Die Videospiele-Messe Gamescom ist eröffnet, die größte und wichtigste Games-Veranstaltung der Welt. Und jedes Jahr wieder ist man erst einmal entsetzt über die Hemdsärmeligkeit der „Opening Night Live“, mit der die Koelnmesse dieses Ereignis einleitet. Jedes Jahr wird der ansonsten völlig unbekannte kanadische Moderator Geoff Keighley eingeladen (und das, obwohl Deutschland den wirklich guten Gamer und Schauspieler Uke Bosse hätte, der oft den Deutschen Computerspielpreis moderiert). Und dann steht Keighley auf einer großen Bühne und spielt zwei Stunden lang einfach nur die Trailer der wichtigsten neuen Games ab und lacht dazu.
Uninspirierter geht es kaum, und das sagt womöglich viel über die erfolgreichste Unterhaltungsindustrie unserer Zeit: Es gibt allerhand zu sehen! Aber die Selbstsicherheit und den Glamour, mit dem etwa Buch- oder Kinobranche sich selbst feiern, den sucht man hier vergeblich.
Das könnte auch daran liegen, dass es zuletzt Krisenstimmung und Entlassungswellen in der Branche gab. Aufwendige Spiele haben heute oft Budgets um 300 Millionen Dollar, das können sich nur wenige Firmen leisten, und die sind vorsichtig. Experimente sind rar, und so sieht „Metro 2039“, das dieses Jahr zu den wichtigen Neuheiten gehört, zwar großartig aus: Es ist aber nur der neue Teil einer Reihe und spielt sich genau wie die Vorgänger. Für „Call of Duty Modern Warfare 4“ und viele andere gilt das erst recht. Man hat beim Anspielen oft das ermüdende Gefühl, alles schon zu kennen. Trotzdem ist das Interesse in Köln groß, und Menschen stehen stundenlang für die Spiele an. Die Gamescom umfasst zum ersten Mal das ganze Messegelände in Köln – obwohl Sony Playstation überhaupt nicht da ist und das sehnsüchtig erwartete „GTA6“ auch nicht.
Überraschungen nur bei den Indies
Spaziert man durch die Hallen, fallen immer wieder bekannte Namen ins Auge: Was in der Popkultur eine Rolle spielt, gibt es heute auch als Game – „Wolverine“, „Dune“, „Star Wars Galactic Racer“ oder eben die „Metro“-Buchreihe von Dmitry Glukhovsky. Es wirkt, als wollten Videospiele zurzeit alles noch einmal auf ihre eigene Art erzählen. Sogar das Alltagsleben: Bau-Simulator, Bus-Simulator und Farming-Simulator nehmen gigantische Bereiche der Messe ein. Mähen, ernten, mauern, fahren – das ist erstaunlich und ein bisschen lustig, aber innovativ als Spiel ist es nicht.

Überraschungen gibt es eigentlich nur bei den sogenannten Indies, den unabhängigen und oft kleinen Entwicklerstudios. „Grandma(88)“ etwa wird von einem nicht einmal zehnköpfigen Team in Leipzig gemacht: Es erzählt von einem Familien- und Generationenkonflikt dreier Frauen: Großmutter, Tochter und Enkelin. Wenn da die Oma im Krankenbett von einer Kindheitserinnerung erzählt, öffnet sich plötzlich der Raum, und die Klinik wird zu einem Garten, auf einmal geht man dann nahtlos in ein Stück der Vergangenheit hinein – der freie Umgang mit Raum und Zeit, Traum und Realität ist genau das, was Videospiele einzigartig machen kann. Trotz der Retro-Pixeloptik ein phantasievolles Kunstwerk.
Ebenfalls aufregend wirkt „Neo Berlin 2087“, da wird die Stadt Berlin zu einem Moloch der Zukunft, das Game verlegt sozusagen „Blade Runner“ an die Spree. Man kann sich in Erinnerungen anderer Menschen hineinhacken und spielt dann kurz immer wieder andere Figuren. Kurzum: Es gibt großartige Ideen. Aber sie haben es nicht leicht. Das Grandma-Spiel hat gar keinen Publisher, der es verlegen und bewerben möchte. Das ist enttäuschend. Manchmal möchte man die Hoffnung aufgeben und in die (dieses Jahr hinter den Kulissen viel gehörte) Klage einstimmen, dass die Chinesen bald alles übernehmen und es keine guten Ideen mehr gibt.
Und dann stößt man auf die „Nex Playground“, eine ganz neue Spielkonsole! Gezeigt wird sie Fachbesuchern in einem Hotel neben der Messe, im Oktober kommt sie auf den deutschen Markt. Das Gerät ist kaum größer als ein Zauberwürfel, man schließt es an den Fernseher an und spielt davor stehend, gern zu zweit, eine Weitwinkel-Linse erfasst die Körper und überträgt Bewegungen ins Game.
So kann man Pac-Man durch Wedeln und Gestikulieren steuern, als Sonic über eine Rennstrecke rasen, indem man sich nach links oder rechts lehnt, oder mit der koreanischen Band BTS gemeinsam tanzen. Alles ist jugendfrei, es gibt keine Gewalt, keine Chats, kein Social Media, keine Onlinefunktionen. Herrlich entspannend! So einfach und so schön kann eben auch alles sein.
