In dieser Saison haben 1008 Menschen den Gipfel des Mount Everest erreicht – so viele wie nie zuvor, allein über die nepalesische Route. Möglich gemacht haben das vor allem die Sherpas: Sie führen die Klienten, tragen die Ausrüstung, sichern die Routen. Ohne sie geht auf dem Everest nichts. Geredet wird über sie trotzdem kaum. Thupten Topchen Sherpa ist 25 Jahre alt und war in diesem Frühjahr zum zweiten Mal dabei.
Sie haben dieses Jahr zum zweiten Mal auf dem Mount Everest gearbeitet. Wie sind Sie dazu gekommen, Bergführer zu werden?
Ich bin in einem ländlichen Teil von Nepal im Himalaja geboren, dem Rolwaling-Tal. Mit drei Jahren ging ich mit meiner Mutter nach Kathmandu. Als ich acht Jahre alt war, brachte mich mein Bruder in ein Kloster nach Indien; dort lebte ich elf Jahre. Dann starb mein Vater zu Hause in Nepal an Diabetes, und meine Mutter brauchte Hilfe. Also zog ich zu ihr zurück. Dann fing ich mit dem Bergsteigen an. Mein Bruder, Chhiring Dorje Sherpa, nahm mich auf Bergtouren mit, ich trainierte und machte die Ausbildung zum Bergführer. Ich bin jetzt bei Stufe zwei der Ausbildung.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Wann war Ihr erstes Mal auf dem Mount Everest?
Letztes Jahr bekam ich durch meinen Bruder die Chance, bei einer Expedition mitzugehen. Wir stiegen über die chinesische Nordseite auf, ich arbeitete als Küchengehilfe in den Camps. Und ich bestieg auch den Gipfel.
Was war das für ein Gefühl, auf dem höchsten Berg der Erde zu stehen?
Der Aufstieg war echt schwierig für mich, aber auf dem Gipfel war es ein tolles Gefühl. Man kann über die ganze Welt schauen.
Auch dieses Jahr waren Sie Teil einer Expedition. Welche Aufgabe hatten Sie?
Mein Team bestand aus 18 Sherpas. Wir haben die Klienten, die alle aus China kamen, auf den Berg begleitet. Manche Klienten wurden von einem Helfer begleitet, andere brauchten zwei. Ich war mit einem erfahrenen Sherpa in einem Zweiergespann. Er war schon zum achten oder neunten Mal dabei, also führte er unseren Klienten an. Ich war vor allem für das Tragen der Ausrüstung zuständig, unter anderem der Sauerstoffflaschen. Am Anfang war das echt schwer, aber mit der Zeit wurde es leichter.
Wie lange dauert so eine Expedition?
Wir Sherpas sind im April ins Base Camp in Nepal aufgestiegen und haben unser Lager vorbereitet. Die Klienten kamen dann nach etwa zwei Wochen nach. Zwei Monate verbrachten wir im Base Camp mit Vorbereitungen, im Mai war dann der sogenannte „Summit Push“, also der Aufstieg zum Gipfel.
Noch nie waren mehr Menschen in einer Saison auf dem Gipfel als in dieser. Beim Aufstieg bildeten sich lange Staus. Wie haben Sie das erlebt?
Unser Tag auf dem Gipfel war der 20. Mai; das war der Tag, an dem die meisten Menschen aufsteigen wollten. Wir starteten die letzte Etappe morgens um neun Uhr. Auf dem sogenannten „Balcony“ tauschten wir Sauerstoffflaschen und mussten dort schon zwei Stunden in der Schlange warten. Am „Hillary Step“, einem weiteren Punkt auf dem Weg zum Gipfel, warteten wir noch mal eine Stunde, bis wir weitergehen konnten. Da waren so viele Menschen unterwegs, in beide Richtungen. Aber wir hatten Glück, dass das Wetter gut war. Sonst hätten wir große Probleme bekommen.
Die nepalesische Regierung vergibt jedes Jahr offizielle Berechtigungen für den Aufstieg. Sind zu viele Menschen auf dem Mount Everest?
Vielleicht schon, ja. Dieses Jahr hat China keine Berechtigungen für internationale Expeditionen auf die Nordseite herausgegeben. Deshalb war der Andrang in Nepal auch besonders hoch. Möglicherweise wäre es besser, wenn die Regierung das mehr beschränken würde.
Dann gibt es noch das Müllproblem. Auch dieses Jahr gab es wieder Berichte, dass auf dem Berg große Mengen an Müll zurückgelassen werden.
