Nun sind sie innerhalb weniger Tage beide gestorben, am 14. März Jürgen Habermas und am 25. März Alexander Kluge. Ähnlich hohes Alter, ähnlich produktiv und einflussreich bis zuletzt, beide ihrer Frankfurter Schule treu verbunden. Das lädt zu einer vergleichenden Würdigung ein, wobei Habermas klare und deutliche Begriffe für eine derartige Würdigung hinterlassen hat und Kluge einen unerschöpflichen Schatz. Es beschönigt ihre Gegensätzlichkeit, sie für komplementär zu halten, zumal der eine so gut ohne den anderen auskam wie der andere ohne den einen.
Das fängt mit den prägenden Erfahrungen an und hört mit den Stellungnahmen zum Ukrainekrieg nicht auf. Jürgen Habermas, geboren am 18. Juni 1929, bewegten die Unrechtsherrschaft der Nationalsozialisten und das Ringen um ein rechtsstaatliches Selbstverständnis seither. Die Idee demokratischer Selbstbestimmung stand für ihn im Mittelpunkt, sie ist es, die in der Ukraine auf dem Spiel steht, sie ist es aber auch, die für die Unterstützung der Ukraine nicht aufgegeben werden darf – politische Ziele müssen gesteckt und reflektiert werden, welche eine geopolitische Nachkriegsordnung schwebt uns dabei vor?
Harte Brocken aus Halberstadt
Nichts prägte Alexander Kluge, geboren am 14. Februar 1932, so sehr wie die Bombardierung Halberstadts. Vom Krieg lasse sich nur eines lernen, meinte er: wie man Frieden macht. Dabei geht es nicht um Grundrechte oder um politische oder moralische Urteile, sondern um den Erwerb von Fertigkeiten, die im Krieg überlebensnotwendig sind und eine Voraussetzung für friedliches Zusammenleben: Wo finde ich Sicherheit, wie orientiere ich mich, worauf kann ich vertrauen, mit wem kann ich wie kooperieren, was sind die Schwachstellen, an denen sich neue Möglichkeiten eröffnen?
Dies macht Kluge auch für den Ukrainekrieg geltend, der sich in seiner Kriegsfibel nicht grundsätzlich von anderen Kriegen unterscheidet: Wann ermüdet der Feind und erschöpfen sich die großen Worte, wie haben sich die kriegerischen Parteien, haben sich Militärs und Zivilisten aufeinander abgestimmt und eingestellt? Vermutlich haben sie schon ein Gefühl füreinander, haben im Schlagabtausch Reizungen und Reaktionen abzuschätzen, gewisse Grenzen zu respektieren gelernt. So zeichnen sich im Kriegsalltag, in der Kriegserfahrung Friedensperspektiven ab.
Für kommunikatives Handeln, die Aushandlung von Regeln, Rechte und Prinzipien interessiert sich der eine, für instrumentelle Vernunft, den Umgang mit Konfliktstoff interessiert sich der andere. Das ist kein Gegensatz von Theorie und Praxis, sondern es sind zwei grundsätzlich verschiedene Ausrichtungen Kritischer Theorie.
Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie?
Insbesondere in ihrem Verständnis von technischem Denken und Handeln unterscheiden sich ihre Ansätze. Die Frankfurter Schule neigte dazu, Technik und Technokratie als bloße Folie zu verwenden. Kaum ein Wort kommt in Theodor W. Adornos ästhetischer Theorie häufiger vor als „Technik“ – immer unter dem Vorzeichen seines geradezu obsessiven Bemühens, das Ungenügen der Technik gegenüber der Kunst hervorzuheben, da sich das bloße Funktionieren und Optimieren vorgegebenen Zwecksetzungen unterwirft, welche die Technik selbst nicht kritisch zu reflektieren vermag. Wer sich der Konstruktion von Mitteln für Zwecke widmet, entzieht sich der Öffentlichkeit als Forum für kritisches Denken. Gegen technokratisch unterstellte Sachzwänge muss sich daher behaupten, was Habermas als kommunikative Vernunft mit ihrem Projekt Aufklärung bezeichnet.

Nun mag es sein, dass Technik nicht reflektiert, immer aber bewertet sie. Nie nur Mittel zum Zweck, zielt technische Welterschließung auf das gelingende Zusammenspiel von Menschen und Dingen, und was hier „Gelingen“ heißt, steht immer auf dem Prüfstand: Wie groß sind die Reibungsverluste, wo sind die Sollbruchstellen, was ist das Öl, woher kommt der Sand im Getriebe der Welt, und gewaltfrei wie von selbst scheint zu arbeiten, was uns in unentrinnbare Abläufe einbindet. Wo ein technisches System unter Druck steht, die Dinge nur unter Zwang funktionieren oder zu überhitzen drohen, da kommt es früher oder später zur Katastrophe – und sei es auch nur auf einem Nebenschauplatz. Die Technik bewertet somit immer auch ihre eigene Umwelt, in der allein sie überhaupt nur zum Einsatz kommen kann. Eine Geringschätzung des Technischen kann sich Kluges Kritische Theorie daher gar nicht leisten.
