Kurz bevor die Flutwelle den Berg hinabstürzte, hatte Vishma Raj Nepal noch einmal mit seinem Bruder telefoniert. „Er sagte, alles sei ok. Doch seitdem hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihm“, sagt der nepalesische Reiseveranstalter der F.A.Z. aus Kathmandu. Darüber hinaus waren sechs Ukrainer, ein Weißrusse und viele Nepalesen Teil der 55-köpfigen Reisegruppe seiner Firma Hiking Himalayas Treks. Als die Lawine aus Wasser, Schlamm und Geröll den Berg herunterkam, befand sich die Gruppe gerade am Grenzübergang zwischen Nepal und China.
„Ich bin so traurig, dass ich mich kaum kontrollieren kann“, sagt Vishma Raj Nepal der F.A.Z. mit tränenerstickter Stimme. Sein Bruder, der Reiseleiter, Hari Chandra Nepal habe zwei kleine Kinder. „Ich hoffe, Gott wird sie sicher nach Hause bringen“, sagt der 48 Jahre alte Bruder.
So wie der Reiseveranstalter kämpfen derzeit viele Nepalesen darum, das Ausmaß dieser Katastrophe zu verstehen. Den Erkenntnissen nach war am Mittwoch 8.37 Uhr Ortszeit am Berg Langtang Lirung in mehr als 5000 Metern Höhe das Stück eines Gletschers abgebrochen. Eine gewaltige Lawine aus Eis, Wasser und Erde fiel in einen darunterliegenden Gebirgsfluss Lhende.
Es bildete sich ein See, der schließlich aufbrach, so dass eine Wand aus Schlamm und Geröll die Flüsse Bhotekoshi und Trishuli hinunter nach Nepal raste. Wie ein Bergtsunami riss die riesige Schlammlawine Häuser, Reisebusse und Menschen in die Tiefe. Ganze Dörfer wurden ausgelöscht und Täler mit Schlamm bedeckt. Viele weitere schweben noch in Gefahr. Am Freitag warnten die Behörden, dass der neu geformte See bersten und eine weitere Flutwelle auslösen könnte.
Mit dem Auto kamen sie nicht weit
Die Zahl der Toten lag in Nepal am Freitag bei 496, rund 1000 gelten als verschollen. 1545 Menschen konnten gerettet werden, darunter viele Verletzte. Vier der acht vermissten Deutschen gehörten zu einer Gruppe von ausländischen Pilgern. Sie waren auf dem Rückweg von einer Pilgerreise zum heiligen Berg Kailash und zum Manasarovar-See in Tibet, als der Kontakt zu ihnen abriss, wie die Reiseagentur Trekkers’ Society mitteilte. Von den insgesamt 77 Reisenden und den 15 nepalesischen Begleitern der Gruppe fehlt jede Spur.
Ohne Lebenszeichen ihres Bruders ist auch Saji Sadhak, eine Nepalesin, die zurzeit in Australien lebt. Ihr Bruder Ram Mani Dahal, 33, arbeitete als Ingenieur an dem Staudamm Upper Trishuli-1 im besonders schwer getroffenen Bezirk Rasuwa. Er war bereits bei der Arbeit, als er und seine Kollegen offenbar merkten, dass eine Flut kommen würde.

Sie versuchen mit einem Auto zu flüchten, kamen aber nicht weit. Von dort an liefen sie weiter. Der Fahrer wurde fast von der Welle erwischt. Er wurde von der Armee gerettet, aber von den anderen fehlt bis jetzt jede Spur. „Wir wissen nicht, wo mein Bruder ist. Dort gibt es nur Felsen und Wald. Ich hoffe, er konnte auch weglaufen, aber wenn nicht, dann ist alle Hoffnung verloren“, sagt die Schwester.
Nepal lehnt Hilfe ausländischer Rettungsteams ab
Anrufe auf seinem Handy gehen ins Leere, berichtet die Schwester. Die Suche nach den Vermissten wird dadurch erschwert, dass es im Katastrophengebiet derzeit überwiegend keine Elektrizität und Mobilempfang gibt. Zudem sind die meisten Straßen und Wege verschüttet.
Die nepalesischen Rettungskräfte haben trotzdem begonnen, sich mit schwerem Gerät auf der Suche nach Überlebenden durch den meterhohen Schlamm und Geröll zu kämpfen. Ausländische Rettungsteams würden derzeit aber noch nicht zugelassen, berichteten nepalesische Medien. Grund seien die Erfahrungen nach dem verheerenden Erdbeben 2015, als der Zustrom ausländischer Such- und Rettungsteams und Wettbewerb zwischen den Ländern zu Problemen geführt habe. Nepal sei in der Lage, sich selbst zu helfen, sagte ein Beamter. Finanzielle Soforthilfe sei aber willkommen.
Saji Sadhak, deren Bruder vermisst wird, hegt Zweifel, dass Nepal über die Ressourcen verfügt, mit der Katastrophe allein fertig zu werden. Sie hofft, dass der Betreiber des Staudamms, der Berichten zufolge von koreanischen Unternehmen gebaut wird und in Zukunft mehr als zehn Prozent des nepalesischen Strombedarfs liefern sollte, bei der Suche nach ihrem Bruder helfen kann.
„Alles ist mit Schlamm bedeckt“
Die Agentur AP berichtete, dass ein Rettungsteam an dem Staudamm nach Personen suche, die in einem Tunnel gefangen seien. „Es ist schwierig, die Ein- und Ausgänge des Tunnels zu finden, da alles mit Schlamm bedeckt ist“, sagte ein Armeesprecher der Agentur zufolge. „Unsere oberste Priorität ist die Rettung der eingeschlossenen Menschen.“
Bilder aus dem Katastrophengebiet zeigen Menschen, die auf Informationen über ihre Angehörigen warten. Mittlerweile tauchen auch im Internet immer mehr Aufrufe von Menschen auf, die ihre Angehörigen suchen. Darunter ist auch eine Gruppe von 15 Australiern indischer Herkunft, die sich auf einer Trekking- und Pilgertour im Himalaja befunden hatte, darunter ein zwölf und ein vierzehn Jahre altes Kind.
Bekannte berichteten online, dass das Hotel, in dem sie im Zuge ihrer Reise mit dem Anbieter Himalayan Glacier Travels übernachtet hatten, von der Welle davongespült worden sei. Sie riefen in einem Online-Portal für die indisch-australische Gemeinde nach Informationen auf. Das Portal zitierte einen Bekannten, der die Suche koordiniere, mit den Worten, die Angehörigen seien „sehr, sehr verzweifelt“.
