Ohne Neugier und Entdeckerfreude laufen die Künste und deren Vermittlung schnell ins bloß Handwerkliche. Und obwohl der Klassik-Repertoirebetrieb längst nicht so darniederliegt, wie manchmal geraunt wird, haben bestimmte Ermüdungserscheinungen oft damit zu tun, dass ebendiese Grundqualitäten vernachlässigt werden. Delegiert werden solche Herausforderungen dann gern an Spezialensembles oder Festivals – sofern diese sich darauf einlassen. Das Musikfest Berlin ist da schon lange ein verlässlicher Partner, im diesjährigen Durchgang gleich in der Startwoche mit zwei gewaltigen Ur- beziehungsweise Wiederaufführungen von Yvonne Loriod und Wolfgang Rihm. Wie Neugier und Entdeckungslust aber glücklicherweise immer wieder auch am etablierten Repertoire ausgelebt werden können, bewies ein reines Schumann-Programm in der Philharmonie.
In dessen Zentrum stand Roberts ausladendes d-Moll-Violinkonzert von 1853 – sein letztes Orchesterwerk, komponiert unter den andrängenden Schatten des bald folgenden körperlichen und geistigen Zusammenbruchs. Im buchhalterischen Sinne entdeckt werden muss hier zwar nichts mehr: Aufführungen bleiben selten, sind aber keine ausgesprochenen Raritäten mehr, und es gibt mittlerweile ein Dutzend Einspielungen, unter anderem mit Isabelle Faust und dem Freiburger Barockorchester, die sich auch diesmal wieder zusammenfanden.

Neu im Bunde war Simon Rattle, ohne Podest auf Augenhöhe mit dem Ensemble und den so gewonnenen Bewegungsraum zu Ausflügen an die vorderen Pulte nutzend, wobei seine Animationen auffällig oft in Richtung der zweiten Geigen, Bratschen und Celli gingen. Wofür sie ihm vor allem wichtig waren, zeigten die beiden anderen Werke des Abends – „Genoveva“-Ouvertüre und 2. Symphonie in C-Dur: Alle wurden aus eruptiv drängenden Rhythmen heraus entwickelt, markiert durch meist straffe Tempi und quasi überplastische, oft schroffe und beispielsweise im gehetzten Scherzo der Symphonie geradezu roh-widerborstige Einsatzakzente.
Dabei wurde vor allem die Symphonie, wie die Ouvertüre eine Schöpfung der wenig glücklichen Dresdner Jahre Schumanns, ebenfalls schon als Krisenstück erkennbar, geprägt durch einen demonstrativen, fast zwanghaften Überoptimismus, bei dem beispielsweise die nervös drängenden Außensätze nicht selten in die Nähe eines grell ausgeleuchteten, kahlen Lärms weitab aller Poesie gerieten.
Ähnliche Ansätze hat zum Beispiel auch Christian Thielemann verfolgt, aber – mit modernen Instrumenten – doch beträchtlich geschmeidiger und schmelzklängiger; hier nun, im Darmsaiten-Originalklang, blieben stellenweise nur noch Haut und Knochen – bedrückend und faszinierend in einem. Verwandte Gefühle hatten sich vordem auch schon beim Violinkonzert eingestellt, vor allem in der absurden, weil innerlich ausgehöhlten und sozusagen mit zusammengebissenen Zähnen zelebrierten, werkbeschließenden Riesenpolonaise: einer ins Übergroße projizierten, aber nur noch als Schattenriss erfahrbaren Rückbeschwörung einstiger Leipziger Anfänge mit ihren frech und elegant ausschwärmenden Klavier-Tanzzyklen.
Die nachgerade gespenstische Wirkung dieses wie der vorangegangenen Sätze, ringend-zerquält inmitten verheerter Ruinenlandschaften und noch bei jedem Ansatz zu salonhafter Leichtigkeit bald in schwer lastende Skalengänge und zuckende Tremoli aufgelöst, war vor allem die Leistung von Isabelle Faust. Sie machte in erschütternder Weise die Übergewichtigkeit und widerständige Beharrungskraft, die Antiorganik und die manischen Demonstrations- und Wiederholungszwänge der wie mit Leim auf die Klangoberfläche geklebten Ornamentik erfahrbar als Psychogramm einer inneren Selbstvergewaltigung.
Nobel-souverän in der Bewältigung der intrikaten technischen Herausforderungen, vor denen seinerzeit selbst Joseph Joachim zurückgeschreckt war, agierte sie gleichzeitig als Impulsgeberin einer schwingenden Rubato-Gestaltung, auf die sich Rattle hochkonzentriert einstellte und die dem fürchterlich-großartigen Konzert in der Summe sogar noch mehr innere Geschlossenheit verlieh als der bisweilen etwas auseinanderdriftenden Symphonie.
Dass indessen kleine Koordinationsstörungen relativ wenig wiegen, wenn der Geist des Ganzen funktioniert, ohne ihn aber auch das historische Instrumentarium allein wenig bringt: Beides hatte einige Abende vorher – und leider ex negativo – Jordi Savall mit seinem Concert des Nations bewiesen, als er Felix Mendelssohn Bartholdys Schottische Symphonie in saftloser Glätte wie eine Abfolge verblasster Ansichtskarten präsentierte: keine Dämonie, kein Zwiespalt, die sich doch auch hier fraglos finden lassen.
Atmosphärisch dichter gelangen die Hebriden-Ouvertüre und die „Italienische“ nach der Pause – Letztere in einer vom Komponisten nachträglich überarbeiteten, auf größere Fasslichkeit und innere Geschlossenheit zielenden Variante. Besonders im Andante, das dabei die meisten Veränderungen erfuhr, kam es vor allem dank innig warmblühender Holzbläserklänge zu ergreifender Eindringlichkeit. Dennoch: Man will dem wunderbar würdevollen katalanischen Musik-Kosmopoliten seine spät entdeckte Liebe zu Mendelssohn gern glauben – an diesem Abend hatten beide trotzdem Besseres verdient.
