Das Publikum bei den Aachener Reit-Weltmeisterschaften ist ein fachkundiges, es erkennt Fehler, aber auch herausragend Gutes. Die Geräusche der 35.000 Menschen begleiteten Charlotte Fry und ihren Hengst Glamourdale fast die gesamte Prüfung über – anfangs unterstützend und schnalzend, weil der Hengst sich in den Piaffen etwas schwertat.
Dann aber, als er angaloppierte und mit riesigen Sprüngen die Diagonale durchmaß und dort keine Fehler machte, wo die Konkurrenz gepatzt hatte, ging ein Raunen der Anerkennung durch das Stadion. Der Applaus trug das britische Paar auf der Schlusslinie bis zur letzten Grußaufstellung. Wieder Weltmeister! Wie schon bei der WM vor vier Jahren. „Ich hatte nicht gewagt, daran zu glauben, dass wir das wirklich noch einmal schaffen können“, sagte die Reiterin, als sie abgesessen war.
Fehler entscheiden über Medaillenränge
„Ich war nicht unzufrieden und bin auch überhaupt nicht enttäuscht“, sagte Werth nach ihrem Ritt. „Aber wir wussten, ein Fehler wird hier entscheidend sein. Dafür bin ich ja schon lange genug dabei.“ Sie war nicht die Einzige aus dem Favoritenkreis, die aus den Medaillenrängen rutschte. Auch der Europameister Justin Verboomen aus Belgien und sein Hengst Zonik Plus schwächelten und wurden Fünfte (79,362).
Dem „größten Hitze-Stress“ aus dem Weg gegangen
Also schob sich die 32 Jahre alte Katharina Hemmer auf das Podium und gewann nach dem Mannschaftstitel nun auch ihre erste Einzel-Medaille. „Sie war schon vor zwei Tagen ganz, ganz toll, und jetzt hat sie endlich die 80 Prozent geschafft“, freute sich Bundestrainerin Monica Theodorescu. „Sie konnte das wieder genauso gut abrufen. Diese Leichtigkeit, das ist einfach eine Freude zu sehen.“
Es war Hemmers letzter Auftritt bei dieser WM, zur Flutlicht-Kür am Samstagabend, in der noch einmal Medaillen vergeben werden, tritt sie nicht mehr an. „Denoix war im Frühjahr lange verletzt, deshalb konnten wir unsere Kür nicht so gut vorbereiten, wie ich es gern hätte“, begründete sie ihre Entscheidung. Enttäuscht sei sie deshalb nicht, vielmehr überwältigt von den vergangenen Tagen: „Wir sind hierhergekommen, um für eine Mannschaftsmedaille zu kämpfen. Dass jetzt noch Einzel-Bronze dazukam, übertrifft alles.“
In der Kür werden neben Isabell Werth auch Raphael Netz und Frederic Wandres noch einmal für Deutschland starten, die Platz zehn, beziehungsweise 14 im Grand Prix Special belegten. Die große Hitze nannte am Freitag keiner der Spitzenreiter als Grund für mögliche Unkonzentriertheiten. Die Prüfung war auf den früheren Morgen vorgezogen und die Mittagspause verlängert worden, um der größten Hitze aus dem Weg zu gehen. „Zwischen 13 und 15 Uhr erwarten wir den größten Hitze-Stress“, hatte Göran Akerström, leitender Veterinär des Weltreiterverbandes FEI angekündigt.
Errechnet worden sei dies mithilfe von 16 Messstationen auf dem gesamten WM-Gelände und mit Daten des Deutschen Wetterdienstes. Der entscheidende Messwert, der sogenannte „Wet-Bulb Globe Temperature Index“ (WBGT), der für physische Aktivitäten unter freiem Himmel herangezogen werde, errechne sich aus der Temperatur, der Luftfeuchtigkeit, der Windgeschwindigkeit und der Sonneneinstrahlung.
Geländeprüfung am Samstag
Die FEI hat mit diesem Wert bereits bei den Olympischen Spielen von Tokio 2021 gearbeitet, als erwartet worden war, dass Wetter und Klima den Pferden zu schaffen machen würden. Evolutionsgeschichtlich sind Pferde auf trockene Hitze eingestellt – die Vorfahren der heutigen Sportpferde lebten in Steppen. Die Fähigkeit, ihre Körpertemperatur trotz hoher Plusgrade konstant zu halten, haben sie sich erhalten. Abkühlung verschaffen ihnen – genau wie den Menschen – das Schwitzen und Duschen.
Die WM-Organisatoren halten an allen Vorbereitungsplätzen Reservoirs mit Eiswasser vor, außerdem Nebelmaschinen, Ventilatoren, die feine Wassertropfen versprühen. Die Pferde werden zudem vor und nach den Ritten im Schatten vorbereitet und gepflegt. „Das Wohl der Pferde steht im Mittelpunkt dieser WM“, betonte Turnierchefin Birgit Rosenberg.
Zur Herausforderung könnte das Wetter am Samstag werden, dann steht die Geländeprüfung der Vielseitigkeit an. Besorgt ist im deutschen Team aber niemand: „Unsere Pferde sind es gewohnt, auch bei diesen Temperaturen draußen zu sein“, sagte Andreas Dibowski, Gelände-Spezialist des deutschen Teams. „Sie sind trainiert wie Marathonläufer.“
