Wenn Walt Whitmans Gedichtsammlung „Leaves of Grass“ der Aufgesang der USA war, eine lyrische Unabhängigkeitserklärung, dann kann Allen Ginsbergs Langgedicht „Howl“ als einer ihrer ersten Abgesänge gelten. Amerika ist darin ein Land, das krank macht oder, schlimmer noch, alle, die nicht seiner idealistischen Norm entsprechen, für krank erklärt.
Schon die ersten oft zitierten Zeilen von den „best minds of my generation destroyed by madness“ lassen daran keinen Zweifel. Erst recht aber nicht die albtraumhaften Folgebilder, in denen diese Zerstörten durch die Straßen treiben oder in der Gosse liegen, bald flüsternd, bald schreiend, bald kotzend, „seeking jazz or sex or soup“, oder von Polizisten vom Dach gezogen werden, während sie „mit Genitalien und Manuskripten wedeln“, wenn sie nicht gerade „ekstatisch mit Bierflaschen kopulieren“, allzeit bereit, „die Möse des Sonnenaufgangs zu füllen“ im „letzten Fickspasmus ihres Bewusstseins“, wie es in einer Übersetzung von Clemens J. Setz heißt – und das sind noch nicht die drastischsten Stellen des Gedichts.
Kaum hoch genug einzuschätzen
Als Allen Ginsberg es im Oktober 1955 in San Francisco erstmals vortrug, waren viele schockiert; begeistert aber waren nicht nur Jack Kerouac und Lawrence Ferlinghetti. Nachdem Letzterer das Gedicht 1956 im Verlag seines stilprägenden City Lights Bookstore veröffentlichte, wurde er wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften angeklagt und vorübergehend verhaftet. Ein Richter entschied später, „Howl“ sei doch nicht obszön.
Ginsberg (1926 bis 1997), der in Lyrik, Prosa und dazwischen Einflüsse von William Blake und Walt Whitman, Judentum und Buddhismus, Großstadtängsten und Kapitalismuskritik, Homosexualität und nicht zuletzt eigene Erfahrungen mit der Pathologisierung durch amerikanische Behörden und Institutionen verarbeitete, ergänzte (vielleicht auch, um nicht nur als Untergangsprophet wahrgenommen zu werden) in einer „Fußnote zu ‚Howl‘“, dass alles Leben heilig sei.

Der Abgesang, den „Howl“ darstellt, war allerdings kein Ende, sondern vielmehr ein Anfang. Trotz oder wegen seiner überbordenden Negativität hat das Gedicht viel Positives hervorgebracht und die produktive Auseinandersetzung mit den Ungerechtigkeiten Amerikas befördert. Sein Einfluss auf das Genre der Beat Poetry, aber auch deren verwandte Formen in Folkmusik und Jazz, ist kaum hoch genug einzuschätzen.
Ein multikulturelles Stimmenkollektiv?
Obwohl selbst eine durchaus umstrittene Stimme, scheint die des schwarzen amerikanischen Dichters Amiri Baraka (1934 bis 2014) aussagekräftig, was die Bedeutung von „Howl“ für Kultur und Geschichte der USA angeht. Baraka erinnerte nicht nur daran, wie Ginsberg damit einer Lyrikszene aus Poseuren und Aufschneidern frischen Wind eingehaucht habe, sondern sah ihn auch als Vorreiter im Kampf der Vereinigten Staaten „gegen die Toten und ihre Geister“. In „Howl“ vernahm Baraka ein „multinationales und multikulturelles“ Stimmenkollektiv, das gerade deshalb typisch amerikanisch sei. Nach erster Abwehr wurde das antikanonische Werk nicht nur in den Kanon aufgenommen, sondern geradezu zu einem Aushängeschild.
Aber nicht nur Gravitätisches ist von dem Gedicht geblieben, sondern auch Ansporn zur Selbstironie. So dichtete Lawrence Ferlinghetti 1975 eine Parodie, in der es heißt: „We have seen the best minds of our generation / destroyed by boredom at poetry readings.“ Auch das gehört zur Nachwirkung von Ginsbergs „Geheul“.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
