
Das Land ist noch im Ferienmodus, doch in Unternehmen und an den Kapitalmärkten wird bereits über die zweite Jahreshälfte nachgedacht. Das Kapitalmarktjahr war bislang ausschließlich durch zwei Themen gekennzeichnet. Der Krieg zwischen Iran und den USA sowie Israel wurde an den Aktienmärkten bislang weitgehend als Phantomkrise behandelt, an den Anleihemärkten sind jedoch deutliche Spuren feststellbar. Zwar herrscht weiterhin die Arbeitshypothese vor, dass es nicht zu gravierenden weltweiten Konjunktureinbußen kommen wird, angesichts des weiter aktiven Konflikts und des wieder gestiegenen Rohölpreises sollten vorübergehend steigende Zinsen in den kommenden Wochen jedoch niemanden überraschen.
Das zweite Thema bildete einen starken Gegenpol zu den destruktiven Wirkungen des Nahostkonflikts auf die Weltwirtschaft: Es geht um den Aufbau eines neuen Technologiesektors, dessen Dimensionen sich in den ersten Monaten des Jahres laufend ausgeweitet hatten. Nicht nur Software und Rechnerkapazitäten, sondern auch Chipproduktion und Energieinfrastruktur erleben einen Schub, der weitere Bereiche der Volkswirtschaften mitzieht, und dies nicht nur in den USA oder in China, sondern auch in Europa.
Es mehren sich die Zweifel
Am Ende erwiesen sich die konstruktiven Faktoren als stärker: Das weltwirtschaftliche Wachstum bleibt weiterhin kräftig. Die Gewinne der börsennotierten Unternehmen stiegen insbesondere in den USA sehr stark und rechtfertigten zumindest teilweise die höheren Kursniveaus. Anders als in anderen Diskussionen um Aktienmarktblasen richten sich die Befürchtungen von Überbewertungen weniger auf den Vergleich der Kurse mit den gegenwärtigen Gewinnen als vielmehr auf die Nachhaltigkeit dieser Gewinnniveaus.
Denn hier geht es um die evolutionäre Entwicklung eines neuen Industriesektors, wenngleich das Tempo dieser Evolution ungewöhnlich hoch ist. Bis ins dritte Quartal hinein dürften die Unternehmensergebnisse die hohen Erwartungen in der Summe erfüllen, für die Zeit danach mehren sich jedoch bei vielen Marktteilnehmern Zweifel. Wesentliche Parameter der neuen KI-Industrie, wie Geschäftsmodelle und Marktstruktur der Anbieter, Zahlungsbereitschaft der Nutzer, Regulierungsgrenzen durch Staaten und nicht zuletzt die Eigenschaften der KI-Produkte selbst, sind noch derartig im Fluss, dass eine langfristige Vorausschau mühsam ist.
Gegen diese beiden Megathemen stehen alle anderen absehbaren Markteinflüsse zurück. In den USA wird sich herauskristallisieren, ob die dezidierten Vorstellungen des neuen Notenbankchefs Kevin Warsh sich tatsächlich auch in substanzielle Änderungen der US-Geldpolitik umsetzen lassen. Der von ihm vorgeschlagene Bilanzabbau bei der Fed dürfte sich jedoch in engem Rahmen halten. Die Kongresswahlen werden sicherlich einiges an Spektakel, aber wenig an Politikänderungen mit sich bringen. Und ob die beschlossenen Reformen in Deutschland wirklich zu einer Aufbruchstimmung am Standort Deutschland führen, steht dahin. Bislang haben sich in den Unternehmensumfragen lediglich die Erwartungskomponenten aufgehellt, die Lagebeurteilung bleibt im Keller. Dies hatten wir vor einem Jahr schon einmal, und damals erwiesen sich die Probleme als größer als der Reformeifer.
Der Autor ist Chefvolkswirt der Deka-Bank.
