Die F.A.S. wird 25 Jahre alt. Ein Grund zurück zu schauen und nach vorn: Wie sehen junge Politikerinnen und Politiker die Zukunft? Was hoffen sie, was fürchten sie – und welche Rolle wollen sie selbst in ihren Parteien noch spielen?
Johannes Winkel: „Es muss sich eigentlich alles ändern“
Heute ist Johannes Winkel so etwas wie das schlechte Gewissen von Friedrich Merz. Morgen muss er sich dann vielleicht selbst mit den Vorwürfen der Jüngeren herumschlagen. Jedenfalls trauen ihm in der Partei viele was zu. Für den Kanzler ist es deshalb auch schwer, den JU-Chef als nervenden Rebellen abzutun. Dafür ist die Lage zu ernst und die Kritik der Jungen zu berechtigt.

Das Land wird älter, immer weniger junge Menschen kommen nach. Diese wenigen aber müssen immer mehr einzahlen, damit die Alten weiter ihre Rente bekommen. Man muss nicht besonders gut in Mathematik sein, um zu ahnen, wie das endet: ziemlich schlecht für all jene, die in Zukunft alt werden. „Das Problem wird seit 30 Jahren beschrieben, aber keiner tut was“, sagt Winkel. „Stattdessen werden Entscheidungen getroffen, die das Problem noch verschärfen.“
Für Winkel ist das kein isoliertes Problem, sondern eher Ausdruck davon, was insgesamt schiefläuft. „Die Berliner Blase und ihre etablierten Abläufe, das ist alles ziemlich überholt.“ Ihn stört die „Bräsigkeit“, die den politischen Betrieb und das ganze Land seit Jahren lähmt. Dass die Parlamentarier Beschlüsse der Regierung einfach nur abnicken, dass statt der Besten immer nur die Dienstältesten aufsteigen, dass Macht zum Selbstzweck wird. Für ihn ist klar: „Es muss sich eigentlich alles ändern.“
Ziemlich radikal für einen JU-Chef, der auch noch Bundestagsabgeordneter einer Regierungsfraktion ist. Und vielleicht erklärt das ganz gut, was in diesen Jahren auf dem Spiel steht. Während die Demokraten sich in Detaildiskussionen verlieren, wächst die AfD und mit ihr das Misstrauen gegen alles Bewährte. Winkels größte Sorge: „dass sich die allgemeine Misslaune im Land irgendwann spontan artikuliert“ und es statt eines Politikwechsels einen Systemwechsel gibt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Lange hielt Winkel Weimar-Vergleiche für Quatsch. Aber zwei Parallelen geben ihm zu denken: Damals kam zum allgemeinen Unwohlsein über den Versailler Vertrag der individuelle wirtschaftliche Abstieg. Auch heute hätten seit der Migrationskrise viele ein schlechtes Bauchgefühl. „Wenn dazu der individuelle wirtschaftliche Abstieg kommt, ist das ein toxischer Cocktail.“
Was er dagegen tun will? Endlich die Rente und den Sozialstaat reformieren, und zwar ohne Illusionen zu nähren. „Klar werden wir in Zukunft mehr und länger arbeiten“, sagt er etwa. Aber es klingt so, als könne das ja auch Spaß machen. „Wenn ich als Politiker zwei Dinge fördern würde, dann immer Leistung und Kinder.“
Winkels Vision für Deutschland in 25 Jahren: „Dass die klügsten Köpfe der Welt hinwollen.“ Ein Land, in dem sie Unternehmen gründen, arbeiten, studieren wollen. Wo KI und Robotik florieren und neue Atomkraftwerke günstige Energie liefern. Deutschland als starkes Land inmitten der Vereinigten Staaten von Europa, Seite an Seite mit Amerika, in dem es für junge Männer und Frauen selbstverständlich ist, nach der Schule zur Bundeswehr zu gehen, um Freiheit und Wohlstand gar nicht erst gegen aggressive Nachbarn verteidigen zu müssen. „Der größte Irrtum wäre es, zu glauben, dass wir es alleine könnten.“
