
Kaum ist die Macht zum Greifen nah, darf sich der Steigbügelhalter trollen. Dabei versteht sich der rechte Streamer Matthäus Westfal alias „Aktivist Mann“ doch so gut aufs Trollen und stand genau deshalb bei der AfD bis vor Kurzem in hohem Ansehen.
Westfal trollt Journalisten. Er deckt sie mit Hassvorträgen ein, brüllt sie an, rempelt sie beiseite, organisiert Sprechchöre gegen die „Lügenpresse“, filmt das Ganze, lädt es bei Youtube hoch und lässt sich von der rechten Blase feiern. Das hat die AfD bislang goutiert und unterstützt. Der „Aktivist Mann“ durfte sich als verdienter Sturmtruppler im Kampf der AfD gegen die „etablierten“ Medien fühlen.
Doch mit einem Mal, da Westfal die „Spiegel“-Journalistin Ann-Katrin Müller am Wahlabend in Sachsen-Anhalt im Brüllaffenmodus angegangen ist wie etliche Journalisten zuvor („Sind Sie Deutsche? Fühlen Sie sich deutsch?“, „Identifizieren Sie sich als Deutsche? Dann tun Sie was für Ihr Heimatland“), gibt die AfD einen neuen Tagesbefehl aus. „Ein zivilisierter Umgang miteinander versteht sich in einer kultivierten Gesellschaft eigentlich von selbst“, schreiben die Parteichefs Alice Weidel und Tino Chrupalla in einer Pressemitteilung. Das gelte „natürlich auch dann, wenn man gänzlich anderer Meinung ist als das Gegenüber“. „Beleidigungen und verbales Bedrängen“ verböten sich für Medienschaffende. Die AfD werde „es nicht tolerieren, wenn dieser Grundsatz bei künftigen Partei-Veranstaltungen verletzt wird – auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene gleichermaßen und zwar ohne Ansehen der Person.“
Das sagen die Richtigen
Das sind gänzlich neue Töne, und das, möchte man meinen, sagen die Richtigen. Machen Weidel, Chrupalla und ihre Parteikollegen doch in der Regel keinen Hehl aus ihrer Verachtung für Journalisten. Die freie Presse ist bei ihrem Anspruch, das vermeintlich herrschende „System“ abzuräumen, immer mitgemeint. Die AfD hat ihr eigenes Mediensystem, angefangen bei ihren eigenen Kanälen und beim Plattformherrscher Elon Musk über die ihr zugeneigte russische Propaganda bis hin zu den zahlreichen Influencern und Streamern, die in ihrem Sinne agitieren.
Dass es damit nun vorbei sein soll, leuchtet „Aktivist Mann“ nicht ein. „Wer sich distanziert, verliert“, schreibt er auf X und erinnert daran, dass er – gemeinsam mit dem ebenso wie er veranlagten Kanal Utopia TV – der AfD zu „wichtigen Prozentpunkten“ verholfen habe. Das interessiere Weidel und Chrupalla offenbar nicht mehr. „Mich wundert es nicht. Nichts neues in Deutschland“, beschließt der Troll seinen Post. Am Montag will sich der AfD-Bundesvorstand mit ihm befassen. Sieht so aus, als hätte die AfD ein Bauernopfer gefunden.
