Frau Orben, in Australien gilt seit Dezember das Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16. Eine Studie im „British Medical Journal“ zeigt jetzt: 85 Prozent dieser Altersgruppe sind immer noch auf Instagram und dergleichen. Ist das Verbot gescheitert?
Es funktioniert zumindest nicht wie geplant. Die Regierung wirft den Plattformen vor, sie würden die Alterskontrollen nicht gut umsetzen. Andere sehen die Schuld bei der Regierung: Sie habe nicht erkannt, dass Kinder Wege finden würden, das Verbot zu umgehen.
Das hält andere Länder nicht davon ab, Australiens Beispiel zu folgen. Frankreich und das Vereinigte Königreich haben Verbote angekündigt. Sehen Sie hier einen globalen Trend?
Es ist ein Trend. Die digitale Welt kann gefährlich sein, und es wurde nicht genug gemacht, um Kinder zu schützen. Das frustriert Eltern extrem. Sie sehen ein Verbot als einfache und sichere Lösung an. Daher gibt es viel Druck auf die Politik. Gleichzeitig ändern Politiker ihren Ton. Premierminister Keir Starmer sagte, das Verbot werde nicht perfekt sein, aber es gehe um einen Kulturwandel.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Ein Verbot kann also eine Wirkung haben, auch wenn es Jugendliche gar nicht von Social Media fernhält?
Ja, und darum habe ich mich nie für oder gegen ein Verbot ausgesprochen. Eltern könnte es leichter fallen, ihren Kindern soziale Medien gar nicht erst zu erlauben, wenn es dieses Verbot gibt. Noch dazu ist so ein Verbot eine Gesundheitskampagne: Seit es in Australien angekündigt wurde, wird viel mehr über digitale Gefahren gesprochen. Aber wenn wir die Art, wie Kinder aufwachsen, wirklich ändern wollen, dann ist es nur der erste Schritt. Das Verbot ist wie ein Pflaster. Wir müssen uns um die Wunde kümmern.
In Deutschland hat die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ diese Woche einen anderen Weg vorgeschlagen. Ein Verbot wollen die Experten, wenn überhaupt, höchstens für Kinder bis zwölf. Stattdessen zielen sie neben Schutz auf Teilhabe an der digitalen Welt sowie die Befähigung, kompetent in der digitalen Welt zu handeln. Ein kluger Dreiklang?
Diese Ziele sind richtig. Es wird aber auf die politische Umsetzung ankommen.
Zu den 56 Empfehlungen gehört: Angebote für Eltern, Vermittlung von KI- und Digitalkompetenz an Schulen, Prävention und Angebote für Betroffene im Gesundheitssystem, strenge Regulierung der Plattformen. Muss man die ganze Gesellschaft einbinden?
Einerseits ja, denn jede Lösung für so ein komplexes Problem muss gesamtgesellschaftlich gedacht werden. Andererseits kommen die Probleme von den Produkten, die die Industrie entworfen hat, ohne die Sicherheit von Kindern ausreichend im Sinn zu haben. Die Verantwortung liegt zuerst bei der Industrie. Es ist nicht die Aufgabe eines Lehrers an einer überlasteten Schule, einer Mutter mit zwei Jobs oder einer Ärztin, die fünf Minuten pro Patient hat, auch noch diese Probleme zu lösen. Die Regulierung der Plattformen muss, so weit es geht, vorangetrieben werden. Die Probleme, die dann übrig bleiben, kann die Gesellschaft übernehmen.

Die Kommission will Funktionen von Plattformen regulieren. Für junge Nutzer soll es keine algorithmischen Feeds geben, die Inhalte auswählen, keine suchtverstärkenden Funktionen und manipulativen Designmuster, keine personalisierte Werbung.
Auch hier wird man verlässliche Alterskontrollen brauchen, um das durchzusetzen. An sich ist der Ansatz gut. So geht man den Kern des Problems an und ist unabhängig von den Plattformen: Denn wenn man eine Onlineplattform verbietet, kann eine andere entstehen, die ähnlich gefährlich ist – ein Teufelskreis. Ich bin nur etwas desillusioniert, was die Umsetzung solcher Empfehlungen angeht.
