Seinen größten Fehler als Fußballtrainer hat Julian Nagelsmann in seinem größten Spiel gemacht. Als er im EM-Viertelfinale 2024 mit der deutschen Mannschaft auf die spanische traf, änderte er die Startaufstellung.
Statt Robert Andrich und Florian Wirtz ließ er Emre Can und Leroy Sané spielen, weil – so erklärte er das in den Interviews vor dem Spiel – der Mittelfeldspieler Can „eine 35“ laufen könne (also 35 Kilometer pro Stunde schnell sei) und der Außenspieler Sané einen „brutalen Speed“ habe. Doch in dem Spiel wurde dann Minute für Minute sichtbarer, dass gerade Can den gedankenschnellen Spaniern mit den Füßen hinterherkam, aber nicht mit dem Kopf.
Der Bundestrainer hat seinen Fehler damals in der Halbzeitpause korrigiert. Er hat Andrich und Wirtz für Can und Sané eingewechselt und weil es zu dem Zeitpunkt noch 0:0 stand, konnte man in dem Moment meinen, dass die Korrektur spät, aber nicht zu spät kam. Doch wer in so einem Spiel eine Halbzeit (und früh zwei Wechsel) verliert, für den wird es schwer, zu gewinnen. Für die deutsche Nationalmannschaft war es zu schwer.
Zwei Jahre nach der EM: Nagelsmann und die Geschwindigkeit
Geschwindigkeit – das war und ist im Fußball der Gegenwart der richtige Gedanke, aber im Juli 2024 hat Julian Nagelsmann die falsche Schlüsse daraus gezogen.
Jetzt, zwei Jahre später, hat Nagelsmann im Stadion in Mainz wieder über Geschwindigkeit gesprochen. Es ging dort um Nathaniel Brown, den Linksverteidiger, der im vorletzten Testspiel vor der WM gegen Finnland (4:0) den angeschlagenen David Raum ersetzt hatte. Und das, was der Bundestrainer über ihn sagte (kann im Eins-gegen-Eins gut gegen „Speedspieler“ verteidigen, weil er selbst „ein gutes Tempo“ hat), führte dann ziemlich schnell zu der Frage, ob der 22-jährige Brown den 28-jährigen Raum auch nicht dann ersetzen sollte, wenn aus dem Test- der Ernstfall wird.
Die Antwort in der alten Fußballwelt: Wenn zwei Spieler etwa gleich gut sind, sollte der jüngere spielen. Die Antwort in der neuen Fußballwelt: Wenn zwei Spieler etwa gleich gut sind, sollte der schnellere spielen. Anmerkung: Sofern das, siehe 2024, nicht eine eingespielte Elf aus dem Rhythmus bringt.

Es war daher klug, dass der Bundestrainer am Sonntag sowohl Brown als auch Lennart Karl aufgestellt hat, weil beide gezeigt haben, wie sie das Spiel beschleunigen können. Brown mit längeren, Karl mit kürzeren Sprints. Mit Blick auf die WM ist es keine kleine Frage, ob die deutsche Mannschaft genug Geschwindigkeit hat. Das ist auch der Aspekt, der in der Diskussion um Joshua Kimmichs Rolle als Rechtsverteidiger zu kurz kommt. Kimmich ist nicht der Schnellste, muss als Außenverteidiger aber gegen Außenstürmer antreten, die meistens die schnellsten Spieler einer Mannschaft sind.
Das sollte im ersten WM-Spiel gegen Curaçao kein Problem sein, im zweiten WM-Spiel gegen die Elfenbeinküste (Bazoumana Touré, Yan Diomande) könnte es aber schon eines werden. Denn hinzu kommt, dass Kimmich im Spielaufbau in die Mitte rückt und bei einem Ballverlust auf der rechten Seite eine Lücke ist, die er, der wie gesagt nicht der Schnellste ist, wieder zulaufen muss: die Kimmich-Lücke.
Das alles muss man Julian Nagelsmann nicht sagen. Man darf aber gespannt darauf schauen, ob er in seinem zweiten großen Turnier aus den richtigen Gedanken auch die richtigen Schlüsse zieht.
