldes. Die Klägerin sieht sich als dessen alleinige Erbin: Das Bild stelle keine Tochter Lilly Liesers dar, sondern – wie früher von Klimt-Experten angenommen – deren Nichte Margarethe Lieser, eine Tochter des Industriellen Adolf Lieser, die 1921 nach Ungarn zog und Mitte der Vierzigerjahre in London starb. Vater Adolf Lieser sei Auftraggeber des Bildes gewesen. Patricia Leahy ist laut „New York Times“ seine Urenkelin und eine Enkeltochter von Hans Lieser.
Sie wirft dem Auktionshaus vor, sie nie kontaktiert zu haben. Der Käufer des Gemäldes, angeblich eine Sammlung in Hongkong, habe sich um Einigung mit sämtlichen möglichen Erben bemüht, sein Gebot aber zurückgezogen, als dieser Versuch scheiterte. Das Gemälde befinde sich noch im Besitz des Kinsky.
Erbstreitigkeiten in den Folgegenerationen
Hinter der Klage steht dem „Standard“ zufolge ein weiterer Erbstreit: Hans Lieser habe Patricia Leahys Vater testamentarisch nur mit einem Pflichtteil bedacht. Die Klägerin könne folglich lediglich einen Ergänzungsanspruch bei den Erben nach Hans Lieser einklagen.
Für eine erfolgreiche Auktion hätten all diese Streitigkeiten vorab beigelegt und das Unrecht der NS-Zeit möglichst lückenlos aufgearbeitet werden müssen – denn es geht nicht nur um ein Meisterwerk der Wiener Moderne, sondern um sehr viel Geld. Im November 2025 wurde bei Sotheby’s in New York ein formal ähnliches, aber vollendetes Porträt versteigert: Das „Bildnis Elisabeth Lederer“ spielte 236,4 Millionen Dollar ein und wurde zweitteuerstes je versteigertes Kunstwerk. Kein Wunder, dass Patricia Leahy 37,4 Millionen Euro für das „Bildnis Fräulein Lieser“ als Verkauf „unter Wert“ einstuft. Das Kinsky hat auf Nachfrage der F.A.Z. bisher keine Stellungnahme abgegeben.