Die Technologie hinter der Aufmerksamkeitsökonomie ist sehr mächtig. Sie ist dafür geschaffen, die Zeit der Kinder auf den Plattformen zu maximieren. Das ist deren Geschäftsmodell. Daher brauchen wir nicht nur Regulierung, sondern auch ein Ökosystem, in dem andere Geschäftsmodelle funktionieren. Es gibt hier keine einfache Lösung.
Was sind die offenen Fragen?
Hätten Sie mich vor drei Jahren gefragt, wie man den Erfolg des Verbots messen könnte, hätte ich grob vereinfacht gesagt: Wir befragen die Kinder vorher und nach sechs Monaten und sehen dann, ob sich das Wohlbefinden verbessert. Jetzt verstehen wir: Die Dinge verändern sich sehr langsam. Die Digitalisierung der Jugend ist wie ein Öltanker, der vom Kurs abgekommen ist. Wir können das Ruder neu einstellen, aber wir werden erst viel später sehen, ob ihn das auf den richtigen Kurs lenkt.
Was bedeutet das konkret?
Nehmen Sie die Funktionen, die verboten werden sollen. Wir Forscher wissen noch nicht einmal genau, welche Funktionen wirklich gefährlich sind. Welcher Teil des Algorithmus verstärkt Inhalte, die Kinder nicht sehen sollten? Welche Funktion macht es schwer, von Tiktok wegzukommen? Was wirkt bei Zwölfjährigen, was bei Sechzehnjährigen? Die Konzerne können das jederzeit mit Tests prüfen. Während wir hier reden, manipulieren sie ihre Plattformen und verfolgen die Ergebnisse in großem Maßstab. Aber für uns sind die Systeme verschlossen.
Was kann man angesichts solcher Unsicherheiten Eltern raten?
Wir wissen grob, wie eine gute Kindheit aussieht: abwechslungsreiche Aktivitäten, eine innige Beziehung zu Eltern und Bezugspersonen, Freundschaften, Bewegung, aber auch Selbstbestimmung ab einem bestimmten Alter. Soziale Medien und digitale Geräte können einiges davon verdrängen. Man sollte das verhindern. Dann gibt es offensichtliche Probleme wie den Schlaf. Kinder sollten niemals nachts soziale Medien nutzen. Natürlich muss man die Gesamtsituation im Blick haben. Wenn ein körperlich eingeschränktes Kind über Computerspiele eine Verbindung zu anderen aufbaut, dann erfüllt das Spiel eine gute Funktion.
Teenager nutzen soziale Medien im Schnitt fünf Stunden am Tag. Gibt es eine Faustregel, wann es zu viel wird?
Es gibt gute Evidenz, die zeigt: Wenn es einem Teenager selbst zu viel wird, er merkt, dass er nicht davon loskommt, dann ist das mit schlechterer geistiger Gesundheit und sogar höheren Suizidraten verbunden. Wir wissen nicht genau, wo die Grenze liegt. Aber wenn Kinder und Eltern merken, dass die Nutzung zum Problem wird, ist die Grenze höchstwahrscheinlich überschritten. Man darf aber nicht vergessen, dass Kinder, die acht Stunden pro Tag auf Tiktok sind, oft noch mit anderen Problemen zu kämpfen haben. Die muss man genauso angehen.
Was sind denn die größten Fehler, die Politiker beim Schutz von Kindern in der digitalen Welt machen können?
Die Evidenz ignorieren, die zum Beispiel in Australien gesammelt wurde.
Aber ich dachte, wir wissen noch nicht, was die Effekte des dortigen Verbots sind.
Wir wissen zumindest, dass es Kinder derzeit nicht von den Plattformen fernhält. Daran müsste man etwas ändern. Denn so, wie es bisher läuft, können die Plattformen einfach sagen: Kinder sind bei uns nicht zugelassen, also müssen wir uns auch nicht um deren Sicherheit scheren.