Rasha Nasr: „Es gab niemanden in der Politik, der so aussah wie ich“
Anders als die anderen Politiker in dieser Reihe muss Rasha Nasr nicht lange nachdenken, als wir sie nach ihrem größten politischen Fehler fragen. „Den Familiennachzug mit auszusetzen“, sagt sie sofort. Der Bundestag hat vor einem Jahr beschlossen, dass Flüchtlinge aus Bürgerkriegsländern ihre Familien nicht mehr nach Deutschland holen können. So hatte es die Union in den Koalitionsvertrag geschrieben, und die SPD hat im Parlament dafür die Mehrheit ermöglicht – mit Rasha Nasr. „Das nehme ich mir immer noch übel“, sagt sie. „Ich habe den Kampf im parlamentarischen Verfahren zu schnell aufgegeben.“

Nasr ist migrationspolitische Sprecherin ihrer Partei und die Tochter syrischer Einwanderer, die in den Achtzigerjahren in die DDR kamen. Sie ist überzeugt davon, dass Menschen sich nicht integrieren können, wenn sie getrennt sind von ihren Liebsten. Der Kampf gegen Rassismus brachte sie schließlich erst in die Politik. Was nicht heißt, dass Nasr die migrationspolitischen Probleme einfach ausblenden würde. Zertifizierte Verfahren in Drittstaaten etwa nennt sie „eine spannende Idee“. Das müsse man „ohne Schaum vorm Mund diskutieren“. Dass sie selbst einmal Politikerin werden würde, hätte sie lange nicht für möglich gehalten. „Es gab ja niemanden in der Politik, der so aussah wie ich.“
Dass der Bundestag nun anders aussieht als damals, zeigt, was sich geändert hat. Er sieht ein klein wenig mehr aus wie Deutschland. Einerseits. Andererseits scheint der Kanzler ihrer Koalition genau diese optische Veränderung im deutschen „Stadtbild“ für ein Problem zu halten, jedenfalls hat Nasr seinen Satz so verstanden.
Die Sozialdemokratin hofft, dass es nicht dieser Satz ist, der am Ende von der schwarz-roten Koalition in Erinnerung bleibt. Sondern eher die Reformen, die sie angestoßen hat. „Die Rente und den Sozialstaat zukunftsfest machen, das wäre was, wo ich sagen würde: Hey, da kann man wirklich stolz drauf sein.“
So weit, so einig ist sie sich da etwa mit dem jungen Christdemokraten Johannes Winkel. Doch schon in den folgenden Sätzen wird klar, wie weit die Vorstellungen auseinanderliegen. Wirtschaftswachstum ja, aber „nicht zulasten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern“. Sie will „niemanden zwingen, länger zu arbeiten“, niemandem Urlaubsanspruch oder Krankengeld wegnehmen. Die Deutschen könnten schließlich auch mit 30 Urlaubstagen produktiv sein und ja, vielleicht sogar mit der Viertagewoche.
„Eine Kanzlerin mit Migrationsgeschichte wäre großartig“
Das passt dann doch alles besser zu der rot-rot-grünen Koalition, die Nasr sich nicht nur heimlich wünscht: Ein Selfie mit der Grünen Ricarda Lang und der Linken Heidi Reichinnek hat einigen Genossen einen Schrecken eingejagt. „Gemeinsame Gespräche. Aus Gründen“, hatten die drei Frauen dazugeschrieben. Aber ob es dafür in Zukunft noch reicht? Von einer Volkspartei kann bei der SPD ja schon länger nicht mehr die Rede sein. „Klar“, sagt Nasr. „Der Begriff geht an der Realität vorbei.“ Die Zeiten, in denen CDU und SPD sich einfach abgewechselt hätten, seien endgültig vorbei.
