In Chinas aktuellem Fünfjahresplan für die Jahre 2026 bis 2030 wird auf „hochwertiges Wachstum“ gezielt – und dies nicht nur in Sachen technologischer Souveränität. Es sei eindeutiges Ziel der Bildungspolitik, auch die geistige Souveränität Chinas und den Stolz auf die eigene Kultur zu stärken, heißt es in dem Schreiben. Weitgehend unbemerkt blieb bislang in Deutschland, dass es genau diese Zielsetzung ist, die in China seit 2014 ausgerechnet mit jenem Dichter in enger Verbindung steht, der nach Nietzsches Überzeugung „in der Geschichte der Deutschen“ ein „Zwischenfall ohne Folgen“ ist: Yuehan Woerfugang Feng Gede (so die exakte Pinyin-Umschrift (Lautschrift) für den chinesischen Namen von Johann Wolfgang von Goethe).
Goethe erfährt spätestens seit der berühmten ersten vollständigen Übersetzung der Faust-Tragödie (1928) durch den großen chinesischen Schriftsteller Guo Maruo eine singuläre Langzeitwirkung bis in die heutigen Führungsebenen hinein. Denn Guo Maruo war es, der Goethes Idee der „Weltliteratur“ als Modell für die kulturelle Modernisierung Chinas verstand – und zwar im Sinne einer Verschmelzung der chinesischen Tradition mit der Weltgemeinschaft.
Stolz auf die eigene Kultur
Kein Wunder daher, dass es Guo Maruos Faust-Übersetzung ist, zu der sich inzwischen auch der chinesische Staatspräsident als begeisterter Leser öffentlich bekannt hat. China versteht Goethe seit rund hundert Jahren als den wichtigsten geistigen Souverän Europas. Er beziehungsweise sein Kulturkonzept ist es auch, das für die vom eingangs erwähnten Fünfjahresplan geforderte Stärkung der geistigen Souveränität Chinas und dessen Stolz auf die eigene Kultur wirkmächtig werden soll. Was daher in China in diesem Sinne seit 2014 in Goethes Namen verfolgt wird, ist ein Projekt von höchstem politischen Rang. Das deshalb von höchster offizieller Stelle (auch in finanzieller Hinsicht) betreut wird: vom sonst exklusiv für wichtigste, das heißt für marxistische und parteipolitische, Studien zuständige Propagandaministerium. Wobei Goethe an dieser hohen Stelle wahrscheinlich zugutekommt, dass Karl Marx Goethes präzise Analyse des aufstrebenden Kapitalismus besonders hoch geschätzt hat.
Mammutprojekt von kulturpolitischer Relevanz
Die Rede ist genauer gesagt von einem Mammutprojekt von weitreichender kulturpolitischer Relevanz, einem Projekt, an dem nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt über hundert Übersetzer und Germanisten arbeiten: der ersten (fast 50 Bände umfassenden) vollständigen chinesischen Goethe-Gesamtausgabe. Sie gilt als das größte Übersetzungsprojekt deutscher Literatur in der Geschichte der Volksrepublik China. Diese Gesamtausgabe ließe sich durchaus verstehen als Geste des Dankens, mit der China einen Kreis schließt: Goethe, der im 19. Jahrhundert als „Konfuzius von Weimar“ sich dem Geist Chinas öffnete, wird nun gleichsam „heimgeholt“ in den chinesischen Kulturraum als Quellgrund seiner universalistischen Idee der „Weltliteratur“.
Das universell Verbindende feiern
Denn in der Tat war es Goethe, der im Lichte seiner Kenntnis der chinesischen Lyrik und Literatur seine Idee der „Weltliteratur“ entwickelte. Hatte er doch nach der Lektüre zeitgenössischer chinesischer Romane festgestellt, dass die Menschen in China „fast ebenso wie wir denken, handeln und empfinden“. Eine Erkenntnis, die seine Vorstellung universeller menschlicher Gemeinsamkeiten bestätigte und ihn schließlich in dem 1829 erschienenen Gedichtzyklus „Chinesisch-Deutsche Jahres- und Tageszeiten“ ermutigte, bewusst nicht nach dem Fremdartigen und Exotischen zu suchen, sondern das universell Verbindende zu feiern.
Geistige Ressource für die Seele
Ganz in diesem Sinne äußert sich denn auch Wei Maoping, der Dekan der germanistischen Fakultät an der Shanghai-Universität für internationale Studien, als Projektleiter der Gesamtausgabe: „Goethes Philosophie“ sei als „geistige Ressource für die Seele“ der modernen chinesischen Gesellschaft nutzbar zu machen. Um dann konkret mit einem Faust-Zitat den Kern dieser goetheschen Philosophie für die chinesische Gesellschaft auf den Punkt zu bringen: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ Denn genau dies passe zur Mentalität der heutigen Chinesen: „Sie wollen etwas tun, sie wollen vorwärtskommen.“
Ähnliches hat offenbar auch Chinas Staatspräsident Xi Jinping empfunden, als er im August 2007 (in deutscher Sprache) die deutsche Bundeskanzlerin in Peking mit einem ähnlich lautenden Faust-Zitat überraschte: „Der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.“ Hatte Xi Jinping doch selbst als Jugendlicher während der Verbannung in Liangjiahe (wo er rund sieben Jahre als einfacher Bauer arbeitete und in einer in den Lössfelsen gegrabenen Höhle wohnte) eine weite Strecke zu Fuß zurückgelegt, um Goethes Faust-Tragödie in der erwähnten Übersetzung Guo Maruos auszuleihen. Mit dem Ergebnis, dass er sie teilweise auswendig kennt, bereits mehrfach daraus in Reden zitiert hat.