Die Protagonisten seiner Erzählungen, Interviews und Filme sind immer wieder Techniker. Da ist der Handwerker, der davon berichtet, wie viel Gefühl das Eindrehen einer Schraube erfordert. Da sind die Artisten in der Zirkuskuppel, aber auch bildende Künstler und Poeten, die ein präzises Gefühl für den Zeitpunkt entwickeln, an dem es für einen Eingriff weder zu früh noch zu spät ist – das griechische Wort für dieses Gefühl diente auch als Name seiner Produktionsfirma: Kairos. Da sind die Kupplerin und die Hebamme, da sind vor allem Generäle und Feuerwehrleute mit ihrem spezifischen Sachverstand für die Erfordernisse einer Situation. Was sie alle verbindet, ist so etwas wie Liebe für den Zusammenhang, somit eine fast intime Nähe zu den Dingen, die doch immer sachlich bleibt und professionell. So auch Kluge selbst, der sich als Hofdichter der kritischen Theorie beschreibt, dabei seine eigene literarische Technik als die der präzisen juristischen Fallbeschreibung: Er dichtet in der Sprache des Rechts.
Die Einheit von Liebe und Sachlichkeit
Ausbuchstabiert hat Kluge sein Berufsgeheimnis und das all seiner Artisten in der Geschichte vom Abbau eines Verbrechens, die er mehrmals variierte, in „Die Macht der Gefühle“ verfilmte und bis zuletzt immer wieder zitierte. Sie handelt von einer „Maschinistin der Liebe“ und „Ingenieurin der Abendstunde“, sprich: einer Prostituierten. „Bettys Berufsgeheimnis: 1. Kenntnis, 2. Sanftheit, 3. kein besonderes Gefühl. Man braucht aber viel Gefühl, um das zusammenzubringen.“ Dieses Berufsgeheimnis ist das Geheimnis des Berufs, es zeichnet Konstrukteure, Ärzte, Polizisten, Leichenbestatter, Anwälte und die von Kluge geschätzten Künstler aus. Sie geraten nicht in den Bann heftig aufwühlender, großer Gefühle oder aufgeheizter Stimmungen, sondern bleiben sachlich, erhalten sich einen unverstellten Blick. So vermögen sie, kenntnisreich schwierige Situationen sanft zu modulieren: „Ich könnte pathetisch werden, wenn es darum geht, für die Einheit von Liebe und Sachlichkeit zu werben.“

Hier treffen sich schließlich die philosophischen Temperamente von Habermas und Kluge. Auch Habermas könnte pathetisch werden, beide werden es aber nicht, wenn sie nachdrücklich für etwas werben. Habermas wird als leidenschaftlicher Denker beschrieben, als leidenschaftlicher Europäer und Verfechter des Projekts Aufklärung, blieb dabei aber nüchtern im Vortrag seiner Argumente, verfiel keiner Untergangsstimmung. So praktizierte er selbst die demokratische Tugend, die er für den öffentlichen Diskurs gefordert hat. Kluge argumentierte nicht, sondern verfolgte Lebensläufe, erkundete den Eigensinn gesellschaftlicher Verhältnisse. Was von ihm vor allem bleibt und wirkt, das sind Kenntnis, Sanftheit, Sachlichkeit, gefühlvoll zusammengebracht in seiner neugierig erzählenden Stimme.
Die Träne, meint Kluge, sei eine bessere Verstärkung des Auges als das Fernrohr. Steinhartes werde durch sie aufgeweicht. Aber mit dem Fernrohr kann eine Situation aus sicherem Abstand scharf erfasst, kann Übersicht verschafft werden. Es bedarf einer kritischen Distanz, aus der heraus völkerrechtliche und moralische Urteile gefällt werden können. Und es bedarf eines Abstands auch zu Kluge, um seine sanften Provokationen zu reflektieren: In der Einheit von Liebe und Sachlichkeit werden Menschen nicht auf bloße Dinge reduziert, weil es keine bloßen Dinge gibt, die nicht mit zärtlicher Aufmerksamkeit zu behandeln wären. Aber was darüber hinaus macht eine Person liebenswürdig? Und für den Blick aus der Ferne spricht auch, dass sich nur so ein langer Hebel präzise ansetzen lässt, der vielleicht Großes bewirken kann. Inzwischen aber lassen sich mit Kluge die feinen Instrumente aufsuchen, die kunstvoll in das Gewebe der Wirklichkeit eindringen, Selbsttätigkeit anregen, ohne es zu zerstören.