Und dann verdrängt das Bild der fröhlich in die Zukunft lächelnden Frauen plötzlich ein ganz anderes Szenario: „Es ist schon so, dass ich Angst davor habe, dass es 2029 keine Möglichkeit mehr gibt, die AfD zu verhindern, außer dass alle demokratischen Kräfte miteinander irgendwie eine Koalition bilden. Oder dass wir 2033 eine Alice Weidel im Kanzleramt haben.“ Sie schluckt. „Auch von den Jahreszahlen her absurd.“
Manchmal wünscht sich Nasr die Nullerjahre zurück. „Da waren wir so viel weiter, als wir es jetzt sind“, sagt sie. 2006, das Fußball-Sommermärchen, die Welt zu Gast bei Freunden: „Das war für mich Deutschland von der schönsten Seite.“ Vielleicht kann Deutschland ja wieder so werden. Vielleicht kann Deutschland sogar noch besser werden. Nasr lächelt. „Eine Kanzlerin mit Migrationsgeschichte wäre großartig.“ Nicht sie, stellt sie gleich klar. Für die Spitzenpolitik fehle es ihr an Teflon. „Ich bin sehr emotional.“ Wenn sie etwas ärgere, schleppe sie das ewig mit sich herum. Andererseits: „Man wächst ja auch.“
Und vielleicht ist das Emotionale ja nicht nur eine Schwäche, sondern auch das, was der SPD fehlt. In den sozialen Medien kommt Nasrs Art an. Da hat sie jedenfalls mehr Follower als sämtliche SPD-Minister.
Jean-Pascal Hohm: „Sie verkennen die Realität in Fußballstadien“
Das pessimistische Szenario für die anderen Politiker in dieser Reihe wäre für Jean-Pascal Hohm der größte Triumph: Dass die AfD in 25 Jahren Deutschland regiert. Um darauf hinzuarbeiten, verfolgt der Chef der Nachwuchsorganisation Generation Deutschland eine neue Strategie: der AfD durch einen konzilianten Auftritt den Schrecken nehmen.
Hohm redet etwa salbungsvoll davon, „die Gräben in der Gesellschaft zu schließen“, wünscht sich einen „versöhnlicheren Umgang mit dem politischen Gegner“ und findet, dass Medien „eine wichtige Funktion in unserer Demokratie“ erfüllen. Der Journalistin begegnet er denn auch ausgesprochen aufgeräumt. Da könnte man fast vergessen, dass ihn der Verfassungsschutz als rechtsextrem einstuft.

Dabei ist es mitnichten so, als seien die Jungen bei der AfD gemäßigter als die Alten. Sogar seiner eigenen Partei wurde es zu viel, als Hohm inmitten rechtsradikaler Hooligans zu sehen war, die Hitlergrüße zeigten und antisemitische Parolen riefen. „Ich selbst habe mir nichts zuschulden kommen lassen“, sagt Hohm dazu lächelnd. Und auf die Frage, ob er nicht hätte widersprechen müssen: „Ich glaube, Sie verkennen die Realität in Fußballstadien.“
Hohm kennt die Realität in Fankurven schon lang. Er wuchs in einem kleinen Ort in Brandenburg auf. Die Eltern waren „klassische SPD-Wähler“. Als sie sich wegen der Migrationskrise der AfD zuwandten, war der Sohn schon längst Mitglied. Seitdem war er immer ganz vorn mit dabei, wenn sich irgendwo die Wut Bahn brach: gegen Angela Merkel, gegen Flüchtlinge, gegen die Coronamaßnahmen. Er organisierte Proteste, stand auf Bühnen, sprach in Mikros. Und fiel den Oberen in der Partei auf, vor allem Alexander Gauland.
Hohm verkörpert einen neuen Typus in der AfD: professionell und radikal, modern und autoritär. „Ich bin niemand, der den Geschlechterrollen von vor 100 Jahren anhängt“, sagt er.
