
Der Münchner Verlag C.H. Beck übernimmt zum 1. Juli die Mehrheit an der dtv Verlagsgesellschaft. Dem hat am Mittwoch das Bundeskartellamt zugestimmt. Der C.H. Beck Verlag besteht aus einer wirtschaftlich ungleich gewichteten Doppelstruktur aus einem marktdominierenden juristischen Fachverlag und einem äußerst renommierten Publikumsverlag für geisteswissenschaftliche Sachbücher und Belletristik. Seit ihrer Gründung im Jahr 1763 ist die Verlagsgruppe familiengeführt und beschäftigt insgesamt etwa 2000 Mitarbeitende, von denen rund 900 in den Verlagen selbst arbeiten, davon der Großteil im juristischen Fachverlag. Der Deutsche Taschenbuchverlag (dtv) zählt mit 400 Titeln jährlich ebenfalls zu den größten deutschen konzernunabhängigen Publikumsverlagen.
Dtv war lange im Besitz mehrerer Gesellschafter. In ihm hatten sich 1960 elf Verlage zusammengetan, um das damals entstehende Taschenbuch als neues Massenformat gemeinsam zu entwickeln. Nach und nach zogen sich jedoch Verlage wie Piper, Kiepenheuer & Witsch, Klett-Cotta und andere aus der kooperativen Struktur zurück und brachten ihre Taschenbücher in ihren eigenen Häusern heraus. Man versprach sich höhere Erlöse, auch weil man das eigene Marktprofil fortan direkter steuern konnte. Dtv wiederum entwickelte sich von einem reinen Taschenbuchverlag zu einem eigenständigen Publikumsverlag mit eigenen Hardcover- und Originalausgaben und emanzipierte sich davon, nur Abspielstation für Zweitveröffentlichungen zu sein. Es folgten auch größere Projekte, darunter umfangreiche Editionen und Lexika, die das eigene Profil stärkten.
Alleinige Kontrolle
C.H. Beck übernimmt nun zusätzlich zu seinem bisherigen Anteil von 21 Prozent an dtv den 40,5-Prozent-Anteil der Ganske Verlagsgruppe. Der Münchner Carl Hanser Verlag bleibt weiterhin mit 21 Prozent Gesellschafter, die OTB Beteiligungsgesellschaft mit 16,3 Prozent. Damit hat C.H. Beck künftig die alleinige Kontrolle über strategische Entscheidungen bei dtv.
Der Präsident des Bundeskartellamtes Andreas Mundt sagte, C.H. Beck verfüge mit dem juristischen Fachverlag zwar über eine starke Marktstellung, der Zusammenschluss betreffe aber vor allem die Bereiche Belletristik, Sachbuch, Ratgeber sowie Kinder- und Jugendbuch; in diesen Bereichen stünden die Beteiligten mit einer Vielzahl weiterer Verlage im Wettbewerb. Auch hinsichtlich der Beck-Titel bei dtv sieht das Kartellamt keine wettbewerblichen Bedenken. „Diese haben nur eine geringe wirtschaftliche Bedeutung, und den Leserinnen und Lesern stehen ausreichend alternative Angebote zur Verfügung“, sagt Mundt.
Dass die Konzentration auf dem Buchmarkt insgesamt zunimmt, ist kein Geheimnis. Sie hängt mit den Problemen der Branche zusammen. Vor allem kleine und mittelgroße unabhängige Verlage kämpfen immer stärker um eine Platzierung in den großen Sortimentsketten wie Thalia und Hugendubel, die den Verlagen gegenüber eine starke Machtstellung haben, was die Konditionen angeht. Im Onlinehandel und auf Plattformen entscheidet verstärkt der Algorithmus über Sichtbarkeit; gestiegene Produktions- und Transportkosten tun ihr Übriges. Auch ein großer unabhängiger und wirtschaftlich starker Verlag wie C.H. Beck steht durch Konzerne wie Bonnier, Penguin Random House und Holtzbrinck unter Druck. Erst 2023 hat der Beck Verlag den Züricher Unionsverlag übernommen.
Auch der konzernunabhängige Kampa Verlag ist seit einigen Jahren auf großer Einkaufstour und hat in den letzten vier Jahren mit Schöffling, Jung und Jung, Dörlemann, AT und Kanon gleich fünf kleine, profilierte Literaturverlage übernommen.
Unter Nichtkonzernverlagen gibt es also ebenfalls eine zunehmende Konzentration. Dementsprechend kann man auch in der dtv-Verschiebung einen Expansionsdrang erkennen. Die Übernahme durch den Beck Verlag, der von Anbeginn an Miteigentümer von dtv war, ist jedoch erst durch den allmählichen Rückzug der anderen dtv-Gründer ermöglicht worden. Interessant wird nun sein, welche Strategie Beck wählen und welche Rolle der Mitgesellschafter Hanser darin einnehmen wird.
C.H. Beck hat bereits ein sehr erfolgreiches Taschenbuchprogramm, vor allem die Reihe Wissen ist im Buchhandel sehr gut platziert. Wird Beck bei dtv weiterhin auf Originalausgaben bekannter Autoren setzen, oder wird man im wissenschaftlichen Taschenbuchbereich neue Impulse setzen wollen? Das Wissenschafts-Taschenbuch wird ganz sicher der interessanteste Schauplatz dieser neuesten Übernahme sein.