Eine Lebensphilosophie, die offensichtlich auch Goethe für sich selbst in Anspruch genommen hat, als er seine rund 60-jährige amtliche Tätigkeit in Weimar bilanzierte mit den Worten: „Mein Leben war das ewige Wälzen eines Steins, der immer von neuem gehoben werden musste“ (1824 gegenüber Eckermann). Ganz in diesem Sinne hatte Goethe sich denn auch im erwähnten weltliterarisch inspirierten Gedichtzyklus „Chinesisch-Deutsche Jahres- und Tageszeiten“ geoutet: nämlich als chinesischer „Mandarin“. Das heißt, er übernimmt bewusst und metaphorisch jenes Rollenfach, das in China für mehr als ein halbes Jahrtausend bereits die Repräsentanten eines Bildungs- und Leistungsadels übernommen hatten – die (anders als der europäische Geburtsadel) nur im Wege eines rigorosen Prüfungssystems zu hohen Staatsämtern, Richtern und Gelehrten aufsteigen konnten. Ein meritokratisches Rollenfach also ganz im Geiste der konfuzianischen Tüchtigkeitstugenden eines lebenslangen Lernens und Übens.
Vom Imitator zum Innovator
Konfuzianische Tüchtigkeitstugenden, die auch der 1997 verstorbene Deng Xiaoping auf dem XII. Parteitag der Kommunistischen Partei 1989 ausdrücklich als bildungspolitisches Leitbild für den „Sozialismus chinesischer Prägung“ gefordert hatte. Und von deren Praxisvollzug durch die Mandarine er offenbar überzeugt war: vom frühkindlichen Erlernen der extrem schwierigen Sprache bis hin zur letzten Prüfung vor dem Kaiser. Eine Tüchtigkeitsüberzeugung, der nicht zuletzt auch jene Bildungsrevolution geschuldet sein dürfte, die Deng Xiaoping vor rund einem halben Jahrhundert initiierte. Und verbindlich machte für inzwischen 1,5 Milliarden Chinesen – mithilfe einer neunjährigen Schulpflicht und zweier rigoroser Schulprüfungen (nach der neunten und zwölften Klasse) sowie der Einführung der Mathematik als Königsdisziplin des algorithmischen Jahrhunderts. Eine Bildungsrevolution der Ertüchtigung also, mit der China inzwischen der überraschende Erfolgsweg vom Imitator zum Innovator gelungen ist. Das „Australian Institute for Strategic Policy“ bestätigte jedenfalls, dass sich von 44 der wichtigsten Zukunftstechnologien bereits 37 in chinesischer Hand befinden.
Chinesische Zukunftsfähigkeit
Und hatte nicht Goethe selbst am Schluss des genannten Gedichtzyklus ausdrücklich für eine Zeitenwende im Geiste dieser Tüchtigkeit plädiert? Statt (romantischer) „Sehnsucht ins Ferne, Künftige“ fordert er dort seine Leser auf, sich „hier und heute im Tüchtigen zu beschäftigen“. Goethe hat diese chinesische Zukunftsfähigkeit offenbar schon früh beschäftigt. Denn den „Urfreund“ Knebel hatte er bereits 1813 überrascht mit dem Gedanken eines Fluchtversuchs nach China. Er habe sich dieses wichtige Land „gleichsam aufgehoben und abgesondert, um sich im Fall der Not … dahin zu flüchten“. Mit dem Zusatz: „sich in einem neuen Zustand zu befinden, ist sehr heilsam“. Auch habe er „China und was dazugehört, fleißig durchstudiert“.
Den Fall der Not hatte Goethe dann offenbar drei Jahre vor seinem Tod für gekommen gehalten. Denn offenbar sehnte sich Goethe nach dem als „heilsam“ empfundenen „neuen Zustand“ als „Mandarin“, der nun endlich im erwähnten Gedichtzyklus manifest wird. Ein durch Tüchtigkeit erworbener Zustand, den Goethe vor allem seinen deutschen Lesern empfiehlt. Denn er hatte bei seinen Zeitgenossen erkannt, dass sie sich bedenklich auf dem Weg der „Mittelmäßigkeit“ befanden, um darin „zu verharren“ (an Zelter 06.06.1825). Vielleicht überrascht daher auch nicht sein Resümee über die Deutschen: „Sie mögen mich nicht. Ich mag sie auch nicht.“ Oder sein Urteil: „Im Einzelnen achtsam und im Ganzen miserabel.“