Er will schließlich Karriere machen
Wenn es nach ihm geht, dürfen sich auch homosexuelle Paare weiterhin trauen lassen. Außenpolitisch klingt der Chef der Generation Deutschland sogar mitunter wie ein staatstragender Christdemokrat: Er will weder ein Mündel Putins sein noch sich Trump anbiedern. Er nennt sich einen Freund der Wehrpflicht und der NATO. Wenn Putin das Baltikum angriffe, sagt er, müssten „wir Deutsche bereit sein, unsere Verbündeten im Zweifel zu unterstützen“.
Im Zweifel? All diese Positionen sind für ihn im Zweifel auch wieder verhandelbar. Wenn die Partei dazu andere Beschlüsse fassen würde, sagt Hohm, wäre das für ihn kein Grund, aus der Partei auszutreten. Er will schließlich Karriere machen.
Bundeskanzler? Er lacht laut. Das wäre wohl aktuell „nicht sehr realistisch“. Aber: „Es wäre verrückt, zu behaupten, dass man sich das grundsätzlich nicht vorstellen kann.“
Hohm ist „schwer optimistisch“
Was die Zukunft angeht, ist Hohm jedenfalls „schwer optimistisch“. Er kann den „Abgesang auf Deutschland“ an den AfD-Stammtischen „nicht leiden“. Klar gebe es viele Probleme, „aber wenn wir die Weichen wieder richtig stellen, würde es mit Deutschland auch wieder bergauf gehen“.
Dafür würde er als Erstes das Elterngeld erhöhen und Familien mit drei Kindern die Einkommensteuer erlassen. Dann würde er die Grenzen schließen, und zwar so, „dass die Zahl der illegalen Migranten auf null runtergeht“. Über die Einwanderung von Experten aus Indien und Pakistan könne man natürlich weiterhin reden, aber alle illegalen Migranten müssten raus aus dem Land.
Also millionenfache Abschiebung per Zwang, „Remigration“ auch deutscher Staatsbürger? Nein, nein, beschwichtigt Hohm, er wolle nur geltendes Recht durchsetzen und auch „Anreize schaffen“, damit Menschen freiwillig in ihre Heimat zurückkehren.
Während Hohm im Interview mit der F.A.S. von Dänemark als Vorbild spricht, erzählt er seinen Followern auf Instagram allerdings gleichzeitig die Verschwörungsgeschichte vom „Bevölkerungsaustausch“. So ist das immer mit Hohm: Er klingt einerseits wie ein freundlicher Migrationsexperte, andererseits wie ein rechtsextremer Verschwörungstheoretiker.
Wie ist es denn nun wirklich, würde er Menschen unter gewissen Umständen die Staatsbürgerschaft aberkennen? Hohm wiegt den Kopf. Bei „Doppelstaatlern, die schwere Straftaten begehen“, könnte er sich das schon vorstellen. Also zwei Klassen von Deutschen? Hohm verneint, aber das kann wohl kaum jemanden beruhigen, der Angst hat angesichts der widersprüchlichen „Remigrations“-Pläne der AfD.
Wann hat Hohm eigentlich das letzte Mal mit so jemanden gesprochen, der seine Politik ablehnt? Hohm überlegt. Solche Leute treffe er nicht. Dabei wäre das ja nicht schwer. Die allermeisten Menschen hierzulande sind schließlich nach wie vor gegen die AfD. „Also, in meinem Dorf in Südbrandenburg haben mich über 50 Prozent gewählt“, sagt Hohm. „Wenn ich ins Fußballstadion gehe oder in der Stadt unterwegs bin, kommen die Leute an und wollen Fotos machen.“
Ines Schwerdtner: „Wir unterschätzen die zerstörerische Kraft autoritärer, reicher Männer“
Als Ines Schwerdtner den Journalismus aufgab, um Vorsitzende der Linken zu werden, hielten ihre Freunde sie für „ballaballa“. Die Partei lag schließlich am Boden, von Sahra Wagenknecht gespalten und bis aufs Blut zerstritten. Dann kamen ein paar Sachen zusammen, und plötzlich führte Schwerdtner eine Partei, die zwischenzeitlich gleichauf mit der SPD war. Immer etwas im Schatten von Heidi Reichinnek, die mit ihrer Wucht viele für die Linke begeistert. „Eine große Stärke“ nennt Schwerdtner Reichinneks Art, wie sie „ihr Herz auf der Zunge trägt“. Sie selbst sei da „etwas ruhiger“, analytischer, geprägt von politischer Theorie und Marx.

