
An der Eschersheimer Landstraße in Frankfurt stand vor der NS-Zeit das Versammlungshaus dreier jüdischer Vereinigungen. Das Hauptgebäude wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Grundstück und Gebäude hatten die Nationalsozialisten der jüdischen Loge B’nai B’rith 1937 entzogen. Sie übergaben es dem Reichsrundfunk. Nach dem Krieg nutzte der Hessische Rundfunk (HR) das Grundstück und die erhaltenen Nebengebäude für den Sendebetrieb. 1952 wurde die Loge für das Grundstück entschädigt. Und dabei sei sie, behauptet B’nai B’rith, wissentlich übervorteilt worden.
Wie der „Spiegel“ aktuell berichtet, soll die unter der Hausnummer 29 erfasste Fläche in einer Aufstellung von 1949 zunächst mit 2106 Quadratmetern angegeben, später aber handschriftlich auf 191 Quadratmeter reduziert worden sein. Hinter der Hausnummer hätten sich zwei Grundstücke von 191 und 1915 Quadratmetern befunden. Bei der Wertermittlung sei nur das kleine Grundstück berücksichtigt und das gesamte Areal mit 2817 statt 4730 Quadratmetern angesetzt worden. Auf dieser Grundlage einigten sich der HR und die Jewish Restitution Successor Organization (JRSO) im Jahr 1952 auf eine Entschädigung von 160.000 D-Mark.
Der „Spiegel“ behauptet, dem HR habe damals auch ein eigenes Gutachten vorgelegen, das den Wert auf 227.000 D-Mark beziffert habe. Das sei ein Indiz dafür, dass den damals Verantwortlichen bekannt gewesen sei, die Immobilie unter Wert taxiert zu haben. Die B’nai B’rith Frankfurt Schönstädt Loge bemühte sich angeblich mehr als zwei Jahre lang vergeblich um Aufklärung. Nun prüfe sie eine Klage gegen den HR.
Der HR weist den Vorwurf zurück. Die Entschädigung sei 1952 einvernehmlich vereinbart worden. Der Eindruck, der HR habe bewusst getäuscht, sei nach derzeitigem Kenntnisstand falsch. Ein eigenes Gutachten habe keine Hinweise auf eine nicht ordnungsgemäße Restitution ergeben.
Zudem hat der HR eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben. Sie soll die Gründungsphase des Senders und die Eigentumsverhältnisse untersuchen. Sollte sich dabei herausstellen, dass die Grundstücke vor 74 Jahren falsch beurteilt wurden, will der Sender den Vorgang neu bewerten.
