
Karl Corino hatte einen wachen Blick dafür, dass Literatur nichts ist, das irgendwie im luftleeren Raum entsteht. Ihn interessierten die Bedingungen, denen Autoren im Leben und im Schreiben unterworfen sind, also das Spannungsfeld zwischen der außerliterarischen Realität und den Texten. Ein Klassiker seines Genres ist das aus diesem Interesse heraus entstandene Buch „Genie und Geld“, Untertitel: „Vom Auskommen deutscher Schriftsteller“, das Corino 1987 in Franz Grenos Krater-Bibliothek herausgab.
Corino, geboren 1942 im fränkischen Ehingen, arbeitete nach einem Studium der Germanistik, Altphilologie und Philosophie, das zu einer Dissertation über Robert Musil führte, ab 1970 als Literaturredakteur des Hessischen Rundfunks. Sein Interesse galt besonders der ostdeutschen Literatur und denjenigen, die sie schrieben, ermöglichten oder eben verhinderten. Er moderierte das Magazin „Transit“, das sich der Kultur in der DDR widmete, bereiste dafür häufig das Land und geriet ins Visier der Staatssicherheit, die seine Tätigkeit überwachte – seine Stasiakte ist an die tausend Seiten stark. Ein Bericht aus dem Jahr 1977 beklagt Corinos ablehnende Haltung gegenüber der DDR, vor allem aber seine Versuche, verfolgten ostdeutschen Autoren eine Stimme im Westen zu geben, darunter Reiner Kunze, Ulrich Plenzdorf, Martin Stade und Wolf Biermann, oder, wenn sie in den Westen übergesiedelt waren, sie dort zu unterstützen.
Der Mentor Wolfgang Hilbigs
Umgekehrt wirkte er als Aufklärer, wo Autoren nachträglich ihre Rolle innerhalb des DDR-Literaturbetriebs schönfärben wollten. Er ging, ausgestattet mit stupendem Wissen und ausgeprägtem Forscherinstinkt, ihren Behauptungen nach und konfrontierte Stephan Hermlin oder Hermann Kant mit dem Ergebnis seiner ausgedehnten Recherchen. Und er reagierte allergisch auf Ausflüchte. Als eine Fernsehsendung 2002 den als Spitzel enttarnten Sascha Anderson ausgerechnet mit Corino zusammenführte, hatte der ostdeutsche Dichter keinen leichten Stand.
Corino, der auch als Lyriker wirkte, war Juror beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt und lud den damals noch wenig bekannten Wolfgang Hilbig dorthin ein. Hilbig und andere Autoren verdanken Corinos Mentorenschaft viel. Seine Bücher über Musil, besonders seine große Biographie des Autors, sind Meilensteine auf diesem Feld. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande, und war Gastprofessor in St. Louis und Pisa.
Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Karl Corino am vergangenen Dienstag gestorben. Im kommenden Jahr erscheint im Mitteldeutschen Verlag eine zweibändige Ausgabe von Texten Corinos zur Literaturgeschichte der DDR.