Schwerdtner steht dabei eigentlich für jenen Flügel, den viele früher mit Wagenknecht verbanden. Eine „Lifestyle-Linke“, wie Wagenknecht das nannte, war sie jedenfalls nie, sondern immer gewerkschaftsnah. Sie gendert deshalb auch nicht ambitionierter als Friedrich Merz: Es geht ihr dabei um die „Arbeiterinnen und Arbeiter“, jene Menschen in ihrem Wahlkreis Lichtenberg, die sie verstehen sollen.
Trotzdem zögert sie keine Sekunde bei der Frage, ob Wagenknecht fehle: „Nein.“ Die Spaltung der Linken, die alle in der Partei in Angststarre versetzt hatte, wurde am Ende schließlich zu ihrem Befreiungsschlag. Es ist paradox: „Wir können jetzt erst wieder über Klassen und Arbeiter reden“, sagt Schwerdtner. Gerade weil Wagenknecht weg ist.
Ihre größte Sorge ist, dass wir in den nächsten 25 Jahren „demokratische Kipppunkte“ erreichen – Punkte, an denen es irgendwann zu spät ist für die Rettung der Demokratie. Dann nämlich, wenn Öffentlichkeit und Infrastruktur in den Händen weniger Tech-Milliardäre liegen. „Wir unterschätzen die zerstörerische Kraft autoritärer, reicher Männer“, sagt Schwerdtner.
Den Widerspruch, dass die Linke ausgerechnet über Tiktok und Instagram mobilisiert, redet sie gar nicht erst weg. Deshalb müsse man die Plattformen dringend vergesellschaften, sagt sie. „Bis dahin müssen wir sie nutzen, damit wir möglichst viele Menschen erreichen.“ Also wahrscheinlich noch ziemlich lang.
„Ich habe keinen Reichenhass“
Macht denn nicht auch die Linke die AfD stärker, indem sie die Polarisierung befeuert und die Mitte diskreditiert? Das lässt Schwerdtner nicht gelten. Für sie ist es „die neoliberale Aushöhlung des Sozialstaats“, die rechte Kräfte stark gemacht hat. Aber sieht man nicht in Polen und Ungarn, dass es Konservative braucht, um die Rechtsextremen zu besiegen? Auch das sieht Schwerdtner nicht, sondern eher, dass „Autoritäre und Konservative sich gegenseitig hochpuschen“.
Ihre Lösung? Das ist das Tröstliche an der Linken – es sind die gleichen Konzepte wie vor Jahrzehnten, die auch in 25 Jahren noch gelten sollen: hohe Vermögen besteuern, umverteilen, verstaatlichen. Braucht es denn nicht auch Wirtschaftswachstum – etwas, worauf sich in dieser Reihe immerhin alle Politiker einigen konnten? „Nicht, wenn nur die Dax-Konzerne profitieren und die Menschen gleichzeitig leer ausgehen.“
Dürfen Reiche denn noch in Deutschland leben, wenn die Linke regiert? „Ach“, sagt Schwerdtner. „Ich habe gar keinen Reichenhass. Ich habe Armutshass. Mir ist eigentlich egal, wie viele Millionäre es noch gibt, wenn es dafür nicht mehr 13 Millionen arme Menschen gibt.“
Felix Banaszak: „Wir haben den Rechtsextremen zu viel Raum gelassen“
Die Kulturtechnik des Lesens längerer Artikel ist nicht mehr so verbreitet“, sagt Felix Banaszak irgendwann im Gespräch. Worauf die Journalistin nur erwidern kann: „Deswegen machen wir ja heute auch Reels!“ Zum Schluss nehmen wir für die Instagram-Seite der F.A.Z. nämlich noch ein Video auf. Damit auch jene was vom Jubiläum dieser Zeitung erfahren, die am Kiosk höchstens ein Wegbier kaufen.