Auf dem Weg findet man wirklich alles: Colaflaschen, Zigarettenstummel, Taschentücher, Schokoladenverpackungen. Und das, obwohl die Expeditionsfirmen eigentlich eine Strafe bekommen, wenn ihre Teams den Müll nicht mitnehmen. Wir haben immer versucht, den herumliegenden Müll vom Boden aufzuheben, und haben uns später auch bei der zuständigen Stelle beschwert. Aber die haben nichts gemacht.

Welche Momente werden Ihnen von der Tour vor allem in Erinnerung bleiben?
Ein paar Tage vor dem Gipfelaufstieg waren wir auf dem Weg von Camp II zu Camp III, um dort Vorbereitungen für den Aufstieg zu treffen. Ich ging mit einem Freund von mir, den ich aus dem Training kannte. Es war schon dunkel, wir gingen erst um sieben Uhr abends los. Mein Freund, Phura Gyeltsen Sherpa, war etwas schneller als ich, also ging er vor. Wir waren alle schwer beladen, ich hatte vier oder fünf Sauerstoffflaschen dabei. Kurz unterhalb von Camp III passierte es dann. Plötzlich kamen von oben Steine geflogen. Vor mir riefen ein paar Kollegen, um uns zu warnen. Wir waren ohne Helme unterwegs, also bückte ich mich und versuchte, meinen Kopf zu schützen. Ich wurde getroffen und wurde kurz bewusstlos, aber andere halfen mir und gaben mir Sauerstoff. Als ich wieder aufwachte, gab mir jemand ein Walkie-Talkie. Von unserem Koordinator im Base Camp bekamen wir die Anweisung, dass wir alles liegen lassen und nach unten kommen sollen. Mein Bein schmerzte sehr, es brannte beim Abstieg. Unten erfuhr ich es dann: Mein Freund, Phura Gyeltsen Sherpa, war auf etwa 7000 Meter Höhe ausgerutscht und abgestürzt. Was genau passiert war, weiß ich nicht, vielleicht war er unvorsichtig beim Überholen und hatte sich kurz aus dem Sicherheitsseil ausgehängt. Seine Leiche wurde 400 Meter weiter unten gefunden. Er war erst 21 Jahre alt.
Das tut mir leid. Wie geht es Ihnen damit?
Als ich mit dem Bergsteigen angefangen habe, konnte ich es richtig genießen. Alles war schön, das Klettern hat mir richtig viel Spaß gemacht. Aber jetzt, nach dem Unfall, fühle ich mich anders: Der Berg ist gefährlich. Ich will eigentlich nicht mehr klettern, es ist zu riskant. Aber ich muss weitermachen, Geld verdienen. Der Berg gibt uns ein gutes Einkommen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.
Sherpas kämpfen seit vielen Jahren für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Anerkennung. Wie ist die Situation für Sherpas heutzutage aus Ihrer Sicht?
Viele Kollegen beschweren sich, dass wir von der Regierung nicht genug Wertschätzung bekommen. Auch wenn Sherpas Rekorde aufstellen, werden sie nicht richtig dafür belohnt. In anderen Ländern ist das anders, Kletterer werden berühmt, wenn sie vier- oder fünfmal den Gipfel besteigen.
Empfinden Sie die Bezahlung als fair?
Anfänger wie ich werden nicht gut genug bezahlt. Ich bekomme ungefähr 800.000 nepalesische Rupien, das sind etwa 4500 Euro. Davon muss ich ein ganzes Jahr leben, so kann man keine Familie ernähren. Manchmal haben wir noch die Chance, bei weiteren Expeditionen auf anderen Bergen Geld zu verdienen. Ich finde es fair. Die Klienten zahlen viel Geld für die Expedition, und wir bekommen einen Teil davon.
Mit 25 Jahren sind Sie noch relativ jung und am Anfang Ihrer Bergführerkarriere. Wie ist das Verhältnis zu älteren, erfahreneren Kollegen?
Die Kollegen behandeln mich gut. Viele von ihnen kenne ich, weil sie aus demselben Dorf, aus derselben Region kommen wie ich. Unser Teamleiter hat allen gesagt: Wenn jemand neu ist, dann wird ihm geholfen. Ich bekomme gute Ratschläge von den Älteren. Wir behandeln einander eigentlich wie Brüder.
Was machen Sie jetzt, nachdem die Saison vorbei ist?
Ich lebe eigentlich in Kathmandu, ich entspanne mich und regeneriere meinen Körper. Im Winter möchte ich vielleicht die nächsten Ausbildungsschritte machen: Stein- und Eisklettern. Und wenn sich die Chance ergibt, will ich den K2 besteigen.
