Die Stadt ohne Häuser wird leicht übersehen. Ein Straßennetz mit Ampel, mit Kreisverkehr, mit Schienen für die Straßenbahn, wie es sich für eine ordentliche Stadt gehört, doch zwischen den Fahrbahnen nur Wiese, keine Gebäude: Die Frankfurter Jugendverkehrsschule werden nicht viele beachten, wenn sie durch den Grüneburgpark gehen, laufen, rennen, wenn sie auf den Wiesen gegenüber liegen. Vielleicht rätselt mancher, was das lang gestreckte zweistöckige Gebäude dahinten sein soll, das mit Graffiti übersät ist.
Derzeit liegt die Jugendverkehrsschule im Dornröschenschlaf. Doch sobald man sich in den Schulen wieder organisiert hat nach den Ferien, werden sie auch wieder kommen, die Mädchen und Jungen der dritten und vierten Klassen, die das Glück haben, dass es auf ihrem eigenen Schulhof nicht die Light-Version einer Jugendverkehrsschule mit vielen weißen Strichen gibt. Denn in diesen Fällen werden sie dort in den Verkehrsregeln unterrichtet, die zu beachten in einer Großstadt wie Frankfurt das Überleben sichert. Genauso gut natürlich wie im Verkehrskindergarten am Rande des großen Parks zur Siesmayerstraße hin, aber ohne das Highlight, das sie dort alle beglückt, wie die Polizisten stolz berichten, die dort tätig sind: eine richtige Ampelanlage an einer Kreuzung mitten in dem dort nachgebildeten Straßennetz. Die Kinder fragen immer schon, wann sie endlich eingeschaltet wird.

Die mehr als 60 Jahre alte Kinderstraßenbahn im Schuppen, bemalt wie der Ebbelwei-Express, von den Polizisten mit Blick auf die jungen Fahrgäste aber Apfelsaft-Express genannt, wäre eine weitere Attraktion. Aber man traut sich nicht mehr, sie auf die arg lädierten, schmalen Gleise zu schicken, die den Verkehrskindergarten in einem weiten Oval durchmessen.
Man war sich gar nicht sicher gewesen, ob die Jugendverkehrsschule überhaupt noch in Betrieb ist, wenn man selbst am Samstag oder Sonntag dort einmal entlanggelaufen war, und in der Stadtverwaltung wusste auch niemand so recht, wie es um sie steht. Dabei ist sie quicklebendig. Sieben Teams aus je zwei Beamten der Dienststelle Verkehrserziehung und Verkehrsaufklärung der Frankfurter Polizei sind für den Unterricht der Dritt- und Viertklässler zuständig, sechs von ihnen fahren zu den Schulen, eines betreut die Mädchen und Jungen, die in den Verkehrskindergarten kommen. Zusammen haben sie im vergangenen Schuljahr 7573 Schülern aus 110 Schulen beigebracht, wie man sich im Straßenverkehr verhalten soll, immer an drei Vormittagen mit Theorie und Fahrpraxis abwechselnd und dem Ablegen der Fahrradführerscheinprüfung am Schluss. 949 Schüler aus 20 Schulen kamen zum Grüneburgpark.

Die freundlichen Beamten, die vorher bei der Kriminalpolizei arbeiteten oder jahrelang Streife gefahren sind und durchweg so wirken, als wollten sie nie wieder etwas anderes machen, als Kinder zu unterrichten, bringen ihnen den Schulterblick beim Fahren mit dem Fahrrad bei, die Vollbremsung, das Vorbeifahren an einem Hindernis und natürlich noch viel mehr, rechts vor links, Fahren im Kreisverkehr und das heikle Linksabbiegen. Viele Kinder können in dem Alter schon Fahrrad fahren, wie die Polizisten sagen, aber bei vielen steht es auch nicht gut um die Motorik, sie sind unsicher, und wer unsicher ist auf dem Fahrrad, hört nicht zu, wenn es um das Regelwerk geht. Aber die Kinder kommen gern, sie finden den Besuch in der Jugendverkehrsschule aufregend und machen gut mit, wie es heißt.

Die Beamten freuen sich, dass die Stadt im vergangenen Jahr die Striche auf den Schulhöfen erneuert hat, die dort ein Straßennetz bilden, auf dem man üben kann. Die Jugendverkehrsschule selbst, im Oktober 1960 eröffnet, harrt hingegen einer Erneuerung, sie ist arg in die Jahre gekommen, das Gebäude ebenso wie das Übungsgelände. Die Auskunft des Bildungsdezernats lautet, für das Gebäude dort sei das Amt für Bau und Immobilien zuständig. „Der Jugendverkehrsgarten ist stark sanierungsbedürftig. Eine Planung für eine erste Sanierungsmaßnahme liegt vor. Diese beinhaltet, eine Unterbringung für Fahrräder, einen Seminarraum sowie ein Büro mit Toilettenanlage herzurichten. Die Sanierung kann momentan aber aufgrund fehlender Haushaltsmittel nicht umgesetzt werden.“ Im März hieß es vom Magistrat, „der Neubau der Jugendverkehrsschule ist nun für die Haushaltsanmeldung im Jahr 2028 vorgesehen“.
Nötig wäre es, die gegenwärtigen Zustände sind unerfreulich, und man würde es schon den aufgeschlossenen Beamten gönnen, dass sie sich unter besseren Bedingungen um die Kinder bemühen könnten, den Kindern selbst natürlich auch. Nötig ist dann aber auf jeden Fall nicht nur ein neues Gebäude. Durch den Verkehrskindergarten der Zukunft sollte unbedingt auch wieder der Apfelsaft-Express auf neuen Gleisen rollen, und zwar auf jeden Fall an einer richtigen Ampel vorbei, auf die die Mädchen und Jungen so aufgeregt schauen. Die Kinder werden es der Verwaltung danken.