Auch die Politiker senden ihre Botschaften inzwischen am liebsten über die sozialen Medien hinaus. Obwohl auch Banaszak da mitmacht, bleibt ein Unwohlsein: „Wir sind zu naiv, wenn es darum geht, wie heute Meinungsbildung stattfindet.“ Die Techgiganten verzerren gesellschaftliche Debatten mit ihren Algorithmen so, dass Hass und Wut belohnt werden. Das macht es der AfD leicht.
Aber der Grünen-Chef lastet die Krise der Demokratie nicht nur den Techoligarchen an. Er sucht auch in der eigenen Partei nach Fehlern. Lange dachte er, man müsse Politik eben besser erklären und im Zweifel eine Demo organisieren. Inzwischen denkt Banaszak: „Wir haben den Rechtsextremen zu viel Raum gelassen.“
Etwa wenn im Dorf die letzte Kneipe oder der letzte Tante-Emma-Laden schließt, und nur die AfD noch was zu bieten hat. Aber auch Begriffe wie Heimat und Sicherheit will er nicht den Rechten überlassen. Dahinter steckten ja Bedürfnisse, auf die „auch Progressive“ eine Antwort finden müssten: die Sehnsucht nach Gemeinschaft in einer „hyperindividualisierten Welt“.
„Ich wünsche mir mehr Lebensfreude“
Dazu kommt die Klimakrise. Und spätestens da merkt man, dass der Grünen-Vorsitzende gerade hauptberuflich Opposition macht: „Während wir an der Tankstelle und in den Supermärkten die fossile Energiekrise zu spüren bekommen, sagt diese Bundesregierung: Kauft weiter Gasheizungen und Verbrennerautos.“ So gehe das doch nicht weiter.
Die Welt in 25 Jahren wünscht er sich dagegen ganz im Sinne der grünen Utopie: Mit Sonne, Wind und Wärmepumpe leben wir demnach günstig und unabhängig. Vielleicht wird man in 25 Jahren ja auch mal an einen Wirtschaftsminister Habeck zurückdenken und an den „Heizhammer“, wie die „Bild“-Zeitung sein Gesetz schimpfte.
Und vielleicht gibt es – ganz im Sinne der FDP und des Glaubens an technischen Fortschritt – dann auch eine Maschine, mit der man in die Vergangenheit reisen kann. „Dann muss man die gleichen Fehler nicht noch mal machen“, sagt Banaszak und lacht.
Er wünscht sich mehr Optimismus und eine positive Vision für die Zukunft. In Ungarn habe man ja gesehen, dass der Aufstieg der Rechtspopulisten nicht unaufhaltsam ist. Aber er wünscht sich auch, dass unter Wohlstand „nicht ausschließlich Wirtschaftswachstum“ verstanden wird. Sondern auch „mehr Selbstwirksamkeit, mehr Lebensfreude“.
Franziska Brandmann: „Bedrohungen muss sich niemand gefallen lassen“
Die FDP darf in dieser Reihe nicht fehlen, schließlich weiß keiner, ob sie nicht in 25 Jahren ein großes Comeback feiert. Darauf kann Franziska Brandmann allerdings nicht warten, sie hat sich mit einem Unternehmen selbständig gemacht. Mit KI ahndet sie digitale Hetze. Und schon das zeigt, wie weit die ehemalige Chefin der Jungen Liberalen entfernt ist von jenem Mann, der trotz allem als neues Gesicht der FDP gilt: Wolfgang Kubicki. Dem sind Ordnungshüter im Internet ein Graus. Brandmann sieht es anders. „Strafrechtlich relevante Beleidigungen und Bedrohungen muss sich niemand gefallen lassen in einem Rechtsstaat.“

Die Krise der FDP hält sie für überwindbar, aber nicht unbedingt mit Kubicki. Der werde zwar wahrgenommen, „aber ich glaube nicht, dass wir aus dem Bundestag geflogen sind, weil wir nicht wahrgenommen wurden“. Brandmann ist überzeugt, dass es eine liberale Partei der Mitte braucht.
Eigentlich sind die Themen der Zeit ja auch wie gemacht für die FDP. Plötzlich ist überall von Leistung die Rede, von Reformen, von Wachstum. Nur glauben viele offenbar nicht, dass die FDP dafür noch die richtige Adresse ist. Brandmann hat das Misstrauen selbst erfahren: Sie kandidierte zuletzt aussichtsreich für den Bundestag – und stand am Ende vor dem gleichen Ergebnis wie die gesamte Partei.
Im Wahlkampf hatte sie eine Begegnung, die sie bis heute beschäftigt. An einem Stand habe eine ältere, offensichtlich gut situierte Frau sie gefragt, was sie ihr „bieten“ könne – wer am meisten verspreche, werde gewählt. Brandmann will daraus kein Rentnerbashing machen. Aber sie sieht darin ein Symptom: Der politische Streit kreise zu oft um kurzfristige Ansprüche und zu selten um die Frage, was man der nächsten Generation hinterlassen will.
„Vielleicht ist der künftige FDP-Chef noch gar nicht geboren“
Denn die Unsicherheit wächst, gerade bei Jüngeren. Viele sparen, immer mehr denken ans Auswandern – auch weil sie nicht mehr an den deutschen Sozialstaat glauben. Brandmann ärgert, wie schnell viele Linke einen Sündenbock finden: „die Reichen“.
Das lenke ab, meint sie, von dem, was sie für das Kernproblem hält: eine politische Kultur, die zu wenig verändert, weil sie zu viel verwaltet. „Wenn es so weitergeht, vererben wir nichts anderes als Schulden und schlechte Laune.“ Irgendwann, warnt sie, fänden Demokraten dann keine Mehrheit mehr.
Aus ihrer Sicht führt der Weg raus nur über Reformen – und ja, auch über Einschnitte. Sparen würde sie vor allem bei der Verwaltung: weniger Beamte, weniger Minister. Sie fragt: „Was macht eigentlich der Umweltminister in Schleswig-Holstein, wenn es Timmy gerade nicht gibt?“
Den Grundton der Zeit – alles werde knapper, düsterer, endgültiger – teilt sie allerdings nicht. Wie es sich für die FDP gehört, hält Brandmann technischen Fortschritt für den Weg in eine bessere Zukunft. Wer wisse schon, wie wir in 25 Jahren heizen? „Meine Eltern hätten sich vor 25 Jahren auch nicht vorstellen können, heute eine Wärmepumpe zu haben.“
Und wer weiß schon, wie alt wir werden, wenn KI die Diagnostik übernimmt? Natürlich bringe Künstliche Intelligenz Risiken mit sich, natürlich brauche es Regeln, und natürlich werde es Verlierer geben, sagt Brandmann. Aber aus ihrer Sicht überwiegt das Versprechen: „Künstliche Intelligenz könnte unser Leben so verbessern wie die industrielle Revolution.“
Sie denkt an ihren Vater, der in Armut auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, als Erster studierte und später seine Promotion auf einer Diskette einreichte. „Heute fährt er mit einem E-Auto über die Autobahn.“ Zeigt das nicht, dass alles möglich ist? Vielleicht ja auch der Wiederaufstieg der FDP. Vielleicht, sagt Brandmann, mit einem Lächeln, „ist der künftige Vorsitzende noch gar nicht geboren“.
